# taz.de -- Ruhestand mit 63: Rente gut, alles gut
       
       > Nach 45 Arbeitsjahren konnte Pflegerin Roswitha Heim frühzeitig in den
       > Ruhestand, dafür ist sie Angela Merkel dankbar. In Zukunft soll das nicht
       > mehr gehen.
       
 (IMG) Bild: Katrin Wendler verabschiedet ihren Vater Detlef Zimmermann nach 50 Dienstjahren bei der Bahn in den Ruhestand. Ilfeld, Thüringen, 2023
       
       Die letzten 20 Jahre vor dem Renteneintritt hat Roswitha Heim als
       Altenpflegerin in Leipzig gearbeitet. Immer Vollzeit plus Nachtdienste und
       Überstunden. Heim hat ihren Job gern gemacht. Aber irgendwann stoße man an
       Grenzen, „körperlich und auch psychisch“. Dass sie früher als geplant in
       den Ruhestand konnte, passt letztlich in ihr Leben, in dem wenig nach Plan
       lief. „Ich war so glücklich, als die Rente mit 63 eingeführt wurde“, sagt
       die heute 74-Jährige.
       
       Eigentlich ist Heim gelernte Facharbeiterin für Gummi und Asbest, damals
       ein anerkannter Ausbildungsberuf in der DDR. Mit 18 Jahren hatte sie ihre
       Lehre bereits abgeschlossen. Danach arbeitete sie in unterschiedlichen
       Firmen, lange in einem Arzneimittelwerk, wo es ihr gut gefiel, später
       wechselte sie zu einer Firma für Baureparaturen, weil ihr Kind klein und
       ihr Arbeitsweg zu lang war. Der große Umbruch stand ihr noch bevor.
       
       Mit dem Ende der DDR brach ihr Leben, wie sie es gewohnt war, auseinander.
       Wie viele andere in dieser Zeit verlor Heim ihren Job. Ein Vierteljahr lang
       war sie arbeitslos, dann saß sie schon wieder am Schalter bei der Post.
       Weil sie nach einem sicheren Job in unsicheren Zeiten suchte, entschied
       sich Heim für eine Umschulung zur Altenpflegerin. Kein leichter Schritt.
       Als sie das erste Mal ein Pflegeheim betrat, sei sie „heulend wieder
       rausgelaufen“, erinnert sie sich. Aber sie blieb dabei. Altenpflege sei
       „ein schöner, aber auch harter Job“. Als Frau mit ostdeutscher Biografie
       war Lohnarbeit ein selbstverständlicher Teil ihres Alltags – auch zu der
       Zeit, als sie ihr Kind allein großzog.
       
       Nach 45 Arbeitsjahren, Anfang 2015, konnte Heim schließlich wenige Wochen
       nach ihrem 63. Geburtstag ohne Abschläge in Rente gehen. Sie gehörte damit
       zu den ersten Personen, die von der Option profitierten, die offiziell
       „Altersrente für besonders langjährig Versicherte“ heißt. Dafür sei sie
       „Angela Merkel immer noch dankbar“.
       
       ## Nur wenige Studierte zahlen so lange ein
       
       Die Bezeichnung „Rente mit 63“ hat sich bis heute gehalten, auch wenn sie
       inzwischen irreführend ist. Die Regelung besagt: Wer mindestens 45 Jahre
       lang Beiträge gezahlt hat, darf zwei Jahre vor dem regulären Eintrittsalter
       in den Ruhestand gehen, ohne dafür eine niedrigere Rente in Kauf nehmen zu
       müssen; ursprünglich also mit 63 Jahren, seitdem schrittweise später.
       
       Die Option wurde im Juli 2014 von einer schwarz-roten Regierung geschaffen
       – tatsächlich unter Angela Merkel, aber auf Pochen der SPD. Damals war die
       Sozialdemokratin Andrea Nahles Bundesarbeitsministerin. Die Idee war:
       Menschen, die früh anfangen zu arbeiten, eine Ausbildung machen, in
       tendenziell anstrengenden Berufen arbeiten und lange in die Rentenkasse
       einzahlen, sollen auch die Möglichkeit haben, früher aufzuhören. Die
       wenigsten, die studiert haben, zahlen ja so viele Jahre in die Rentenkasse
       ein.
       
       Zwölf Jahre später, es regiert wieder eine schwarz-rote Bundesregierung und
       Arbeitsministerin ist SPD-Chefin Bärbel Bas, wird die abschlagsfreie Rente
       für besonders langjährig Versicherte infrage gestellt. Die
       Rentenkommission, die [1][Anfang dieser Woche ihre Ergebnisse vorstellte],
       empfiehlt die Abschaffung. Das soll Kosten sparen. 2023 betrugen die
       Ausgaben für die Altersrente für besonders langjährig Versicherte etwa 3,46
       Milliarden Euro.
       
