# taz.de -- Bilanz nach einem Jahr Schwarz-Rot: Hier spricht die Fachebene
> Ist die Bundesregierung so schlecht wie ihr Ruf? Wir haben langjährige
> Fach- und Führungskräfte in Bundesministerien befragt – anonym, damit sie
> frei antworten können.
(IMG) Bild: Alois Rainer (CSU), Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat, hält Schinken und Käse fest in seinen Händen
Alois Rainer (CSU) und das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung
und Heimat
„Es herrscht ernährungspolitisch praktisch Stillstand. Es werden keine
neuen Projekte angekündigt, nur Vorhaben, bei denen Gelder schon genehmigt
waren, laufen weiter. Und das liegt nicht unbedingt daran, dass der ohnehin
schon kleine Ernährungsetat von 25 Millionen Euro um 25 Prozent gekürzt
wurde. Sondern daran, dass es im Haus kein Interesse mehr für Veränderung
gibt. Es gibt keinen Willen, ernährungspolitisch etwas zu gestalten,
sondern vielmehr den Versuch, zivilgesellschaftliche Projekte zu
unterdrücken.
Dabei betrifft das Fachgebiet Ernährung jeden. Da ist der gesundheitliche
Aspekt: Krankheiten wie Adipositas und Diabetes werden mehr. [1][Auch
Ernährungsarmut ist ein großes Problem], weil Lebensmittel teurer geworden
sind und das viele Menschen finanziell belastet. Und auch die Klimafolgen
müssten bewältigt werden. Für die Union ist Ernährung aber Privatsache, ein
Frauenthema, das in den Haushalt gehört und nicht in die Politik.
Gleichzeitig ist die Union sehr stark mit der [2][Lebensmittelindustrie
verbandelt]. Die Lebensmittelkonzerne haben eine starke und finanzkräftige
Lobby. Sie drohen mit Versorgungsunsicherheiten, und die Union vertraut der
Branche blind und wehrt Kritik ab. Wissenschaftliche Studien und der
Bürgerrat Ernährung werden ignoriert, verharmlost oder totgeschwiegen.
Die Ampelkoalition hat Anfang 2024 eine Ernährungsstrategie verabschiedet
mit dem Ziel, Ernährung in Deutschland gesünder und nachhaltiger zu
gestalten. Ein konkretes Beispiel daraus ist die Gemeinschaftsverpflegung,
also Kantinen in Kitas, in Schulen, in Betrieben. Mehr Menschen sind auf
eine warme, gesunde Mahlzeit in Kantinen angewiesen – aus Zeit- und
Kostengründen. Die Qualität in Kantinen muss besser werden. Die
Ampelregierung hat dieses Thema zum Zukunftsprojekt erklärt und
Modellprojekte gestartet. Die werden zwar noch unterstützt, aber
weitergedacht wird nicht. Damals wurde für diesen Bereich auch noch ein
eigenes Referat gebildet, jetzt wurde es mit den Themen Bildung und
Kommunikation zusammengelegt. Und selbst beim Kernanliegen der Union, der
Ernährungsbildung als einziger Problemlösung, gibt es keine zeitgemäßen
neue Ansätze. Da werden politische Potenziale nicht genutzt, das wirft
Deutschland zurück.
Ein anderes Beispiel ist die Proteinstrategie. In Deutschland haben wir
eine Überproduktion, was tierische Proteine angeht, also Fleisch und
Milchprodukte. Diese Produkte sind ein bedeutender Treiber der
Klimabelastung. Wir sollten stattdessen mehr pflanzliche Proteine in die
tägliche Ernährung einbauen. Viele Menschen über 30 haben zum Beispiel
Kichererbsen und Soja nicht auf ihrem Speiseplan. Dabei werden wir
Kichererbsen durch den Klimawandel hier sehr gut anbauen können. Genauso
wie Walnüsse, Haselnüsse, bald auch Mandeln. Der Anbau dieser Sorten sollte
unterstützt werden, aber da passiert fast nichts.
