# taz.de -- Hohe Kosten wegen des Irankriegs: Europa drückt auf die Spritpreisbremse
> Deutsche Tankstellen dürfen nur noch ein Mal täglich teurer werden. Hilft
> das? Die Nachbarn reagieren mit Preisdeckeln, Rationierung,
> Steuersenkung.
(IMG) Bild: Hilfe naht! Ab dem 1. April dürfen die Preise nur ein mal täglich angehoben werden
Umweltschützer wie die Deutsche Umwelthilfe empfehlen ein bundesweit
gültiges 29-Euro-[1][Deutschlandticket] als Entlastung angesichts der
Energiekrise durch den Irankrieg, die Bundesregierung versucht es nun mit
mehr „Markttransparenz“.
Ab diesem Mittwoch dürfen Tankstellen die Preise für Kraftstoffe nach
österreichischem Vorbild nur noch ein Mal am Tag um zwölf Uhr mittags
anheben dürfen, Preissenkungen bleiben beliebig häufig erlaubt. Bei
Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 100.000 Euro. Das soll dazu führen,
dass es weniger kurzfristige [2][Preissprünge] an den Zapfsäulen gibt.
Der Tankstellenverband (TIV) begrüßte zwar die neue Regel und sprach vom
„schärfsten Schwert, das gegen die Mineralölkonzerne gezogen werden kann“,
doch die Kritik an der Maßnahme von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche
(CDU) ist groß. Denn: Trotz eingehender wissenschaftlicher Untersuchungen
konnten [3][keine eindeutige Aussage] über niedrigere Marktpreise im
Vorbildland Österreich festgestellt werden. Weil die Klagen über die
Benzinkosten weiter hoch sind, beschlossen die Regierungsparteien ÖVP, SPÖ,
Neos und die oppositionellen Grünen in der vergangenen Woche eine
Spritpreisbremse mit einer Senkung der Mineralölsteuer auf Benzin und
Diesel um 5 Cent pro Liter.
So stark in den Markt eingreifen will Reiche nicht: Die deutsche Ministerin
denkt als weitere Maßnahme über eine [4][kurzfristige Anhebung der
Pendlerpauschale] nach, die allerdings direkt den Haushalt belasten würde.
Polens Mitte-links-Regierung greift dagegen seit diesem Dienstag direkt und
etatwirksam ins Marktgeschehen ein – und diktiert nun täglich
Preisobergrenzen für Benzin und Diesel. Zudem wurden die Mehrwert- und
Energiesteuer gesenkt, um Verbraucher*innen zu entlasten.
## Preisgefälle zu Deutschland ist üppig
Das dürfte zu einigem Tanktourismus aus Deutschland führen, denn das
Preisgefälle zum Nachbarland ist hoch: Das Energieministerium in Warschau
legte fest, dass ein Liter Super E10 am Dienstag nur 6,76 Zloty (etwa 1,58
Euro) kosten durfte. In Deutschland lag der Preis gleichzeitig laut
[5][ADAC] bei im Schnitt 2,087 Euro. Diesel durfte am Dienstag in Polen je
Liter 7,60 Zloty (etwa 1,77 Euro) kosten. In Deutschland waren es im
Schnitt 2,295 Euro. Die Ersparnis für 50 Liter Sprit liegt damit jenseits
der Grenze bei etwa 25 Euro (E10) und gut 26 Euro (Diesel).
Polen ist nicht das einzige Land mit einem Preisdeckel in Europa: Bereits
gut eine Woche nach Kriegsbeginn verhängte Kroatien eine Obergrenze für
Kraftstoffe, die alle zwei Wochen geändert wird. Ähnliche Regelungen gelten
in Ungarn und Slowenien. Dort führte die Benzinpreisobergrenze zu so langen
Schlangen und Tankenden aus Österreich, dass die Regierung sich gezwungen
sah, die Kraftstoffabgabe zu rationieren. Fahrzeuge dürfen in Slowenien nun
nur noch höchstens einmal am Tag 50 Liter Sprit tanken. Auch Italien senkte
den Spritpreis zunächst 20 Tage lang, und zwar via Steuersenkungen um 25
Cent pro Liter.
In der Slowakei führten die Spritmaßnahmen der Regierung inzwischen zum
Krach mit der EU-Kommission: Als „absolut inkorrekt gegenüber der Slowakei“
bezeichnete Ministerpräsident Robert Fico die Aufforderung aus Brüssel, die
unterschiedlichen Spritpreise für In- und Ausländer an den Tankstellen
wieder abzuschaffen. Brüssel drohe seiner Regierung mit einem
Vertragsverletzungsverfahren, weil die unterschiedlichen Preise im
Widerspruch zu EU-Recht stünden, sagte der Linkspopulist.
## Spritpreis bei anderen Krisen höher
Die Regierung in Bratislava hatte am 18. März eine vorerst für 30 Tage
gültige Rationierung von Diesel und Benzin beschlossen. Zugleich führte sie
höhere Spritpreise für Fahrzeuge mit ausländischen Kennzeichen ein, um
Tanktourismus zu verhindern. Das begründete sie damit, dass die Versorgung
nur dank staatlicher Notreserven aufrechterhalten werden könne.