       Wer unmittelbar vor dem Renteneintritt steht, muss sich zwar keine Sorgen
       machen. Das Verfassungsrecht verlangt für solche Reformen Übergangsfristen,
       damit die Betreffenden ihre Planungen nicht von einem Monat auf den anderen
       über den Haufen werfen müssen. In der Rentenkommission selbst geht man
       davon aus, dass fünf Jahre Vorlauf rechtlich geboten sind.
       
       ## Es geht um Gerechtigkeitsfragen
       
       Aber wer heute Mitte 50 ist, wird eher nichts mehr von der abschlagsfreien
       Frührente haben. Der SPD bereitet die Abschaffung zwar Schmerzen. Bislang
       scheinen die Sozialdemokrat*innen aber der Vorgabe der
       Arbeitsministerin zu folgen, die Reformvorschläge der Rentenkommission als
       „Gesamtkunstwerk“ anzusehen. Dass der Bundestag in den nächsten Monaten
       tatsächlich die Abschaffung der Rente mit 63 beschließt, ist
       wahrscheinlich.
       
       Auf Widerspruch muss sich die Koalition dabei aber einstellen. Die
       Gewerkschaften bringen sich schon in Stellung, in der Gesellschaft taugt
       das Vorhaben als Reizthema. Es geht schließlich um Gerechtigkeitsfragen –
       und die Antworten sind kompliziert.
       
       Man kann die Debatte auf zwei Ebenen führen. Die eine ist grundsätzlich.
       „Die Bundesregierung muss die Lebensleistung der Menschen anerkennen“,
       sagte etwa DGB-Chefin Yasmin Fahimi in dieser Woche. Der Gedanke dahinter:
       [2][Wer 45 Jahre gearbeitet hat, hat sich die Rente einfach verdient.]
       
       Die Rentenkommission wollte dieses Argument nicht gelten lassen. Von einem
       „gewissen Missverständnis“ spricht zum Beispiel der Ökonom Peter Bofinger,
       der Teil des 13-köpfigen Gremiums war. Wer 45 Jahre statt 40 gearbeitet
       habe, erhalte eine entsprechend höhere Rente. Der vorgezogene Ruhestand sei
       nur ein Bonus gewesen, seine Abschaffung folglich kein Malus.
       
       ## Viele können nicht so lange durchhalten
       
       Der zweiten Ebene der Debatte konnte die Kommission nicht so leicht
       ausweichen. Viele ältere Arbeitnehmer*innen haben Gesundheitsprobleme,
       die ihnen die Arbeit erschweren. Oft sind die Beschwerden nicht so schlimm,
       dass es für die volle Erwerbsminderungsrente reicht. Bedingung dafür ist,
       dass man wegen Krankheit oder Behinderung überhaupt keiner Arbeit für mehr
       als drei Stunden am Tag nachgehen kann. Viele Erstanträge werden abgelehnt.
       Trotzdem sind viele gesundheitlich so angeschlagen, dass sie es zumindest
       in ihren bisherigen Jobs nicht bis zum regulären Renteneintritt schaffen –
       und ein Jobwechsel mit über 60 ist nicht einfach.
       
       Insgesamt arbeiten nur [3][40 Prozent aller Arbeitnehmer*innen bis zum
       regulären gesetzlichen Rentenalter]. Die anderen hören früher auf, teils
       mit großen Abschlägen. Dass die Regelaltersgrenze nun über 67 Jahre hinaus
       steigen soll und die Klimakrise mit ihren Hitzewellen voranschreitet, wird
       das Problem verschärfen. Bislang ist die abschlagsfreie Frührente ein
       Ausweg.
       
       Bei Roswitha Heim aus Leipzig war es so. Heim erlebte das Kaputtsparen der
       Pflege hautnah mit; immer mehr Dokumentationspflichten, weniger Personal,
       immer mehr schwerstkranke Bewohner*innen, Kolleg*innen, die ausfallen,
       Druck von der Heimleitung und von Verwandten der zu Pflegenden. Sie könne
       von Nachtdiensten erzählen, wo sie „zu zweit für 64 Menschen zuständig
       waren“. Selbst als sie Probleme mit dem Rücken bekam, machte Heim weiter –
       bis die Rente mit 63 kam. Ohne diese Option hätte sie weitergearbeitet.
       „Natürlich“, sagt sie, „aber ich wäre vermutlich öfter ausgefallen.“ Viele
       Kolleg*innen hätten nicht so lange wie sie durchgehalten.
       
       Folgt man dem Bericht der Rentenkommission, sind Fälle wie der von Roswitha
       Heim die Ausnahme. Darin steht, von Sonderregeln für besonders langjährig
       Versicherte würden „vor allem Besserverdienende, Gesündere und Männer
       profitieren, während Geringverdienende, Personen mit weniger stabilen
       Erwerbsverläufen und Frauen sie nicht in Anspruch nehmen (können)“. Es gibt
       [4][auch eine Studie des DIW], aus der hervorgeht, dass viele Personen mit
       eher geringer Arbeitsbelastung die Frührente in Anspruch nähmen –
       untersucht wurde dafür aber nur ein Jahrgang westdeutscher Männer.
       