In Deutschland sind wir auch himmelschreiend unterversorgt, was Gemüse und
Obst angeht. Nur rund 18 Prozent des Obstes und 40 Prozent des Gemüses, das
wir hier essen, kommen aus Deutschland. Das heißt, wir sind massiv von
Importen aus anderen Ländern abhängig. Minister Alois Rainer hat
angekündigt, sich um die Ernährungssicherheit zu kümmern. Das muss doch
bedeuten, die Heimatproduktion abzusichern. Aber er kümmert sich lieber um
die Exporte nach China und reist in die USA, um dort unser Schweinefleisch
anzupreisen. Denn beim Fleisch produziert Deutschland viel zu viel: 114
Prozent, bei Schweinefleisch sogar 139 Prozent.
Die Ernährung von Kindern wurde als wichtiges Thema sogar im
Koalitionsvertrag von Union und SPD festgeschrieben. Aber jetzt wurde das
Institut für Kinderernährung so umstrukturiert und die Aufgaben so
umverteilt, dass das Institut nur noch eine leere Hülle ist. Mitbekommen
hat das fast keiner.
Der Schaden einer unterlassenen Ernährungspolitik tritt diffus verteilt und
erst spät ein, deshalb lässt sich das Thema schwer politisieren. Aber die
Kosten liegen bei mindestens 63 Milliarden Euro im Jahr. Ein
Ernährungsminister sollte eigentlich eine klare Orientierung geben. Aber
Herr Rainer sagt Sätze wie: „Ich bin für eine ausgewogene Ernährung, und
dazu gehört für mich Fleisch.“ Zur Menge sagt er nie etwas. Dass man laut
der Deutschen Gesellschaft für Ernährung maximal 300 Gramm Fleisch und
Wurst in der Woche essen soll, wird man aus seinem Mund nie hören. Er tut
so, als sei Fleisch für alle ein zwingender Bestandteil der Ernährung, und
möchte so das gesellschaftliche Bewusstsein zurückdrehen. Den Begriff
„nachhaltig“ hat er gecancelt, das ist jetzt ein Unwort. Aus gesunder und
nachhaltiger Ernährung als Ziel hat er ‚ausgewogene‘ Ernährung gemacht. Das
ist bewusst sehr schwammig und lässt Raum für viele Interpretationen.“
Katherina Reiche (CDU) und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
„In den vergangenen 25 Jahren hatten wir immer Regierungen, die die
Klimakrise ernst genommen haben. Das war bei der Physikerin Angela Merkel
so – als Umweltministerin und auch als Kanzlerin. Sie hat das Problem
verstanden und ernst genommen. Auch wenn sie vielleicht nicht immer die
Konsequenzen gezogen hat, die man sich gewünscht hätte, wusste Merkel, dass
gehandelt werden muss. Auch Olaf Scholz war sich der Dramatik bewusst. Das
gilt auch für die früheren Wirtschaftsminister Robert Habeck, Peter
Altmaier und Sigmar Gabriel.
Zum ersten Mal, seit ich es verfolge, ist das heute anders. Den Kanzler
interessiert das Klima nicht, das Wirtschaftsministerium interessiert es
nicht. Merz hat beim [3][Petersberger Klimadialog] den Klimaschutz
relativiert und das Primat der Wirtschaft betont. Das ist zwischen den
Zeilen auch bei der zuständigen Wirtschaftsministerin zu lesen.
In der Unionsfraktion ist der rechte Flügel sehr stark geworden. Das war in
der letzten Legislaturperiode anders. Da war der Teil, der Klima- und
Energiepolitik ernst nahm, relativ stark. Dass dies nicht mehr der Fall
ist, hat konkrete Auswirkungen auf die praktische Politik.
Dabei geht das [4][Erneuerbare-Energien-Gesetz] auf das
Stromeinspeisungsgesetz zurück, das Union und FDP verabschiedet hatten.
Seither gab es einen Grundkonsens für den Ausbau der Erneuerbaren.
Letztlich war allen klar: Wir wollen Klimaschutz. Zum ersten Mal seit 1990
ist das jetzt so nicht mehr Konsens.
