# taz.de -- US-Archiv und Nazivergangenheit: Wir spielen nicht mit bei eurem Gedächtnistheater
       
       > Die digitale Öffnung des US-Nationalarchivs lässt viele Deutsche nach der
       > NS-Geschichte ihrer Vorfahren suchen: ein Spektakel zur Gegenwartsflucht.
       
 (IMG) Bild: Besonders zynisch wird es, wenn Menschen ohne familiäre Tätergeschichte in dieses Erinnerungsnarrativ hineingezogen werden
       
       [1][Das US‑Nationalarchiv hat die Schleusen geöffnet.] Über 16 Millionen
       digitalisierte NSDAP‑Dokumente sind nun per Mausklick zugänglich.
       Deutschland stürzt sich hinein, um zu klären, ob die Großeltern Täterinnen,
       Mitläuferinnen oder [2][„nur dabei“] waren.
       
       Ich bleibe am Beckenrand stehen. Dieses Wasser ist mir zu warm, viel zu
       mollig für den Ernst der Lage meiner Realität. Was als Aufarbeitung
       gefeiert wird, wirkt oft wie ein wohltemperiertes Selbstreinigungsbecken.
       Deutsche Erinnerungskultur funktioniert nicht selten wie ein
       Wellnessprogramm: eintauchen, Schuld fühlen, Tränen zulassen, wieder
       auftauchen und schon ist man moralisch gereinigt. Familienforschung wird
       zur privaten Läuterungsübung. War Opa in der NSDAP? Oh nein, wie schlimm.
       Aber „N…kuss“ wird man ja wohl noch sagen dürfen. Stellt euch nicht so an.
       Weiter geht’s.
       
       [3][Ich bin ein schwarzer, schwuler Ostdeutscher ohne
       NS‑Familiengeschichte.] Während die Mehrheitsgesellschaft im
       Jacuzzi-Whirlpool der Selbstberuhigung planscht, ziehen marginalisierte
       Menschen im kalten Becken der Gegenwart ihre Bahnen. Das Problem ist nicht
       das Erinnern an sich, sondern seine Funktion. Diese Form der Aufarbeitung
       dient oft weniger den Opfern als der emotionalen Entlastung weißer
       Deutscher. „Nie wieder“ ist zur Klangtapete geworden. Ständig präsent,
       inhaltlich entkernt.
       
       Ein Blick in die Gegenwart reicht. Laut [4][Nationalem Diskriminierungs‑
       und Rassismusmonitor] (NaDiRa, März 2026) glaubt knapp die Hälfte der
       Bevölkerung, manche ethnischen Gruppen seien „von Natur aus fleißiger“.
       Zwei Drittel halten bestimmte Kulturen für „besser“. Über ein Drittel hält
       weiter an der Idee von „Rassen“ fest. Das sind keine Randmeinungen. Das ist
       die Mitte.
       
       ## Rassismus in sämtlichen untersuchten Behörden
       
       Noch deutlicher wird es in den Institutionen. Die vom
       Bundesinnenministerium beauftragte Studie [5][„Rassismus in deutschen
       Institutionen“] (2026) weist Rassismus in sämtlichen untersuchten Behörden
       nach. Nicht primär als offene Feindseligkeit, sondern strukturell, in
       Routinen, Ermessensentscheidungen, Verfahren.
       
       Veröffentlicht wurde sie still und leise an einem Freitagnachmittag. Keine
       Pressekonferenz, keine ernsthafte politische Debatte. Forschende und
       Kritiker sprechen von einem gezielten „Verstecken“ vor der Öffentlichkeit,
       den Betroffenen und der Politik selbst. Das Innenministerium unter
       Alexander Dobrindt wollte keine Anerkennung von institutionellem Rassismus,
       keine Debatte über Reformen und keine Verantwortung für die eigene Rolle.
       
       Besonders zynisch wird es, wenn Menschen ohne familiäre Tätergeschichte in
       dieses Erinnerungsnarrativ hineingezogen werden. Migrantische Stimmen sind
       willkommen, solange sie den Jacuzzi der Selbstberuhigung mit beheizen.
       Zugehörigkeit wird an die Performance von Schuld geknüpft, auch dort, wo es
       keine eigene gibt. Oder, zugespitzt: Man spielt mit [6][im
       „Gedächtnistheater“, wie es der Soziologe Y. Michal Bodemann beschreibt.]
       In dieser Logik dient Erinnerung nicht zuletzt der Selbstvergewisserung der
       Dominanzgesellschaft.
       
       Dabei haben sich Ost und West längst angenähert. Hier das Ritual der
       NS‑Aufarbeitung, dort die DDR‑Erzählung vom antifaschistischen Staat. Zwei
       unterschiedliche Becken, gleiches Prinzip, filtern, beruhigen, sauber
       bleiben. Koloniale Geschichte und gegenwärtige Kontinuitäten von Gewalt und
       Ausgrenzung bleiben außen vor, weil sie das Wasser trüben würden.
       
       Deshalb lässt mich dieses familiäre Aufarbeitungsplanschen kalt.
       Recherchiert eure Geschichten. Taucht so tief, wie ihr wollt. Aber
       verwechselt euer Geplansche nicht mit wirksamer Erinnerungskultur. Denn
       diese setzt immer auch konsequentes Handeln in der Gegenwart voraus.
       Niemand ist verantwortlich für die Taten der Vorfahren, aber wir alle sind
       verantwortlich für das, was heute geschieht.
       
       Und genau hier bleibt es still: beim nächsten Rechtsruck, bei verdrängten
       Studien zu institutionellem Rassismus, bei einem Gedächtnistheater ohne
       politische Wirkung, bei Gewalt in der Öffentlichkeit und im Privaten.
       
       Während ihr noch im warmen Wasser nach der Geschichte eurer Großeltern
       taucht, sickert längst braun‑öliger Schmutz aus dem Abfluss eures Pools in
       unser kaltes Becken der Realität. Wir können euch darauf hinweisen, aber
       klären müsst ihr das Wasser selbst.
       
       20 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Digitalisierte-NSDAP-Akten/!6163716
 (DIR) [2] /Goetz-Alys-Wie-konnte-das-geschehen/!6107576
 (DIR) [3] /Die-verunsicherte-Gesellschaft/!6123479
 (DIR) [4] https://www.rassismusmonitor.de/
 (DIR) [5] https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/inra-studie.pdf?__blob=publicationFile&v=3
 (DIR) [6] https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/der-soziologe-und-das-gedaechtnistheater/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dennis Chiponda
       
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