# taz.de -- Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern: Schwesig oder Schrecken
       
       > Die Sozialdemokraten wählen Ministerpräsidentin Schwesig zur
       > Spitzenkandidatin für die Landtagswahl. Auf Prominenz aus der Bundes-SPD
       > verzichtet man gern vor Ort.
       
 (IMG) Bild: Wenn es im September nicht klappt, kann Manuela Schwesig ja auch immer noch die erste Shanty-Sängerin werden
       
       Bei der SPD in Mecklenburg-Vorpommern wird am Samstagvormittag erst mal
       geschunkelt. Ein bejahrter Shantychor aus Wismar gibt ein plattdeutsches
       Heimatlied nach dem anderen. Beim dritten Lied wird Ministerpräsidentin
       Manuela Schwesig auf die Bühne der Markthalle Wismar zwecks Mitsingen und
       Mitschunkeln eingeladen. Da lässt sie sich nicht lange bitten.
       
       Schließlich [1][singen und schunkeln untergehakt] fast alle der über 90
       Delegierten des SPD-Landesparteitags. Es geht um Ostsee und Wellen und
       Glück und Möwen. „Vielen Dank, dass ihr schon so schön beim Gesang
       mitgemacht habt, liebe Genossinnen und Genossen“, freut sich Julian Barlen,
       der Fraktionschef im Landtag, als Einheizer des Parteitreffens. Auch
       Manuela Schwesig ist zufrieden: „Wenn der Tag mit Shanty beginnt, kann
       nichts mehr schiefgehen.“
       
       So sollte es auch kommen. Schwesig wird mit 99 Prozent der
       Delegiertenstimmen [2][zur SPD-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl am
       20. September] gewählt. Klar ist, die Ministerpräsidentin und
       Landesvorsitzende hat ihren Laden fest im Griff. Sie selbst sagt: „Das ist
       Megarückenwind.“ Und dass sie der einen Gegenstimme und der einen
       Enthaltung dankbar sei, weil: 100 Prozent immer schlechtes Omen bei der
       SPD.
       
       Für die Mecklenburg-Vorpommerschen Genoss:innen, die seit bald 30 Jahren
       die Regierungschef:innen im Nordosten stellen, geht es im September um
       alles oder nichts. In Umfragen führt seit Monaten die AfD mit satt über 35
       Prozent, die SPD liegt derzeit neun Prozentpunkte dahinter auf Platz zwei,
       Linke und CDU folgen knapp zweistellig. Das realistischste Szenario, um
       eine AfD-Alleinregierung zu verhindern, ist eine SPD-geführte Koalition
       unter der amtierenden Ministerpräsidentin.
       
       ## Kritik an „unmenschlichen“ Sozialreformen
       
       Schwesig spricht eine Stunde lang, frei stehend im roten Hosenanzug, ohne
       Pult und Zettel. Am lautesten und längsten klatschen die Delegierten, als
       sie die [3][geplanten Sozialreformen der Bundesregierung] seziert.
       Pflegenden Angehörigen die Rente zu kürzen sei „unmenschlich“, sagt sie und
       erzählt von einer Erzieherin, die seit Jahren ihre schwerbehinderte Tochter
       pflegt und dafür ihren Beruf aufgab. Statt diesen Menschen auf Knien zu
       danken, erhöhe die Bundesregierung den Druck auf sie. „Das hat nichts mehr
       mit Gerechtigkeit zu tun.“ Sie lehne solche Pläne ab, sowohl bei der Pflege
       als auch bei der Rente.
       
       Die wahlkämpfenden SPD-Delegierten in Mecklenburg-Vorpommern gehen damit
       auch deutlich auf Distanz zur Bundes-SPD. „Die Ablehnung der Kürzungspläne
       spiegelt exakt die Stimmung an der Basis wider“, sagt Erik von Malottki,
       der in Neubrandenburg als Direktkandidat antritt. „Und ich glaube, dahinter
       können sich auch viele Wählerinnen und Wähler versammeln.“
       
       Auf Parteiprominenz aus Berlin würden die Genoss:innen in den kommenden
       knapp 100 Tagen bis zur Landtagswahl gern verzichten. Auf die Frage, ob
       Bärbel Bas oder Lars Klingbeil im Wahlkampf nach Mecklenburg-Vorpommern
       kommen sollen, übt sich der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes
       Arlt in Diplomatie: „Ich glaube, es ist ganz gut, wenn wir uns im Wahlkampf
       auf uns konzentrieren.“
       
