# taz.de -- Initiative für NS-Gedenken in Grunewald: Ein kleines Haus für die Erinnerung
> Architekt Wolfgang Göschel will am S-Bahnhof Grunewald ein Haus zu einem
> Lernort neben der Gedenkstätte für die Deportation der Berliner Juden
> machen.
(IMG) Bild: Wolfgang Göschel am ehemaligen Stellwerk in Grunewald: Dort könnten zum Beispiel Workshops mit Schulklassen stattfinden, meint er
Die Straße führt ein wenig hinauf, bis sie die Höhe der Gleise erreicht
hat. Oben angekommen sieht man aus der Ferne zwischen jungen Bäumen und
alten Schuppen die ein- und ausfahrenden S-Bahnen und die Regionalzüge, die
die Station Berlin-Grunewald ohne Halt passieren. Wolfgang Göschel stapft
durch den Altschnee der Straßenrampe. Der 85-Jährige bleibt stehen und
weist auf ein kleines zweigeschossiges Gebäude, das zwischen rostigen
Schienen steht, auf denen schon lange kein Zug mehr gefahren ist. „Das ist
das Bahnwärterhaus“, sagt er.
Nun sind ältere Bahngebäude wie dieses in Berlin wahrlich keine Seltenheit.
Immerhin steht das Backsteinhäuschen unter Denkmalschutz. Um aber seine
besondere Bedeutung zu verstehen, die den Architekten Wolfgang Göschel
umtreibt, muss man den Blick von der Straßenrampe nur ein wenig nach links
wenden.
Da sieht man Gleise und einen leeren Bahnsteig. Eine Tafel klärt auf: „Zum
Gedenken an die Opfer der Vernichtung“, steht dort in hebräischer Schrift,
und darunter auf Deutsch: „Zum Gedenken an Zehntausende jüdischer Bürger
Berlins, die ab Oktober 1941 bis Februar 1945 von hier aus durch die
Nazi-Henker in die Todeslager deportiert und ermordet wurden.“
Beidseitig des Gleises sind gusseiserne Platten verlegt, auf denen die
Daten der Deportationszüge und ihre Ziele geschrieben stehen. Das [1][Gleis
17] ist das zentrale Mahnmal der Deutschen Bahn, mit dem seit 1998 an die
Beteiligung der damaligen Reichsbahner am Holocaust erinnert wird. Immer am
18. Oktober kommen viele Menschen hierher, um der ersten Deportation
Berliner Jüdinnen und Juden zu gedenken, die an diesem Tag im Jahr 1941 von
diesem Gleis 17 verschleppt wurden. Es waren mehr als 1.000 Menschen und
ihr Ziel war das Ghetto Łódź. Etwa 180 weitere Transporte in den Osten
sollten folgen.
## Die Weichen gestellt
Das Bahnwärterhaus steht vielleicht zehn Meter von diesem Mahnmal entfernt.
Göschel sagt, es sei früher einmal ein Stellwerk gewesen, von dem aus für
die Deportationszüge in den Tod die Weichen gestellt wurden. Bei der Bahn
wird es als Maschinenhaus bezeichnet.
Das leer stehende Häuschen macht keinen guten Eindruck. Eine Treppe mit
eisernem Geländer führt in das Obergeschoss. Doch die Tür ins Innere ist
vermauert, so wie auch die Fenster. Eine Stahltür im Erdgeschoss ist der
einzige Zugang ins Innere. So schützt die Bahn ihre nicht mehr genutzten
Immobilien vor Vandalismusschäden. Immerhin ist das Dach neu gedeckt
worden.
Wolfgang Göschel sagt: „Es wird so viel Geld für neue Denkmäler ausgegeben,
und die alten Denkmäler verfallen.“ Vor gut 30 Jahren war der Architekt an
der Errichtung der „Spiegelwand“ in Steglitz beteiligt, mit der am
Hermann-Ehlers-Platz an die Deportation der Steglitzer Jüdinnen und Juden
erinnert wird.
Heute bemüht er sich zusammen mit der Kunsthistorikerin Piedad Solans
darum, dass das Bahnwärterhaus am Gleis 17 Teil des bestehenden Mahnmals
wird. Eine Infowerkstatt für Jugendliche und andere Besucher soll dort
entstehen, als Ergänzung zur Gedenkstätte nebenan. Göschel denkt an
biografische Forschungen, etwa anhand der Deportationslisten, aber auch
Untersuchungen über Täter und Mitläufer. Im Stellwerk könnten Workshops für
Schüler und Studierende, aber auch Kunstaktionen stattfinden.
## Nur spärliche Informationen
Bisher, sagt Göschel, würden die Menschen am Gleis 17 alleine gelassen, es
gebe nur spärliche Informationen und keine Ansprechpartner. Das müsse sich
ändern.
An diesem Wintertag kommen nur wenige Menschen zur benachbarten
Gedenkstätte. Aber Göschel ist nicht allein. Er hat [2][Irmela
Mensah-Schramm] mitgebracht. Seit über 30 Jahren hat sie sich zur Aufgabe
gemacht, Nazi-Sticker und ähnlichen Schmutz von öffentlichen Orten zu
entfernen. Viermal die Woche ist die 80-Jährige unterwegs gegen den Hass.
