# taz.de -- Berliner Ausstellung zum Holocaust: Woher das eigene Familiensilber wohl stammen mag
> Die „Topographie des Terrors“ widmet sich der Frage, wie weit das Wissen
> um den Holocaust an den Juden in der deutschen Bevölkerung verbreitet
> war.
(IMG) Bild: 1941 bei einer Zwangsversteigerung veräußert: Geschirr aus dem Besitz des als jüdisch verfolgten Ehepaars Erna und Felix Ganz
Ganz am Anfang hängt da eine Zeitung. Es ist die Münchner Illustrierte vom
16. Juli 1933. „Die Wahrheit über Dachau“, ist ein doppelseitiger Text
überschrieben. Der Titel könnte den Eindruck vermitteln, als handle es sich
um ein Flugblatt von Nazi-Gegnern aus dem Untergrund. Das wird bei einer
Lektüre rasch korrigiert. Die Inhaftierten würden „zu brauchbaren
Mitgliedern des nationalsozialistischen Staates erzogen“, heißt es unter
einem Foto, auf dem Männer mit Schaufeln zu sehen sind. Die Folter und die
Qualen in [1][einem der ersten KZs] werden als „Greuelmeldungen“ abgetan.
Ganz am Anfang: Das bezieht sich auf den Herrschaftsbeginn des NS-Regimes
1933. Das Münchner Blatt steht repräsentativ für eine erstaunlich breite
Berichterstattung über Konzentrationslager in der NS-gelenkten Presse. Die
Zeitungsausgabe steht aber auch ganz am Anfang einer Ausstellung in der
[2][Berliner Topographie des Terrors]: „Der Holocaust – Was wussten die
Deutschen?“, lautet der Titel[3][.] Die Ausstellung greift damit ein Thema
auf, über das bis heute Halbwahrheiten, Beschönigungen und glatte Lügen im
Umlauf sind.
Noch lange nach dem Ende der NS-Herrschaft behaupteten viele Deutsche, vom
Massenmord an den Juden nichts gewusst zu haben. Diese Erklärung diente dem
eigenen Schutz, erklärte man sich damit doch für unschuldig an fehlendem
Widerstand gegen das Regime und an der geringen Hilfe, die den Verfolgten
zuteilwurde. Heute glauben erstaunlich viele Nachgeborene, ihre Familien
hätten im Nationalsozialismus am [4][Widerstand] teilgenommen oder doch
zumindest das Regime verabscheut. Auch diese Behauptung nährt das Bild von
der Unschuld.
Schon vor rund 20 Jahren nahmen zwei deutsche Historiker die These vom
Unwissen der Deutschen unter die Lupe. In getrennten Studien konnten
Bernward Dörner und Peter Longerich überzeugend nachweisen, dass sowohl
durch Veröffentlichungen in den nationalsozialistisch geprägten Medien als
auch durch persönliche Kontakte und Beobachtungen nahezu jeder erwachsener
Deutsche über Informationen zum Holocaust verfügte – wenn auch nicht
unbedingt über Details. Aber viele wollten offenbar nicht mehr wissen.
## Ausstellung lässt Fakten sprechen
Von daher kann man gar nicht genug loben, dass die Frage nach dem Wissen
nun endlich auch einem breiteren Publikum unterbreitet wird. Die Berliner
Ausstellung hält sich dabei mit einem Urteil zurück. Sie lässt Fakten
sprechen, auf dass sich jeder Besucher sein eigenes Urteil bilden kann.
Untergliedert ist sie in drei Teile. Der Text über Dachau in der Münchner
Illustrierten steht für die offizielle Propaganda des Regimes, das sich
wenige Schranken der Berichterstattung auferlegte, wenn es um die
Verächtlichmachung von Juden ging. Davon zeugt etwa eine Radiosendung über
die Brandschatzung einer Wiener Synagoge im [5][Novemberpogrom 1938], in
der Reporter wie die Interviewten mit ihrer Freude über die Zerstörung des
Gotteshauses nicht hinterm Berg halten.