Auch wenn sich Autofahrer*innen in Deutschland über die stark
gestiegenen Spritpreise ärgern: Es war schon teurer, abhängig von fossilen
Treibstoffen zu sein. Laut den Ökonomen vom arbeitgebernahen Institut der
deutschen Wirtschaft (IW) müssen Beschäftigte derzeit im Schnitt vier
Minuten und 53 Sekunden für einen Liter Benzin arbeiten – und damit weniger
als bei anderen Krisen in der Vergangenheit.
Als Grundlage der Berechnungen diente der durchschnittliche Bruttolohn in
Deutschland, der laut IW zuletzt 25,94 Euro pro Stunde betrug, sowie ein
Preis von 2,08 Euro für einen Liter Superbenzin. Während der Öl-Krise 1974
waren für einen Liter Sprit laut IW 6,3 Minuten Arbeit nötig, 2011 und 2012
infolge des Arabischen Frühlings knapp 6 Minuten. Der Ukrainekrieg trieb
den Wert 2022 auf 5,2 Minuten.
31 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Der-Preis-fuer-das-Deutschlandticket-wird-ab-2027-nicht-mehr-politisch-festgelegt/!6166164
(DIR) [2] /Krieg-und-Treibstoffpreise/!6162911
(DIR) [3] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/auto-verkehr/spritpreis-paket-der-regierung-dieses-prinzip-aus-wien-bringt-eventuell-mehr-accg-200670479.html
(DIR) [4] /Bundesministerin-gegen-Uebergewinnsteuer/!6166729
(DIR) [5] https://www.adac.de/news/aktueller-spritpreis/
## AUTOREN
(DIR) Kai Schöneberg
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Benzinpreise
(DIR) Katherina Reiche
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Katherina Reiche
(DIR) Benzinpreise
(DIR) Energiepreise
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Konjunktur
(DIR) Energiepreise
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Verkehrswende
(DIR) Schwerpunkt Iran
(DIR) Benzinpreise
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Hohe Spritpreise in Deutschland: Reiche will weder Tempolimit noch Steuerrabatte
Die Wirtschaftsministerin erwägt allenfalls eine höhere Pendlerpauschale
und denkt über eine Senkung der Stromsteuer nach. Andere staatliche
Eingriffe lehnt sie ab.
(DIR) Trotz neuer Tankstellen-Regeln: Spritpreise am Donnerstagmittag erneut massiv gestiegen
Umwelt- und Sozialverbände fordern eine Reform der Pendlerpauschale.
Litauen senkt die Bahnpreise. Tschechien deckelt die Margen von
Ölkonzernen.
(DIR) Alternative zum teuren Tanken: Litauen macht Bahnfahren billiger
Ostergeschenk der Regierung in Vilnius: Sie will die Bevölkerung
kurzfristig entlasten – hofft aber auch, dass viele langfristig bei der
Bahn bleiben.
(DIR) Deutsche Wirtschaft in der Krise: Die Regierung muss gegensteuern – und hat drei Optionen
Die hohen Ölpreise als Resultat aus dem Irankrieg belasten die Wirtschaft.
Der fairste und günstigste Weg: Regelsätze der Grundsicherung erhöhen.
(DIR) Wegen Energiekrise: Kohleausstieg erst 2038
Auf dem Rücken der Energiekrise vorwärts in die Vergangenheit: Italien
verschiebt den Abschied von der Kohle – auch wenn das teuer wird.
(DIR) Konjunkturprognose für Deutschland: Schock dämpft Erholung
Der Irankrieg hat Folgen für die deutsche Wirtschaft: Die wichtigsten
Wirtschaftsforschungsinstitute halbieren ihre Wachstumsprognose für 2026.
(DIR) EU-Kommission zur Energiekrise: Brüssel hat keinen eigenen Plan
Hohe Kosten für Öl und Gas? EU-Energiekommissar Jörgensen setzt auf
Energiesparen und Dekarbonisierung. Zur Kommissionspolitik passt das nicht.
(DIR) Frühjahrsgutachten: Wachstumsprognose mehr als halbiert
Die deutsche Wirtschaft soll in diesem Jahr nur um 0,6 Prozent wachsen, wie
die Wirtschaftsinstitute prognostizieren. Die Verbraucherpreise werden
steigen.
(DIR) Hohe Spritpreise: Wer elektrisch fährt, kommt billiger weg
Verbände rechnen vor, was E-Auto-Fahren in Zeiten hoher Energiepreise
finanziell bringt. Die EU berät über schwächere Klimaregeln für die
Autobranche.
(DIR) Steigender Ölpreis und Klimaschutz: Die Angst vorm Benzinpreis wäre vermeidbar gewesen
Vom Krieg gegen Iran profitieren derzeit vor allem Ölkonzerne. Das ist
gefährlich für den Klimaschutz und vollkommen unnötig.
(DIR) Hohe Spritpreise: Nutzen Tankstellen den Krieg in Iran zur Abzocke?
Über zwei Euro kosten Benzin und Diesel gerade in Deutschland. Die
Bundespolitik diskutiert darüber, ob und wie einzugreifen ist.