# taz.de -- Die Kunst der Woche: Ein zukunftsweisender Irrtum
> Linien, Kurven und Bewegungen in der Fotografie sind in der Galerie
> Springer zu sehen. Farbe, Punkt für Punkt nebeneinandergesetzt, im Museum
> Barberini.
(IMG) Bild: „Others“: eine Installationsansicht mit Fotos von Stefanie Seufert in der Galerie Springer
Die [1][aktuellen Arbeiten von Loredana Nemes] – in der Galerie Springer
mit zwei weiteren Positionen präsentiert – überraschen erneut. Nur der
Titel „overexposed“ macht deutlich, dass es sich bei den schwarzen
Blättern, die von rhythmisch übereinander gestaffelten weißen Linien
durchzogen sind, um Fotografien handelt. Eigentlich meint man künstlerische
Grafik der Nachkriegszeit zu sehen. Doch es sind die Schnittkanten von
übereinander geschichteten Fotopapieren, die von der Sonne belichtet, tief
schwarz wurden, die die weißen Linien bilden.
Die Hommage an Karl Blossfeldt ist zwar bei Aitor Ortiz sofort deutlich.
Rätselhaft bleiben die „Pflanzen“ der schwarzweißen Großformate des
Künstlers aus Bilbao dennoch. Tatsächlich sind es Metalllocken – Abfall und
Reminiszenz an die Industriegeschichte der Stadt.
Mit den Kohl- und Blaumeisen der Berliner Parks bringt Stefanie Seufert
quirliges Leben in die Galerie. Um ihre immer in Bewegung befindlichen
Protagonisten einzufangen, entwarf die Fotografin kleine Aufnahmestudios im
Freien und übte sich dann in Geduld. Wenn die Vögel sich vor die Hohlkehle
verirrten, wurden sie – ähnlich den „portable studio portraits“ von Richard
Avedon oder Irving Penn – fotografiert.
1904 bemängelte der Kunstkritiker Julius Meier-Graefe, dass „wir Deutschen
an dem Irrtum leiden, Kunst zu denken, statt zu betrachten“. Das aber
stellte sich letztlich als gute Voraussetzung für die Rezeption moderner
Kunst heraus. Zunächst für die von Meier-Graefe – und jetzt im [2][Museum
Barberini in Potsdam] – gefeierte „Symphonie der Farben“, also die Kunst
von Paul Signac (1863–1935) und des Neoimpressionismus.
Signac selbst bevorzugte den [3][Begriff des Divisionismus], weil die
Farbpigmente nicht mehr additiv zusammengerührt, sondern in ihrer
Integrität unberührt Punkt für Punkt oder Strich für Strich, Linie für
Linie auf der Leinwand nebeneinander gesetzt wurden. Die Mischung vollzieht
sich erst im Auge des Betrachters.
Mit dem Ansatz über die Gesetze der Optik ihre Malweise wissenschaftlich zu
definieren, kommt in den lichtdurchfluteten neoimpressionistischen
Landschaften der sonnigen Côte d'Azur dann doch ein kühler Wind auf. Er
liegt in einem distanzierten Blick, der das Konstruierte der Malerei
betont. Analog zur Musik begreift Signac das Bild als eine Komposition. Das
Streben nach visueller Harmonie führt in die Selbstreflexion, aber auch ins
Kalkulierte und in die Ironie, etwa bei den bürgerlichen Interieurs.
Liegt es an diesem anderen, nicht-genialisch gedeuteten Verständnis der
Malerei oder den anarchistischen, gesellschaftskritischen Überzeugungen von
Signac und seinen Freunden, dass doch erstaunlich viele Malerinnen bei den
Neoimpressionisten mitmischen konnten? Die großartigen Kuratorinnen des
Barberini haben sie nicht wie sonst übersehen, sondern präsentieren sie in
großer Vielfalt.
Galerie Springer: „Lines – Curves – Motion“ Loredana Nemes, Aitor Ortiz,
Stefanie Seufert, Fasanenstr. 13, Di.–Fr. 12–18 Uhr, Sa. 12–15 Uhr, bis 25.
Juli.
Museum Barberini: Symphonie der Farben. Paul Signac und der
Neoimpressionismus, Alter Markt, Potsdam, Mi.–Mo. 10–19 Uhr, bis 11.
Oktober.
14 Jul 2026
## LINKS
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(DIR) [3] /Der-Punkt-ist-nur-Mittel/!412868&s=Crans+Montana+Werneburg/
## AUTOREN
(DIR) Brigitte Werneburg
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