       ## Gerade Rentner*innen sind armutsgefährdet
       
       Politisch hat sich die Erzählung durchgesetzt: Wohlhabende Männer mit
       Bürojobs machen sich ein schönes Leben auf Kosten der Solidargemeinschaft.
       Die Frage ist nur, ob das so überhaupt stimmt.
       
       Zahlen der Rentenversicherung, die die taz abgefragt hat, zeichnen ein
       anderes Bild. 2025 nahmen 262.361 Personen die Regelung in Anspruch. Davon
       waren 55,3 Prozent männlich und 44,7 Prozent weiblich. Es zeigt sich aber
       auch ein Unterschied zwischen west- und ostdeutschen Bundesländern. In
       Sachsen, dem bevölkerungsreichsten ostdeutschen Bundesland, wurde die
       abschlagsfreie Rente nahezu paritätisch bezogen. 52,5 Prozent waren Männer,
       47,5 Prozent Frauen – zurückzuführen ist das auf die höhere
       Erwerbstätigkeitsquote von Frauen und die bessere Kinderbetreuungsstruktur
       in der DDR. In NRW hingegen waren 57,7 Prozent Männer und 42,3 Prozent
       Frauen. In welchen Berufen vor dem Ruhestand gearbeitet wurde, wird von der
       Rentenversicherung nicht erhoben.
       
       Ausgezahlt wurde den Neurentner*innen im vergangenen Jahr
       durchschnittlich 1.677,49 Euro im Monat, Frauen bekamen im Schnitt weniger
       (1.468,86) als Männer (1.845,84) – wobei der Gehaltsunterschied in den
       ostdeutschen Bundesländern geringer ausfällt. Zum Vergleich: Die
       Armutsgefährdungsgrenze lag im Jahr 2025 für eine allein lebende Person
       [5][bei 1.446 Euro netto im Monat].
       
       Menschen im Ruhestand sind überdurchschnittlich stark armutsgefährdet. Zwar
       geht aus den Zahlen nicht hervor, wer noch ein Haus geerbt oder auf andere
       Vermögenswerte neben der Rente zurückgreifen kann. Aber Ministerin Bas hat
       mehrfach betont, dass gerade [6][in den ostdeutschen Bundesländern etwa 75
       Prozent der Menschen im Ruhestand nur über die gesetzliche Rente
       abgesichert sind.]
       
       ## Hohe Ablehnungsquote
       
       Das trifft auch auf Roswitha Heim zu. Dass nun die Möglichkeit des früheren
       Rentenbezugs abgeschafft werden soll, kann sie nicht nachvollziehen. „45
       Beitragsjahre sollten doch wirklich ausreichen“, sagt sie. Neben der Pflege
       gäbe es ja noch viele Berufe, die stark beanspruchend sind. „Die können
       doch nicht bis 67 oder länger arbeiten. Das geht doch gar nicht.“
       
       Die Rentenkommission schlägt immerhin eine „Härtefallregelung“ vor. Gelten
       soll sie für Menschen, die wegen „gesundheitlicher Einschränkungen“ nicht
       mehr in ihrem „letzten langjährig ausgeübten Berufsfeld“ arbeiten können.
       Wird das von Gutachter*innen bestätigt, soll die Rente auch in Zukunft
       zwei Jahre früher ohne Abschläge möglich sein, schon nach 35
       Beitragsjahren.
       
       Ob das wirklich so kommt, ist aber völlig offen. Aus der Kommission heißt
       es, die Zeit habe nicht gereicht, um weiter ins Detail zu gehen. Die
       Koalition soll jetzt die Kriterien ausarbeiten. Worauf Union und SPD dabei
       im Bundestag jeweils Wert legen möchten, ließen Abgeordnete auf taz-Anfrage
       offen.
       
       Über die Erwerbsminderungsrente gibt es schon heute viele Beschwerden. Oft
       müssen Antragssteller*innen mühsam gegen Entscheidungen ankämpfen. Die
       Quote der abgelehnten Anträge ist hoch, die Quote der erfolgreichen
       Widersprüche aber auch.
       
       28 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Rentenplaene-der-Regierung/!6190021
 (DIR) [2] /Rentenpolitische-Sprecherin-der-Linkspartei-Die-Leute-arbeiten-jetzt-schon-zu-lange/!6190022
 (DIR) [3] https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/gesetzliches-rentenalter-100.html
 (DIR) [4] https://www.diw.de/de/diw_01.c.927861.de/publikationen/wochenberichte/2024_48_1/rente_nach_45_jahren__auch_personen_mit_geringer_arbeitsbelastung_gehen_fruehzeitig_abschlagsfrei_in_ruhestand.html
 (DIR) [5] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_039_63.html
 (DIR) [6] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/rente-zahlen-fakten-100.html
       
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