Ob Ministerin Katherina Reiche Lobbyistin ist, weiß ich nicht. Aber sie
teilt gewisse Grundüberzeugungen mit dem rechten Rand der Union: Dass eine
Energieversorgung mit Erneuerbaren nicht funktionieren kann und zu hohe
Kosten verursacht. In ihrem [5][jüngsten Beitrag in der FAZ] oder in ihrem
10-Punkte-Programm kommt das immer wieder durch.
Frau Reiche betont, wie wichtig es ist, auf die Systemkosten zu achten. Das
ist richtig und das haben immer alle Bundesregierungen getan. Sie selbst
stellt aber nicht die Systemkosten insgesamt in den Mittelpunkt ihrer
konkreten Vorschläge, sondern schaut nur auf die Netzkosten. Ihre Maßnahmen
in diesem Bereich treiben die Systemkosten als Ganzes nach oben. Da gibt es
bei ihr einen starken Widerspruch zwischen der Idee und ihrer praktischen
Umsetzung.
Das zeigte sich etwa beim Gebäude-Energiegesetz oder bei der Grüngasquote,
einem geplanten ordnungspolitischen Instrument. Es soll Gaslieferanten
verpflichten, den Anteil erneuerbarer Gase im Erdgasnetz zu erhöhen.
Zum Beispiel weiß ich als Erzeuger, etwa als Windparkbetreiber, dass ich
Strom, den ich an der Börse verkaufen kann, auch einspeisen kann. Kann das
Netz den Strom nicht aufnehmen, werden bisher alle Kraftwerksbetreiber
entschädigt. Das Wirtschaftsministerium will das nun ändern. Wenn das Netz
den Strom nicht aufnehmen kann, soll man den Schaden nicht mehr ersetzt
bekommen. Man weiß aber vorher nicht, wie oft das vorkommt. Steigen infolge
der Unsicherheit die Kapitalkosten beispielsweise um 5 Prozent, erhöhen
sich Energieökonomen zufolge die Erzeugungskosten um 30 bis 40 Prozent.
Diese Maßnahme trifft insbesondere die Erzeuger von Erneuerbaren, weil die
von Wind und Sonne abhängig sind und die Erzeugung nur bedingt steuern
können.
Die offizielle Begründung für diese Maßnahmen ist: Es wird billiger für die
Verbraucher. Was Reiche vorhat, führt aber insgesamt zu höheren Kosten und
passt deshalb nicht zu ihrem Narrativ. Es ist legitim zu schauen, wie man
damit umgehen kann, wenn das Netz nicht gut genug ausgebaut ist. Aber da
gäbe es bessere Lösungen, die die Systemkosten tatsächlich senken.
Es ist da auch nicht konsistent, die Vergütung für kleine
Photovoltaik-Anlagen zu streichen. Die bekommen bisher rund 7,5 Cent je
Kilowattstunde. Das soll nun weg. Die Förderung von Biogasanlagen aber wird
sogar ausgeweitet – dabei kriegen die das Doppelte. Die
Biogasanlagenbetreiber sind oft Landwirte und damit die klassische Klientel
der Union.
Es gibt Hinweise dafür, dass wir 2025 bei der Stromerzeugung weltweit den
Höhepunkt bei fossilen Energieträgern überschritten haben. Das wäre
grandios, ein globaler Durchbruch. Aber Politik wie die von Katherina
Reiche richtet natürlich trotzdem Schaden an auf nationaler Ebene. Wir
fallen zurück bei den Innovationen und der Netzausbaugeschwindigkeit. Die
Strompreise steigen und die Energieabhängigkeit bleibt auf hohem Niveau.
Der nationale CO2-Ausstoß sinkt langsamer, als möglich wäre. Das hat auch
für die Industrie Folgen. In Deutschland bestimmt oft das teuerste noch
benötigte Kraftwerk den Strompreis – und das ist häufig ein Gaskraftwerk.
Je mehr Strom aus Wind und Sonne verbraucht wird, desto eher wird diese
Logik durchbrochen. In Spanien ist das bereits gelungen. Da könnten wir
hier auch hinkommen – wenn entsprechend gehandelt würde.