       Schwesig hatte gleich zu Beginn ihrer Rede betont, es ginge bei der Wahl am
       20. September ja nicht um internationale Debatten, auch nicht um
       Bundespolitik, sondern allein um eine Entscheidung für
       Mecklenburg-Vorpommern. Und diese Entscheidung laute: Entweder Manuela
       Schwesig an der Spitze einer starken, demokratischen, verlässlichen
       Regierung oder „Alleinherrschaft der AfD“. [4][Anders gesagt: Schwesig oder
       Schrecken.]
       
       ## Schwesigs Beliebtheitswerte
       
       Die Ministerpräsidentin kann dabei auch und vor allem auf ihre
       Beliebtheitswerte verweisen. In einer Umfrage von Mitte Mai gaben 51
       Prozent der Befragten an, mit der Arbeit von Manuela Schwesig zufrieden zu
       sein. Ohne Frage ein Traumwert, zumal für tendenziell vermeckerte
       ostdeutsche Verhältnisse.
       
       Deutlich wird Schwesigs Status als Landesmutter auch beim Vergleich mit den
       Spitzenkandidat:innen der anderen Parteien in Mecklenburg-Vorpommern.
       Bei einer Direktwahl der Regierungschefin würden sich der Umfrage zufolge
       47 Prozent für die SPD-Frau entscheiden, die damit 20 Punkte [5][vor ihrem
       Herausforderer Leif-Erik Holm von der AfD] liegt. Nur: Es gibt keine
       Direktwahl.
       
       So geht es im September eben zugleich um die Performance von Schwesigs
       rot-roter Landesregierung – und hier sind die Zustimmungswerte bei weitem
       nicht so hoch. Die Chefin selbst sagt, man habe geliefert: ob Werften,
       kostenlose Kitabetreuung, Mobilität, Schwesig lobt allumfassend das
       Erreichte. Die SPD setzt nicht nur personell, sondern auch inhaltlich
       knallhart auf Kontinuität.
       
       Im „Regierungsprogramm“, dem die Delegierten in Wismar nach zweistündiger
       Diskussion einstimmig ihren Segen geben, setzt die SPD auf Wirtschaft,
       Bildung und sozialen Zusammenhalt. Auch das Programm besteht zu großen
       Teilen aus Beschreibungen dessen, was die Partei in der Vergangenheit
       bereits geleistet haben will und weiter so leisten wird.
       
       ## Programmhinweise für die SPD
       
       Besonders stolz ist die SPD Mecklenburg-Vorpommern darauf, ihr Programm mit
       einer Art Bürger:innenbeteiligung erstellt zu haben. Gut drei Wochen
       durften alle Interessierten online den Programmentwurf kommentieren und
       ergänzen.
       
       200 Bürger:innen hätten „mehr als 350“ Hinweise, Ideen und
       Änderungsvorschläge geliefert, teilt die Partei mit. „Die große Zahl der
       Einsendungen zeigt, wie viele Menschen unser Land aktiv mitgestalten
       wollen“, sagt Schwesig. Zur Einordnung: Mecklenburg-Vorpommern hat etwas
       mehr als 1,5 Millionen Einwohner:innen, rund 1,3 Millionen sind
       wahlberechtigt.
       
       Gerade mal 2.800 von ihnen sind Mitglied der SPD, das Flächenland zu
       beackern wird also auch personell eine Herausforderung. Sie werde durch
       jeden Wahlkreis touren, sagt Schwesig der taz. „Ich freue mich darauf und
       mache das auch gern. Ich bin wirklich für den Straßenwahlkampf gemacht.“
       
       13 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://x.com/ale_notbeer/status/2065718887719621039
 (DIR) [2] /Landtagswahlen-in-Ostdeutschland/!6140934
 (DIR) [3] /Geplante-Pflegereform/!6181292
 (DIR) [4] /SPD-in-Ostdeutschland/!6165197
 (DIR) [5] /AfD-beschliesst-Wahlprogramme/!6182982
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Lehmann
 (DIR) Rainer Rutz
       
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