# taz.de -- Umgang mit der AfD: Verdampft noch mal!
> Die Wirtschaft steckt in der Krise, die Regierung auch, die AfD steht vor
> der Tür. Warum sind so viele immer noch so gelassen?
(IMG) Bild: Nicht so flüchtig wie diese Rauchwolke auf ihrer Wahlparty: die AfD
Die Temperatur steigt. Langsam, aber unausweichlich. Und wie der
sprichwörtliche Frosch, der in einem Kochtopf sitzt, der langsam wärmer
wird und der deswegen allmählich verbrüht, harren auch viele von uns
paralysiert und schreckensstarr der Dinge. Manche reden sich ein, dass es
schon nicht so schlimm kommen werde, während andere versuchen, der
Entwicklung etwas Gutes abzugewinnen. Aber wir nähern uns, ganz allmählich,
einem gesellschaftlichen Kipppunkt.
Die Anzeigetafeln an den Tankstellen lesen sich wie ein Fieberthermometer.
Die Preise steigen, besonders sichtbar beim Benzin, das immer noch ein
zentraler [1][Treibstoff unserer Gesellschaft] ist. Aber nicht nur die
Spritpreise, auch die Kosten für Heizöl und Erdgas steigen, weil die Straße
von Hormus aufgrund des [2][Kriegs gegen den Iran] noch immer massiv
eingeschränkt ist.
Infolgedessen steigen die Preise für Grundnahrungsmittel wie Gemüse,
Backwaren und Milchprodukte, auch Restaurantbesuche und Reisen werden
teurer. Zugleich nimmt die Inflation zu, wodurch man für sein Geld weniger
kaufen kann.
Parallel dazu steigen die Umfragewerte der AfD. Langsam, aber ebenso
scheinbar unausweichlich. Im Bund hat sie jetzt, laut allen
Meinungsforschungsinstituten, die Union überholt. In Sachsen-Anhalt, wo im
Herbst gewählt wird, liegt sie bei über 40 Prozent, eine absolute Mehrheit
liegt dort bedrohlich nahe.
Bleibt es dabei, wird es zumindest schwierig, ohne sie eine Regierung zu
bilden. So, wie es schon in Sachsen und Thüringen schwierig geworden ist.
Die Minderheitsregierungen dort stützen sich zur Not, wenn es darauf
ankommt, noch auf andere Parteien, vor allem auf die Linke. Doch die AfD
wartet nur darauf, dass die Brandmauer bricht.
## Krisen über Krisen
Die aktuelle Wirtschaftskrise kommt zu all den anderen Krisen dazu, zur
Klimakrise und zur Ukrainekrise, und sie verschärft die Krise der
Demokratie. Denn jeder weiß, wer die Energiekrise verursacht hat: Es waren
Donald Trump und Israels Premier Benjamin Netanjahu, der ihn zu seinem
dummen Krieg gegen den Iran überredet hat.
Man kann froh sein, dass die AfD nicht offensiv auf dumpfen
Antiamerikanismus und antisemitische Ressentiments setzt. Mit ihrer
ostentativen Trump-Kumpanei hat sie sich kompromittiert, mit ihren
offiziellen Lippenbekenntnissen zur deutschen Staatsräson gegenüber Israel
gibt sie sich handzahm. Gut möglich, dass sie ihren Ton ändert, wenn sie es
für opportun erachtet. Doch sie muss eigentlich gar nichts tun, sie muss
nur abwarten. Der Unmut über die aktuelle Entwicklung ist Wasser auf ihre
Mühlen.
Die Bundesregierung findet keine geeigneten Mittel, um diesem Unmut zu
begegnen. Friedrich Merz hat zu viel versprochen, als er im Wahlkampf
vollmundig zusicherte, das Land aus der Krise zu führen, und in seiner
Regierungserklärung behauptete, man werde schon im Sommer 2025 spüren, dass
es vorangehe im Land. Auf den ausgebliebenen „Herbst der Reformen“ folgt
nun ein Sommer des Unbehagens. Ein Sommer, den mehr Menschen in Deutschland
verbringen werden als die Jahre zuvor.