Mehr 100.000 Mal schon hat sie die Umwelt so gesäubert, dokumentiert in 160
Aktenordnern, wie sie sagt.
Irmela Mensah-Schramm unterstützt Wolfgang Göschel bei seiner Mission. Erst
vor ein paar Wochen, am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar, haben sie das
Bahnwärterhaus mit bunten Zetteln verziert. „Warum Leerstand?“, stand auf
einem, angeklebt an die rostige Stahltür. Vor allem aber hat Mensah-Schramm
das Geländer an der Treppe zum Obergeschoss mit Zeichnungen garniert, auf
denen Jugendliche rechtsradikale Pamphlete zu Zeichen der Menschlichkeit
umgedeutet haben.
Wolfgang Göschel holt Bilder der Aktion hervor. Die Parole „Ausländer raus“
ist auf einem der Blätter noch schwach zu erkennen, doch darüber prangt
„Ausländer = Menschen genau wie wir.“ zusammen mit einer gezeichneten
Weltkugel. „Juden rein“, versehen mit zwei bunten Herzen, steht auf einem
anderen Blatt. Die Zeichnungen sind das Ergebnis von Mensah-Schramms Arbeit
in Schulklassen. Die Resonanz der Aktion am Bahnwärterhaus blieb
bescheiden.
„Das Haus ist eine Schlüsselstelle für die Deportation“, sagt Göschel. Doch
bei der Begründung des Mahnmals 1998 durch die Deutsche Bahn lag es
außerhalb des Planungsbereichs. Nun soll das Gebäude Teil dieser
Gedenkstätte werden, wenn es nach Göschel geht. „Es geht nur mit der Bahn“,
sagt er. „Die Bahn muss den Mut haben, das Häuschen wieder nutzbar zu
machen.“ Auf 500.000 Euro schätzt der Architekt die Kosten für eine
denkmalgerechte Sanierung. Das sei doch „ein vergleichbar kleines Objekt
mit großer Wirkung“, meint Mensah-Schramm.
2024 konnte Göschel das Gebäude von innen besichtigen. Auf Fotos ist zu
sehen, dass die Fenster noch vorhanden sind, nur von außen zugemauert. Der
Architekt hat das Haus vermessen und einen groben Grundriss der späteren
Nutzung gezeichnet, mit einem Raum der Information im Obergeschoss.
Göschel hat sich angestrengt, er hat Bahn-Vertreter angeschrieben und für
sein Konzept geworben. Handschriftlich hat er die Namen der vielen von ihm
kontaktierten Verantwortlichen notiert, von DB-Immobilien, DB-Technik,
DB-Konzerngeschichte. Göschel hat auf den ehemaligen Regierenden
Bürgermeister Michael Müller (SPD) eingeredet, mit Rabbiner Andreas Nachama
gesprochen und bei der [3][Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz]
angefragt. Ohne greifbares Ergebnis. „Alles wird auf die lange Bank
geschoben“, sagt Mensah-Schramm.
Eike Stegen von der Gedenkstätte am Wannsee begrüßt Göschels Initiative. Es
sei „fast unglaublich, dass das Gebäude nicht in die Erinnerungskultur
miteinbezogen worden ist“, sagt er. Vertreter der Gedenkstätte
Wannseekonferenz kämen häufiger mit Gästen zum Gleis 17 in Grunewald.
Stegen bittet um Verständnis, dass die Gedenkstätte dieses Projekt nicht
auch noch schultern kann.
Ein Bahnsprecher erklärt, man habe „immer ein offenes Ohr für Vorschläge
zur Weiterentwicklung des Mahnmals Gleis 17“. Aktuell sehe man sich aber
„eher in der Verantwortung, das gesamte Ensemble des Mahnmals in seinem
würdigen Zustand zu erhalten, als es um neue Nutzungen zu erweitern“. Auf
die Frage, ob die Bahn sich eine finanzielle Beteiligung an einer Umwidmung
des Gebäudes im Rahmen der Gedenkstätte vorstellen kann, geht der Sprecher
nicht ein.
Bleibt die Initiative von Wolfgang Göschel und seinen Mitstreitern also ein
frommer Wunsch? Immerhin hat die Ständige Konferenz der NS-Gedenkorte im
Berliner Raum den Vorschlag des Architekten jetzt aufgegriffen. Ihre
Vertreterin Sarah Breithoff sagt, sie finde Göschels Konzept interessant
und werde es zur weiteren Diskussion an die beteiligten NS-Gedenkstätten
weiterleiten. Göschel ist mit Breithoffs Erklärung sehr zufrieden.
23 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.berlin.de/sehenswuerdigkeiten/4193712-3558930-mahnmal-gleis-17.html
(DIR) [2] /Festnahme-von-Anti-AfD-Demonstrantin/!5508548
(DIR) [3] https://www.ghwk.de/de/
## AUTOREN
(DIR) Klaus Hillenbrand
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