# taz.de -- Kolumne Berliner Galerien: Ich, das Wurzelgemüse
       
       > Was zeigt ein Porträt? Anna Oppermann, Loretta Fahrenholz und Tishan Hsu
       > spielen in Max Mayers Galerie mit Körper, Wahrnehmung und Täuschungen.
       
 (IMG) Bild: Anna Oppermann, „Portrait Herr S.“, 1971–1977, Installationsansicht Galerie Max Mayer
       
       Wo ist denn nun Herr S.? Unter den zig Zetteln, Bilderrahmen, Postkarten,
       Fotografien und Malereien, auf denen sich die Bilder, Zettel und Rahmen
       spiegeln, vor denen man gerade steht, ist er nicht. Vielleicht ist man
       selbst „Herr S.“, wo man sich hier – etwas narzisstisch gekränkt – unter
       all den porträtierten Banalitäten vergeblich suchen muss, die wie die
       Devotionalien vor einem Reliquienaltar ausgelegt sind.
       
       Die 1993 verstorbene Anna Oppermann hatte Humor. Galerist Max Mayer zeigt
       nun mit dem „Porträt Herr S.“ eines ihrer bekannten „Ensembles“ aus den
       1970ern. Ein Bündel Radieschen schrumpelt inmitten ihres verwirrenden
       Objekt-Arrangements vor sich hin, die rosig-rote Schale des
       Wurzelgemüse-Ichs passt ganz vorzüglich zu den rosa Deckchen, auf denen sie
       ihr Ensemble anordnete.
       
       Im gleichen Raum dringt schrumpelige Haut aus dem scheinbar monumental
       vergrößerten Handybildschirm des New Yorker Künstlers Tishan Hsu hervor. Es
       könnte ein Stück Arm oder Unterschenkel sein. Das Gliedmaß verschmilzt auf
       der vermeintlichen Bildschirmoberfläche mit Wundmalen, sie sehen aus als
       hätte man Versorgungsschläuche aus einer Bauchdecke gezogen.
       
       ## Auflösung in kubistische Körper
       
       Auf Loretta Fahrenholz’ digitalen Porträts werden Haut und Körper der
       abgebildeten Menschen nur noch zu einem seltsamen Muster. Wie Schlangenhaut
       wirkt die Oberfläche, oder ist es Keilschrift? Tanzende scheinen sich in
       die Einzelteile kubistischer Figuren aufzulösen.
       
       Klein und konzentriert ist die Ausstellung „Portrait(S)“ in Max Mayers
       Charlottenburger Galerie mit den drei sehr unterschiedlichen
       Künstler:innen Fahrenholz, Hsu und Oppermann. Und sie stellt die ganz
       elementaren Fragen der Bildkunst: Was sehen wir? Und was meinen wir nur zu
       sehen?
       
       Das fragt man sich auch vor den Fotografien von Dörte Eißfeldt in der
       Galerie Thomas Fischer. Wellen sieht man. Im immer gleichen Hochformat
       bauen sich die Wogen des Atlantiks vor einem auf. Der Schaum des
       Meerwassers legt ein marmornes Muster auf die Bildoberfläche,
       Lichtreflexionen ziehen vage Striche. Die haben was von einem
       Eightees-Design, als hätte man mit Photoshop mal die Brush-Funktion
       angeklickt und ein bisschen hin- und hergepinselt.
       
       ## Aus der experimentellen Fotografie
       
       Dörte Eißfeldt, Jahrgang 1950, kommt aus der experimentellen Fotografie.
       Mit ihren Bildern erkundet sie Farben-, Licht- und Raumverhältnisse. Das
       ist gerade auch in ihrer großen Werkschau im C/O-Berlin zu sehen. Wie in
       der Malerei geht es ihr auch um die Bildoberfläche. Vielleicht heißen die
       Fotografien bei Thomas Fisher auch deshalb „Seestücke“, als handelte es
       sich um William Turners entsprechende Gemälde.
       
       Es sind Inkjet-Drucke. Auf dem großen Format lässt sich verfolgen, wie sich
       die Druckfarbe auf dem Papier zu einer Abbildung von Meereswellen formiert.
       Mal sieht man nur einzelne Sprenkel wie Konfetti vor einem Wolkenhimmel,
       mal fügt sich die Farbe zu einer dichten Schicht zusammen.
       
       Aktuelle, dokumentarische Fotografie verwendet Katja Strunz – und beamt sie
       in ihrer Kabinettausstellung um gut 100 Jahre zurück, in eine Ästhetik der
       klassischen Moderne. Strunz zeigt im n.b.k. origamiartige Collagen aus
       hochauflösenden Satellitenbildern. Man kennt diese warnenden
       Anthropozän-Bilder von ausgebeuteten Berglandschaften oder ausgedörrten
       Waldgebieten.
       
       Aber Katja Strunz hat sie nun derart gefaltet und zusammengeschnitten, dass
       sie wie Malewitschs suprematistische Rechtecke oder Kandinskys
       Kompositionen daherkommen. Gesteckt sind sie in wulstige Rahmen, etwa wie
       man sie im Jahr 1915 in Sankt Petersburg verwandte, als Malewitsch sein
       „Schwarzes Quadrat“ erstmals vorstellte. Ein ästhetisches Vergnügen ist
       das, die ökologische Warnung der Satellitenbilder ist trotzdem zu
       vernehmen.
       
       17 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophie Jung
       
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