# taz.de -- Die Kunst der Woche: Vielleicht beginnt man mit dem Phallus
> Bei Scherben geht es um Bild und Fetisch des Tätowierkünstlers Albrecht
> Becker, in der Galerie im Turm destilliert Daphne Schüttkemper Körper aus
> Häusern.
(IMG) Bild: Lucas Odahara, „Intervalo“, 2025, in der Ausstellung „body multiple“ bei Scherben
Man weiß gar nicht, womit man anfangen soll in der Ausstellung [1][„body
multiple“ im Projektraum Scherben]. Eine regelrechte Bilderflut aus dem
Nachlass des schillernden Albrecht Becker fällt hier auf einen ein. Becker,
der Szenenbildner, unermüdliche Fotograf seiner selbst, der von den Nazis
seiner Homosexualität wegen zur Gefängnisstrafe verurteilt wurde, dennoch
freiwillig als Wehrmachtssoldat an die Ostfront ging, und nach dem Krieg in
Szenekreisen weltweit zum bekannten Tätowier- und Fetischkünstler wurde.
2002 verstarb er in Hamburg 95-jährig. Zuvor konnte [2][Rosa von Praunheim]
noch ein Interview mit ihm führen. Dadurch mag man schon von Albrecht
Becker gehört haben, der in seiner Tattoo-Manie als gebürtiger Nürnberger
die Initialen Albert Dürers in gleicher Schriftart unter seinem Brustkorb
auf der Haut verewigte – nur eben A. B. Als sie dann verblassten, übermalte
er sie mit Schminke, wie er so vieles übermalte in dieser Ausstellung: Auf
Porträtfotos kolorierte er Gesichtspartien nach, Nahaufnahmen seiner Haut,
die der Fotograf Hervé Joseph Lebrun als Teil seiner über Jahre hinweg
angelegten Becker-Serie anfertigte, nutzte er wie einen Bildgrund.
Die Fotografie ist in dieser Ausstellung Mittel der Dokumentation und der
Inszenierung, der Abbildung von Wirklichkeit – etwa wenn der greise Becker
ungeachtet seiner klapprigen Statur Sexpraktiken vor der Kamera vollzieht –
und des Surrealismus – wenn er Negative doppelt belichtet und mehrfach auf
Fotos erscheint.
Beckers von Paraffin zunächst aufgespritzter und später vollkommen
deformierter Penis ist Leitmotiv, Fetischobjekt, Stellvertreter und
Antiideal in dieser Ausstellung. Hundertfach zu sehen, malträtiert,
überformt. Diese feine, volle Schau handelt letztlich vom Anderssein und
wie dies im Bild auftaucht. Das untermalt hier, visuell sehr viel sanfter,
der japanisch-brasilianische Lucas Odahara mit seinen kleinen
Papierinstallationen, den „Intervales“. Es sind Miniaturbühnenräume, Orte
zwischen Realität und Fiktion, belebt durch Charaktere, deren Identität
uneindeutig ist.
## Daphne Schüttkemper in der Galerie im Turm
Der Körper ist auch Daphne Schüttkempers Thema in der Galerie im Turm. Aber
bei diesen Herkulesfiguren und Athleten, die sie aus Fassaden und Portalen
herausdestillierte, geht es um den idealisierten Körper, wie er an
historischen Architekturen und bis heute im öffentlichen Raum zu sehen ist.
Auch der klassische Nazi-Adler ist in ihrer Ausstellung „Säulenordnung“ zu
sehen. Aus Wachs nachgeformt, aber in einem ruinösen Zustand, sind diese
brüchigen Gestalten Teil eines hinterfragbaren Repräsentationssystems.
Schüttkemper brachte sie auf Stahlständern an, die mal wie eine Nazisäule,
mal wie Duchamps berühmter Flaschentrockner aussehen. Die hier etwas
plakativ behandelte Frage nach der Ordnung und Macht in der Architektur
wird auch zu einem sehenswerten Spiel der Formen.
7 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://scherben.in/
(DIR) [2] /Nachruf-auf-Rosa-von-Praunheim/!6139359
## AUTOREN
(DIR) Sophie Jung
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