Ein Weg dahin wäre etwa, die Speicherkapazität auszubauen. Das würde
helfen, die Systemkosten zu senken. Derzeit sind Netzanschlüsse für
Speicherprojekte in einer Dimension von hunderten Gigawatt in Deutschland
beantragt. Reiche müsste Regelungen schaffen, damit die schnell ans Netz
dürfen.“
Karin Prien (CDU) und das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren,
Frauen und Jugend
„Ich kann natürlich nicht fürs ganze Haus sprechen. Wir sind hier immer
noch im Umbruch, das Bildungs- und das Familienministerium wurden ja von
der Regierung Merz gerade erst zusammengelegt. Und das sind zwei sehr
verschiedene Häuser mit verschiedenen Kulturen. Das Familienministerium
wurde lange von der SPD oder von Grünen geführt, das merkt man auch. Aber
es ist nicht nur die Farbe des Hauses, sondern auch die Arbeitsweise: Im
Bildungsministerium haben die Mitarbeiter größere Freiheiten. In dem
Bereich sind viele wohl auch sehr zufrieden mit der neuen Ministerin, mit
Bildung kennt sie sich ja wirklich aus. Und auch die Frauenförderung nimmt
die Ministerin wirklich ernst.
Im Familienministerium ist die Stimmung aber schlecht. Vor allem seit die
Ministerin angekündigt hat, das Programm [6][Demokratie Leben] neu
aufzustellen. Kolleginnen und Kollegen verlassen die Abteilung, weil sie
mit den Umstrukturierungen unzufrieden sind. Das betrifft wohl alle
Referate in dem Bereich und geht langsam an die Arbeitsfähigkeit. Das ist
schon ein Brain Drain. Viele Stellen dort bleiben unbesetzt. Zuletzt hieß
es: Nur 60 Prozent der Stellen in der Abteilung sind besetzt. Und danach
gab es weitere Abgänge.
Viele Entscheidungen wurden von oben durchgesetzt, ohne die Mitarbeiter
einzubeziehen. Wenn dann Kritik kommt, heißt es schon mal: Wenn man das
nicht aushält, kann man auch woanders arbeiten.
Ingo Behnel, der Staatssekretär, gilt als Vertrauter von Jens Spahn, er war
Abteilungsleiter im Gesundheitsministerium und hat dort die Maskendeals
mitverantwortet. Neulich soll es eine Runde bei ihm gegeben haben, nachdem
der [7][Spiegel] anonyme Mitarbeiter aus dem Ministerium zitiert hatte.
Behnel soll schroff geworden sein, so etwa: Wenn wir die finden, werden wir
sie nicht schonen.
Keiner im Haus hat erwartet, dass der Umbau so massiv und in so kurzer Zeit
umgesetzt wird. Man hat gemerkt, dass die Hausleitung keinen guten Plan
hatte. Es ging zwei Schritte vor, und als sie gemerkt haben, dass
Widerstand kommt, wieder zurück. Immerhin: Dass Fehler gemacht wurden, soll
auch der Staatssekretär intern zugegeben haben. Zum Beispiel, dass man die
Evaluation der Projekte teils abschaffen wollte, obwohl es bestehende
Verträge gab. Auch bei der Kommunikation gegenüber den Länder und Kommunen,
die ja die Projekte oft mittragen, seien Fehler gemacht worden.
Und um fair zu sein: Die Ministerin und auch der Staatssekretär sagen immer
wieder, dass sie Demokratie Leben erhalten wollen. Das ist glaubhaft, das
sieht auch die Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen so. ‚Die Ministerin
steht halt unter Druck von ihrer Fraktion: Sie muss was liefern, etwas muss
geopfert werden für die konservativen Hardliner.‘
Zum Beispiel die Vorortbesuche: Neulich war der Staatssekretär zu einem
Besuch bei einem Projekt eingeladen, das über Demokratie Leben gefördert
wird. Aber er soll den Termin abgelehnt und entschieden haben: ‚Keine
Vielfaltstermine mehr‘.“
3 May 2026
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