# taz.de -- Folgen des Irankriegs: Das Gift der Gewöhnung
> Um Iran wird ein Weltkrieg neuen Typs geführt: Bomben auf ziviles Leben
> sind heute Absicht. Wer dem nicht widerspricht, hat keinen moralischen
> Kompass.
(IMG) Bild: Folgen für die ganze Welt: brennende Öllager in Teheran am 8. März
In Indien geht [1][das Gas zum Kochen aus, Schulen in Laos kürzen den
Unterricht, und auf dem afrikanischen Kontinent werden Lebensmittel
unbezahlbar]. „Jeder Einzelne in jedem Land auf dieser Welt“ werde früher
oder später die Auswirkungen des Irankriegs spüren, sagt die Präsidentin
des Internationalen Roten Kreuzes, Mirjana Špoljarić. Manche ziehen
Vergleiche mit der Coronapandemie, doch es ist eher von einem Weltkrieg
neuen Typs zu sprechen. So entgrenzt seine sozialen Folgen sind, die vor
allem die Ärmsten treffen, wo immer sie leben, so ungezügelt ist die Gewalt
auf den direkten Schauplätzen des Kriegs.
Es liegt nahe, diesen Gewaltausbruch als Kennzeichen unserer Epoche zu
deuten, einer globalen Umbruchzeit. Der geschwächte einstige Hegemon USA
taumelt, und [2][Donald Trump verleiht dem Taumeln eine besonders
gefährliche Form]. Aber dies ist kein vorübergehender Albtraum. Es wird zur
neuen Regel, Kriege regellos zu führen, humanitäre Konvention verspottend.
Bomben auf ziviles Leben sind längst nicht mehr Kollateralschäden, sondern
militärische Absicht. Das verbindet die Schauplätze Gaza, Sudan, Ukraine
nun mit dem südlichen Libanon, wo die Vertriebenen mit einem Blick über die
Schulter sehen, wie hinter ihnen die israelische Armee ihre Häuser,
Fotoalben, Kinderbetten mit Bulldozern planiert. Für Iran werden
Kriegsverbrechen – zivile Infrastruktur vernichten, jede Brücke, jedes
Kraftwerk – gleich vollmundig in den Abendnachrichten angekündigt.
Gaza war ein Menetekel, kein Einzelfall. Und während die Kriegsführung
verroht, wird weltweit die humanitäre Architektur untergraben. Das Budget
des Roten Kreuzes, von Regierungsspenden abhängig, sank um ein Drittel,
fast 3.000 Stellen wurden gestrichen, Büros und Programme geschlossen. Das
ist die Kehrseite der allenthalben steigenden Militärausgaben. Deutschland,
vermeintlich zu schwach, um gegen US-amerikanische und israelische
Völkerrechtsvergehen einmal das Händchen zu heben, ist zum viertgrößten
Rüstungsexporteur der Welt aufgestiegen, inklusive Waffendeals mit den
Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien, die in Sudan einen
grausamen Stellvertreterkrieg anfeuern.
## Lässt sich auf all dies anders als mit Verzweiflung reagieren?
Muss ich noch erwähnen, dass der Irankrieg, vermeintlich gegen eine atomare
Gefahrenquelle gerichtet, zur nuklearen Proliferation beitragen wird? Was
Iran nach 2015 widerfuhr, nachdem es in einen umfassenden Vertrag
eingewilligt hatte, den US-Präsident Donald Trump dann cancelte, ist eine
Lektion nicht allein für Nordkorea: Atomwaffenbesitz bietet Schutz, während
Abmachungen nicht schützen. Israel, das sein Atomprogramm (anfänglich von
der Bundesrepublik mitfinanziert) stets jeder internationalen Kontrolle
entzog, führt nun einen vom Westen als legitim erachteten Krieg gegen ein
Land, das sein Programm der Kontrolle unterstellte. Voilà.
Lässt sich auf all dies anders als mit Verzweiflung reagieren? Wer nach dem
Ende der Sowjetunion Alternativen zur Nato suchte, wurde verhöhnt. Heute
bettelt Europa, der irrlichternde Faschist Trump möge das Bündnis nicht
verlassen – so weit ist es gekommen. Nahezu alles, was Friedensbewegung und
Friedensforschung über Jahrzehnte angemahnt haben, war richtig. Und was sie
als künftige Schrecken ausmalten, wird heute von der Realität übertroffen.
Die Katastrophe, in der wir uns befinden, war vermeidbar. Es ist wichtig,
sich dies wieder und wieder ins Bewusstsein zu rufen, damit wir aus dem
Zustand der Hilflosigkeit und des intellektuellen Überwältigtseins
hinausfinden.
Es gab eine Zeit, als in Deutschland Faschingsumzüge abgesagt wurden, um
stattdessen gegen George W. Bushs Irakkrieg zu demonstrieren: Kein Blut für
Öl! Wenn Trump nun ganz offen sagt, er wolle das Öl Irans, herrscht
geisterhafte Stille – [3][und politische Verwirrung.] Doch gegen diesen
Krieg einzutreten, heißt nicht, das Teheraner Regime zu verteidigen.
Genauso wenig war es eine Verteidigung der Hamas, gegen den Genozid in Gaza
zu protestieren. Sich von solchen ideologischen Kurzschlüssen nicht
beeindrucken zu lassen, ist auch ein Beitrag zur eigenen geistigen und
emotionalen Gesundheit.
Denn das Gift der Gewöhnung zersetzt unser Denken ebenso wie unsere
Fähigkeit zur Empathie. Es täuscht sich, wer meint, diese Art von Kriegen
würde uns, die wir abseits stehen und zuschauen, nicht verändern. Wir sind
„nach Gaza“ nicht mehr die Gleichen wie vorher. Es gibt eine indirekte
Brutalisierung der Zuschauenden und Schweigenden.
## Offene Angriffe müssen empören
Es mangelt heute so oft an einem moralischen Kompass. Das gilt auch für
jene Strömung der iranischen Diaspora, die in den USA Trump umschmeichelte
und von ihm die Bombardierung Irans verlangte. Eine derartige Forderung mit
lang angestauter Verzweiflung zu erklären, mag für Menschen innerhalb Irans
gelten. Doch kaum für jene, die aus nächster Nähe Trumps hemmungslosen
Rassismus erleben und seine Verachtung aller Nichtweißen. Nun, wie einst
der Schah, glauben vielleicht manche heutige Monarchisten, Iraner seien
eigentlich Westler und nur durch einen „geografischen Zufall“ in Asien
beheimatet.
Es hilft, sich an menschlicher Gleichheit zu orientieren, gerade wenn man
den Menschen in Iran ein Leben in Würde wünscht. Ein offen angekündigter
Angriff auf iranische zivile Infrastruktur muss genauso empören, als gälte
diese Drohung zum Beispiel Österreich. Wenn iranische Krankenhäuser
bombardiert werden (und es gibt mehr als 20 verifizierte Angriffe auf
Gesundheitseinrichtungen), ist das genauso verwerflich wie russische Bomben
auf ukrainische Kliniken. Und das Teheraner Pasteur-Institut anzugreifen,
war so kriminell, als wäre es das Pariser Mutterinstitut gewesen.
7 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Charlotte Wiedemann
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