# taz.de -- Die Reformpläne von Schwarz-Rot: Der nächste Stresstest
> Der Rentenfrieden sorgt bei Union und SPD für gute Stimmung. Aber schon
> beim Koalitionsausschuss am 1. Juli wird es um weitere Streitthemen
> gehen.
(IMG) Bild: PKM-Sommerfest im Kronprinzenpalais Unter den Linden
Es ist die Zeit der Sommerfeste im politischen Berlin. Im Kronprinzenpalais
in Mitte feiert am Donnerstagabend der Parlamentskreis Mittelstand, die
wirtschaftsnahe und mächtigste Gruppe der Unions-Bundestagsfraktion mit
vielen Unternehmer:innen. Das Publikum, sehr weiß, sehr männlich, drängt
sich unter einer Glocke aus Hitze und Grilldüften, die Stimmung ist gut.
Gegen 21 Uhr steht die Führungsriege der Union auf der Bühne. Fraktionschef
Jens Spahn lobt das Rentenpaket und sagt: „Irgendwie haben wir uns da
selbst überrascht.“ Und er zitiert SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas:
„Stark, wie wir es schaffen zu sagen, das ist ein Gesamtkunstwerk.“
Dass die SPD-Chefin wohlwollend auf einem Unionsempfang zitiert wird, ist
neu. Kanzler Friedrich Merz spricht von einer Koalition, die gezeigt habe,
dass sie handlungsfähig sei und entschlossen.
Die Rentenkommission hat zwei Tage zuvor [1][ihre Vorschläge für eine
Reform der Alterssicherung] präsentiert, Merz und Bas haben fast
gleichlautend die Richtung für die Fraktionen im Parlament vorgegeben: Die
Empfehlungen seien als Paket nun komplett umzusetzen.
Auf dem Sommerfest des Progressiven Zentrums, eines SPD-nahen Thinktanks,
der sich einen Tag zuvor in einer Location in Kreuzberg trifft, ist die
Stimmung trotz Hitze gelöst. Parteichef Lars Klingbeil mahnt, der Vorschlag
dürfe jetzt nicht zerredet werden, die Einigung sei „ein Wert an sich“. Und
zieht dann einen historischen Vergleich. Die letzte sozialdemokratisch
geführte Regierung in der Weimarer Republik sei 1930 am Streit über ein
halbes Prozent bei der Arbeitslosenversicherung zerbrochen. Will sagen:
Diese Regierung darf nicht am Streit um Prozente scheitern, wenn
Rechtsextreme vor der Tür stehen. Damit macht Klingbeil das freudige Ja zu
den 33 Empfehlungen zu einer Art antifaschistischer Pflicht.
Doch solche nach Erpressung klingenden Mahnungen sind gar nicht nötig. Die
meisten Sozialdemokraten sind zufrieden. Die SPD hatte die Rente mit 63
jahrelang wie einen Gral verteidigt. Jetzt soll sie gestrichen werden. Es
erhitzt die Gemüter nicht. Die Genossen scheinen entschlossen, erst mal nur
das Positive im Rentenkompromiss zu sehen.
## Diese Harmonie ist neu
Diese Harmonie ist neu. In den letzten Monaten schien sich die Koalition
mitunter Richtung Kollaps zu bewegen. Ein [2][Treffen der Koalitionsspitzen
im April in der Borsig-Villa am Berliner Stadtrand nährte Zweifel,] ob
Union und SPD in der Lage wären, sich auf Reformen zu einigen. Dass es in
der Union Geraune über einen möglichen Austausch des Kanzlers gab, war auch
kein gutes Zeichen.
Die offenbar friedlich beschlossene Rentenreform scheint für Schwarz-Rot
das Blatt zu wenden. Spahn spricht von einer neuen Dynamik. In der SPD ist
es ähnlich. Endlich kein Streit. Endlich klappt mal was.
Ist die Einigung über die Rente eine Blaupause für die Zukunft der
Koalition? Eher nicht. Denn in der Kommission saßen Expert:innen
zusammen mit drei Abgeordneten. Annika Klose von der SPD-Linken war ebenso
dabei wie Pascal Reddig von der Jungen Union, der zu den
[3][Rentenrebellen] gehörte. Dass Klose und Reddig gemeinsam den Kompromiss
verteidigen, dämpft die Kritik in SPD und Union.
Der nächste Stresstest kommt am 1. Juli. Da treffen sich die Spitzen von
CDU, CSU und SPD zum Koalitionsausschuss. Man will sich auf zentrale
Reformen einigen: Pflege, Gesundheit, eine Arbeitszeitreform und die Reform
der Einkommensteuer. Der Zeitplan ist eng. Das Ziel: Schwarz-Rot will
beweisen, dass die demokratische Mitte handelt, dass sie etwas gegen die
Wirtschaftsflaute tut, Arbeitsplätze sichert.