Der wirtschaftliche Einschnitt ist tiefer als während der Coronakrise. Denn
während die Pandemie einem abrupten Schock glich, der irgendwann
überstanden war, erleben wir jetzt eine Wirtschaftskrise, die aufgrund
struktureller Schwächen zu einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und
Wohlstand führen wird. Darauf sind wir nicht vorbereitet, und Merz findet
nicht die richtigen Worte, um die Menschen auf schwierige Zeiten
einzustimmen. Der Tankrabatt ist ein Tropfen auf den heißen Stein.
Die Union glaubte, mit einer radikalen Migrationswende der AfD das Wasser
abgraben zu können – das Ergebnis ist bekannt. Nun will sie die Arbeitszeit
ausweiten, den Kündigungsschutz lockern und an der Rente rütteln. Ob das
die AfD schwächt? Unwahrscheinlich. Auch von rechts wird die Kritik an
Friedrich Merz immer lauter. Milliardenschulden statt „Schuldenbremse“
gelten vielen als gebrochenes Versprechen, die sogenannte Migrationswende
geht manchen nicht weit genug. In ihren Augen gibt der Kanzler der SPD viel
zu oft nach.
Konservative Autoren wie Jan Fleischhauer, Gabor Steingart und Nikolaus
Blome behaupten, „linke Mythen“ und die SPD würden den Kanzler fesseln.
Merz gibt sich trotzig und wild entschlossen, diesem Eindruck
entgegenzutreten, und lässt sich dafür beim DGB und sogar auf dem
[3][Katholikentag] ausbuhen. Dennoch werden die Sirenenrufe von Springer,
Nius, Tichy und Co immer lauter, die Union möge doch den Schulterschluss
mit der AfD suchen. Dann könne Merz endlich die Politik machen, die er
möchte, säuseln sie.
Die Abstiegsängste sind real, die Verteilungskämpfe brutal. Das treibt der
AfD, die sich als die Partei des nationalen Egoismus und Anwältin der
alteingesessenen Mehrheit versteht, die Wähler zu. Was die Union zum Pakt
mit der AfD abhält, ist vor allem deren Haltung zu Russland und zum Krieg
in der Ukraine.
Aber wird das ein Hindernis bleiben? Es wird schließlich immer einfacher,
die Ukraine im Stich zu lassen, nachdem schon die USA abgerückt sind. Warum
soll man sie noch finanziell unterstützen, wenn schon hierzulande immer
mehr gespart wird – zumal viele Deutsche einen direkten Krieg gegen
Deutschland für wenig wahrscheinlich halten, allen Bedrohungsszenarien zum
Trotz?
## Was Menschen von Fröschen unterscheidet
Die Milliardenbeträge an die Ukraine übersteigen die Ausgaben für die viel
genannten „[4][Radwege in Peru]“ bei Weitem, die zum Sinnbild für eine
angeblich verrückte linke Politik geworden sind. Das macht den Ruf nach
„Germany first“ für viele attraktiv. Und Markus Söder und Jens Spahn lauern
schon darauf, das Ruder zu übernehmen, wenn Merz scheitert.
Sie wären womöglich auch zu einem Deal mit der AfD bereit. Union und AfD
hätten im Bundestag und in sieben Bundesländern – in Sachsen,
Sachsen-Anhalt und Thüringen, Bayern und Hessen sowie neuerdings auch in
Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – schon jetzt rechnerisch eine
Mehrheit.
Dass sich ein Frosch langsam zu Tode kochen ließe, wenn man das Wasser
langsam erhitzt, ist übrigens ein Mythos. Diese Wechselwarmblüter reagieren
vielmehr sehr empfindlich auf Temperaturveränderungen. Sobald das Wasser
eine Temperatur erreicht, die für sie unangenehm ist, versuchen sie, ihrer
Situation zu entkommen.
Das unterscheidet sie von vielen Menschen. Denn es ist bemerkenswert, wie
ruhig viele in dieser Lage noch bleiben. Entweder es geht ihnen doch
besser, als man denkt. Oder sie glauben, eine AfD-Regierung werde sie
selbst schon nicht betreffen und einschränken. Anders ist diese
Gelassenheit – oder besser: dieser Fatalismus – nicht zu erklären.
Anders als Frösche können Menschen mehr tun, als nur aus dem Kochtopf zu
flüchten, um etwas an ihrer Situation zu ändern. Zum Beispiel auf die
Straße gehen und mehr Druck auf diese Regierung ausüben, alles dafür zu
tun, dass die Temperatur sinkt.
22 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Daniel Bax
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