# taz.de -- Umbau der Bundesregierung: Ein bisschen Diversität, endlich
       
       > Endlich setzt Merz nicht nur auf Männer, die so ticken wie er. Das ist
       > nötig, um seine Kanzlerschaft herumzureißen. Aber das allein wird nicht
       > reichen.
       
 (IMG) Bild: Wird eine zentrale Position besetzen, Warken mit Amthor, Merz und Linnemann am 24. Juli
       
       Der [1][Rücktritt von Jens Spahn] war ein unverhofftes Sommergeschenk für
       den Kanzler. Völlig eigenständig hat der eigentlich so ausgebuffte, bislang
       so mächtige, jetzt ehemalige Fraktionsvorsitzende der Union den eigenen
       Rücktritt unvermeidlich gemacht – in den Augen der Öffentlichkeit und einer
       breiten Mehrheit in der CDU. Zwar verliert Friedrich Merz damit einen
       Fraktionschef, der zuletzt eine tragende Säule der Koalition war.
       
       Aber Merz ist eben auch kampflos einen einflussreichen Konkurrenten los,
       auf den er einerseits angewiesen war, dem er anderseits nie ganz trauen
       konnte. Mit einem vakanten Posten kann er nun sein Kabinett umbilden, ohne
       als Startschuss gleich jemand feuern zu müssen, wovor er sich offenbar
       scheute.
       
       Es ist eine Chance, seiner Regierung einen Neustart zu verpassen, was ohne
       Zweifel notwendig ist. Die schlechte Meinung über ihn und seine Koalition
       hat sich derart verfestigt, dass auch ein paar aus Unionssicht gelungene
       Reformen daran nichts ändern werden. Mit Merz’ Arbeit sind nach dem
       jüngsten ARD-Deutschlandtrend fünf von sechs Deutschen unzufrieden. Das ist
       der schlechteste Wert, der in der 30-jährigen Geschichte des
       Deutschlandtrends je von einem amtierenden Kanzler gemessen wurde. Und nach
       verschiedenen Umfragen liegt die AfD derzeit 5 Prozentpunkte vor der Union.
       5 Punkte!
       
       Hat Merz diese Chance nun genutzt? Jein. [2][Er hätte seine
       Wirtschaftsministerin ersetzen können], die ideologisch getrieben fossile
       Politik betreibt und gänzlich unfähig erscheint, gegenüber den mitunter
       gebeutelten Bürger:innen auch nur den Hauch von Mitgefühl auszustrahlen.
       Stand jetzt aber bleibt sie. Auch dass unter dem bisherigen
       CDU-Generalsekretär die Gesundheitspolitik weniger soziale Schieflage
       erhält, was für das Gerechtigkeitsgefühl in der Bevölkerung wichtig wäre,
       kann man bei dem wirtschaftsliberalen Carsten „Einfach mal machen“
       Linnemann wohl ausschließen. Karl-Josef Laumann vom CDU-Sozialflügel aus
       Düsseldorf nach Berlin zu holen oder Dennis Radtke aus Brüssel wäre ein
       anderes Zeichen gewesen: nämlich dass Merz verstanden hat, dass er die
       inhaltliche und personelle Verengung der Partei zu weit getrieben hat.
       
       Aber diese Personalrochade ist auch nicht nichts. Im Gegenteil. Merz geht
       ins Risiko. Drei zentrale Schaltstellen von Regierung und Partei besetzt er
       neu: das Kanzleramt, den Fraktionsvorsitz und mit dem Generalsekretär auch
       die Partei, was vor den anstehenden Landtagswahlen im Herbst bemerkenswert
       ist. Und auch der tatenlose Verkehrsminister Patrick Schnieder muss
       offenbar gehen, auch wenn es Merz am Freitagmorgen noch nicht bestätigt
       hat. Dass Merz Thorsten Frei – trotz seiner Fehler – vom Kanzleramt auf den
       Fraktionsvorsitz weglobt, ist dabei wahrscheinlich noch die geringste
       Herausforderung.
       
       Merz hat in der CDU kein großes Netzwerk von Menschen, das er über
       Jahrzehnte aufgebaut hat und denen er vertraut. Er hat sich bislang mit
       einem kleinen Führungszirkel umgeben, der sich durch Loyalität auszeichnet
       und dadurch, dass alle so ticken wie Merz. „Boy-Group“, so wird dieser
       Kreis, zu dem Frei und Linnemann gehören, genannt. Alles Männer, alle
       westdeutsch, alle wirtschaftsliberal und gesellschaftspolitisch
       konservativ. Kein Korrektiv weit und breit. Das ist ein Problem für Merz'
       Kanzlerschaft.
       
       Ein heterogener Blick würde Fehler verhindern und neue Perspektiven
       eröffnen. Auch könnten andere das kompensieren, was Merz fehlt: Empathie
       zum Beispiel, Fingerspitzengefühl und eine gewisse Leidenschaft für soziale
       Gerechtigkeit. Und wenn er es selbst nicht vermag, eine Zukunftsgeschichte
       für dieses Land zu erzählen, könnten sich nicht andere an diese Erzählung
       machen?
       
       ## Mehr Frauen an der Macht
       
       Mit Nina Warken wird nun erstmals eine Chefin ins Kanzleramt einziehen. Und
       sollte Franziska Hoppermann neue CDU-Generalsekretärin werden, würden
       gleich zwei Frauen in den engeren Machtzirkel vorstoßen. Zwei Frauen zwar,
       die ihre politschen Aufstieg Merz zu verdanken haben. Aber auch zwei, die
       sich beide in der Frauenunion engagieren, in der eine gehörige Skepsis
       gegen Merz herrscht. Die beiden Frauen wären dann auch Teil des mächtigen
       Koalitionsausschusses – die CDU wäre dort plötzlich mit mehr Frauen
       vertreten als die SPD. Dass Hoppermann aus dem CDU-Sozialflügel kommt,
       verbreitert die Perspektiven zusätzlich. Und dann ist da noch der
       Ostdeutsche und mit 33 Jahren relativ junge Philipp Amthor, der allerdngs
       bereits einen Lobbyskandal hinter sich hat, als neuer
       Bund-Länder-Koordinator; diese Zusammenzuarbeit zu verbessern, ist dringend
       notwendig.
       
       Die Portion Diversität, die Merz sich jetzt traut, ist wichtig, allein mit
       seiner kleinen Männertruppe wird diese Kanzlerschaft nichts mehr werden.
       Ausreichend aber ist diese Öffnung natürlich nicht. Die Neuen müssen
       beweisen, dass sie ihre Jobs beherrschen – ohne allzu viele handwerklichen
       Fehler, wie sie der Union bislang in der Regierung unterlaufen sind. An
       Warken gab es, wie auch an Frei, deutliche Kritik. Dass es bei der
       Gesundheitsreform, die eigentlich ein Sparpaket ist, an eigenen Impulsen
       gemangelt habe etwa, auch weil Warken das Thema wohlmöglich nicht
       durchdrungen habe. Auf Frei und sie aber kommt es jetzt besonders an. Merz
       ist ins Risiko gegangen. Seine Zukunft hängt von ihnen ab.
       
       24 Jul 2026
       
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