Der 1941 beginnende Holocaust an den europäischen Juden war dagegen eine
„geheime Reichssache“, über die in offiziellen Kanälen nicht informiert
wurde. Allein die indirekten Hinweise darauf, dass in Osteuropa etwas
Ungeheuerliches gegen die Juden geschah, waren aber mannigfaltig. Da waren
die Briefe von Soldaten an ihre Lieben in der Heimat, die bisweilen auf die
Massenmorde eingingen.
Aber auch viele deutsche Zivilisten ließen sich anwerben. „Für Osteinsatz.
Aufsichtspersonal gesucht“, heißt es in einer Kleinanzeige im Solinger
Tageblatt von 1941. Auch ihre Berichte sickerten trotz Zensur nach
Deutschland durch. [6][Die „Euthanasie“-Morde an Behinderten fanden gar
mitten im Reich statt], sodass ein Augenzeuge eine Bilderserie zur
Tötungsanstalt Hadamar herstellen konnte. „Hinweise im Alltag“ ist dieses
Kapitel überschrieben.
Viele Deutschen wussten oder ahnten nicht nur vom Holocaust, sie
profitierten direkt davon. In einer Vitrine stehen Suppentasse und Teller
mit dezentem Muster. Sie waren einmal Eigentum des Mainzer jüdischen
Ehepaars Erna und Felix Ganz, die 1942 deportiert wurden. Ihr Geschirr –
Teil eines Services für zwölf Personen – geriet wie überall in Deutschland
mit dem Hausrat der Verschleppten geschehen – in eine öffentliche Auktion.
Dort erwarb es der Gymnasiallehrer Karl Held, seit 1933 Mitglied der NSDAP.
Das Ehepaar Ganz wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Woher das eigene
Familiensilber wohl stammen mag, mögen sich da manche Ausstellungsbesucher
fragen.
Der Massenmord war geheim, die Deportationen der Jüdinnen und Juden aus
deutschen Städten waren es nicht. Sie geschahen unter aller Augen. [7][Die
Initiative „last seen“] hat in jüngster Zeit eine ganze Reihe Fotos von
solchen Deportationen zu Tage befördert, auf denen auch das Vergnügen der
Zuschauenden kenntlich ist. Das ist in der Ausstellung seltsamerweise kein
großes Thema, obwohl doch gerade diese Bilder beweisen, wie offen diese
Austreibungen vonstattengingen.
## Briefe und Kartengrüße
Mehr Raum ist den Briefen gewidmet. Darunter befinden sich auch Kartengrüße
einer deportierten Jüdin aus dem [8][KZ Majdanek]. Hier hätte man sich
gewünscht, dass die Aussteller deutlicher machen, dass dies eine Ausnahme
darstellt und im Gegenteil das Schreiben von Briefen aus
Konzentrationslagern fast immer strikt verboten war.
Trotz Geheimhaltung machte das NS-Regime doch bisweilen Andeutungen über
das, was den Juden in Osteuropa geschah. „Aussiedlung der restlichen 40.000
geplant“ lautet der Untertitel eines Textes über die Deportation
slowakischer Juden in der Parteipublikation Der Angriff. Die „Vernichtung
der jüdischen Rasse in Europa“ beschwor 1941 ein Wochenspruch der NSDAP und
zugleich Zitat Hitlers, das öffentlich ausgehängt wurde.
So mancher machte sich da seine Gedanken, darunter drei Zeitzeugen, die
systematisch damit begannen, Lügen, Halbwahrheiten und Wahrheiten über die
Verbrechen zu sammeln. Ihnen ist nun der dritte Teil mit dem Titel „Vom
Puzzleteil zum Bild“ gewidmet.
Was wussten die Deutschen? „Das Unaussprechliche, das in Rußland, das mit
den Polen und Juden geschehen ist und geschieht, wißt ihr, wollt es aber
lieber nicht wissen“: So sprach Thomas Mann in seiner Radiosendung der
britischen BBC im November 1941.
7 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Klaus Hillenbrand
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