## Wo die Meinungen weiterhin auseinandergehen
Doch wie man das erreicht – da gehen die Meinungen auseinander. Die Union
hält die aktuelle Wirtschaftskrise größtenteils für hausgemacht und
verweist auf hohe Lohnnebenkosten und einen zu teuren Sozialstaat. Die
Sozialdemokrat:innen machen vor allem externe Kräfte für die
Stagnation verantwortlich: China mit seiner Marktmacht und unfairen
Wettbewerbspraktiken, die Zollpolitik der USA, den Irankrieg und die hohen
Energiepreise.
Eine Annäherung wird knifflig, zumal nicht, wie bei der Rente, eine
Kommission als Puffer wirkt. Eine Runde aus sechs Politiker:innen, darunter
die Fraktionschefs Spahn und Matthias Miersch (SPD), bereitet das Treffen
vor. In dieser „Sherparunde“ ist von „entscheidenden Tagen“ oder auch
„kleinen Koalitionsverhandlungen“ die Rede.
Schwierig wird wohl die Einkommensteuerreform. „Groß“ soll sie sein, so
steht es im Koalitionsvertrag, mindestens 500 Euro im Jahr sollten die
Bürger:innen am Ende des Jahres mehr in der Tasche haben, so Bärbel Bas.
Bei 45 Millionen Steuerpflichtigen wären das 22,5 Milliarden Euro
Steuereinnahmen, auf die der Staat verzichtet. Und das bei einem Haushalt,
in dem bereits Milliardenlöcher klaffen. Die Ministerpräsident:innen
der Länder, die 42,5 Prozent aus dem Einkommensteuertopf erhalten, betonen,
die Steuerreform dürfe nicht zu ihren Lasten gehen. Und zwar
Länderchef:innen mit Union- und SPD-Parteibuch
SPD-Finanzminister Klingbeil fordert: „Menschen mit sehr hohen Einkommen
und Vermögen müssen ihren Teil beitragen.“ Die CDU verweist auf den
Koalitionsvertrag und schließt Steuererhöhungen aus. Für viele in der Union
sind höhere Steuern für Gutverdienende ein No-Go. Man dürfe nach der
Schuldenbremse kein weiteres Versprechen brechen.
## Einkommensteuer, Pflege, Arbeitszeitgesetz
Doch es gibt in der CDU auch jene, die eine Anhebung des
Reichensteuersatzes für machbar halten. Wer mehr als 280.000 Euro verdient,
zahlt derzeit auf jeden Euro über dieser Grenze 45 Prozent Steuern. Aus der
CDU heißt es, eine Erhöhung um ein bis zwei Prozentpunkte sei denkbar –
wenn die gesamte Steuerschuld sinke. Das mag gerecht wirken, entlastet aber
kaum den Haushalt.
Bisher hat Klingbeil kein Konzept vorgelegt. Das Finanzministerium hat das
für Dienstag geplante Sommerfest abgesagt. Vielleicht macht das Ministerium
Überstunden. Zur Erinnerung: Der Koalitionsausschuss im April scheiterte,
weil sich Merz, Klingbeil, Spahn und CSU-Chef Markus Söder nicht auf eine
Erhöhung des Spitzensteuersatzes verständigen konnten. Wiederholt sich
diese Blockade, steckt die Koalition in einer handfesten Krise.
Zudem: Schwarz-Rot will viel auf einmal. Über die Pflegereform von
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) herrscht in der SPD Unbehagen. Vor
allem, dass Menschen, die ihren Lohnjob unterbrechen, um Kinder oder Eltern
zu pflegen, weniger Rente bekommen sollen, halten viele Sozialdemokraten
für nicht vermittelbar. Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsidentin
Manuela Schwesig verdammte das als „unmenschlich“. Auch Sozialverbände
gehen auf die Barrikaden.
## Wie groß ist die Kompromissbereitschaft?
Ein linker SPD-Parlamentarier glaubt, viele in seiner Fraktion seien
derzeit vor allem auf Harmonie geeicht. Seine Befürchtung ist, die
Kompromissbereitschaft sei auch bei zentralen Themen wie dem
Arbeitszeitgesetz groß. Die Union will den Achtstundentag möglichst ganz
abschaffen.
Auch wenn die SPD den Erfolg der Regierung fast unbedingt will, wird es
Kontroversen geben. Schwarz-Rot will sich, als wären Pflege, Arbeitszeit
und Steuerreform nicht genug, noch ein umkämpftes Thema vornehmen: die
Wahlrechtsreform.
Die Union will, dass künftig wieder alle direkt gewählten Abgeordneten in
den Bundestag einziehen. Die SPD will durchsetzen, dass Wahllisten
paritätisch mit Frauen und Männer besetzt sein müssen. Einen Aufruf für ein
paritätisches Wahlrecht haben zwei Drittel der SPD-Abgeordneten
unterschrieben. Die SPD-Linke Carmen Wegge, die den Aufruf initiierte, sagt
der taz: „Rechtlich ist das ohne Weiteres möglich. Entscheidend ist der
politische Wille.“ Die Union spricht von unnötigen Provokationen der SPD.
Dass Jens Spahn nach dem Koalitionsausschuss am 1. Juli wieder freundlich
Bärbel Bas zitiert – das wäre eine Überraschung.
26 Jun 2026
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