# taz.de -- Neues Album von Mary Ocher: Ein Kessel Buntes mit dreiteiligem Kopfschmuck
       
       > Die israelische, in Berlin lebende Künstlerin Mary Ocher führt ihr neues
       > Album „Weimar“ beim Konzert in der Berliner Galiläa-Kirche mit
       > Podiumsdebatte ein.
       
 (IMG) Bild: Die Zarin des Experimentalpop: Mary Ocher
       
       Die Berliner Künstlerin Mary Ocher, seit einem guten Dutzend Jahren mit
       selbstironischem Humor und dystopisch eingenordeter Theatralik eine
       verlässliche Größe in den Nischen des experimentellen Pop, lädt zur
       Albumtaufe – und die könnte sich als stärkerer Tobak erweisen als das, was
       man von der israelisch-russischen Avant-Pop-Künstlerin sonst so kennt.
       
       Schließlich trägt ihr neues Werk den Titel „Weimar“, und dessen Musik
       präsentiert sich schwermütiger, weniger verspielt – dieser neue Sound
       offenbart sich schon beim flüchtigen Reinhören. Neben Ochers
       theatralischem, an Diamanda Galas oder auch Lotte Lenya erinnernden Gesang
       spielt das Klavier die tragende Rolle.
       
       Hieß der Vorgänger noch zweckoptimistisch [1][„Your Guide To Revolution“],
       fragt Ocher im begleitenden Essay zum neuen Album (seit „The West Against
       The People“ fester Bestandteil ihrer Veröffentlichungen)[2][, ob das, was
       wir gerade politisch und gesellschaftlich erleben], Parallelen zu Endphase
       der Weimarer Republik aufweist. „Und wenn ja, wie geht es dann weiter?“
       
       ## Große Resonanz
       
       Mit der Angst, das sich die Dinge zum ganz Schlechten einwickeln, ist Ocher
       keineswegs allein. Und doch, so war zu lesen, befürchtet sie, dass allein
       der Titel dazu führen würden, dass ihr Album kritisiert oder ignoriert
       wird. Über mangelnde Resonanz kann sie sich am Freitagabend nicht beklagen:
       Die zum Jugend[widerstands]museum umgewidmete Galiläakirche in
       Berlin-Friedrichshain ist gut gefüllt. Sogar zum vorab stattfindenden Panel
       sind die meisten schon da.
       
       Passend zum Album geht es um große Fragen: „Individuelle Freiheiten und
       Zensur in den letzten 100 Jahren bis heute“, so das Thema, über das sich
       Ocher mit Gästen austauschen will: Künstlerin Zoncy Heavenly aus Myanmar,
       der nordirische Historiker Finn Ballard, die ziemlich coole iranische
       Rapperin FarAvaz. Das funktioniert ohne Moderation leider nur ansatzweise,
       beim Panel fehlt der rote Faden.
       
       FarAvaz beklagt, dass die Medien hierzulande lieber über den Iran als über
       ihre Musik reden wollen – und vielleicht deshalb betreibt die im deutschen
       Exil lebende Künstlerin fleißig Selbstpromotion. Und dass überhaupt das
       Dilemma zur Sprache kommt, mit dem Ocher sich aufgrund ihrer
       jüdisch-israelischen Herkunft immer wieder konfrontiert sieht, braucht es
       einen Einwurf aus dem Publikum.
       
       ## West-östliche Diva
       
       Neulich, so erfährt man, habe ein Journalist ein Interview abgebrochen,
       weil ihre Meinung zum Nahostkonflikt nicht in das Narrativ passt, was er um
       sie herum stricken wollte – ihrer Erfahrung nach kein Einzelfall. „Wenn ich
       nicht das sage, was sie für meine Meinung halten, finden Journalisten oft
       interessante Wege, nicht zu sagen, was ich eigentlich denke.“
       
       Auf ihre Sozialisation in Israel, wohin ihre Eltern nach dem Zusammenbruch
       der Sowjetunion ausgewandert waren, blickt sie kritisch – immer wieder
       betont sie, wie ihre Erziehung an einer religiösen Schule von
       nationalistischer Propaganda und Xenophobie geprägt war. Als Ocher die
       Einberufung zur Armee drohte, ging sie nach Berlin. Im Essay bezeichnet sie
       die Stadt in den Nullerjahren als „sanctuary“, als Zufluchtsort – was ein
       bisschen nach naiver Projektion aus der Expat-Bubble anmutet.
       
       Inzwischen jedoch erlebe sie bisweilen, dass sie, wenn sie auftritt, bitte
       nur singen und bloß keine Ansagen machen soll. Vor der Zensur steht
       offenbar die Selbstzensur. Das Konzert selbst sorgt dann jedoch für
       Ausgelassenheit. Ocher trägt einen interessanten dreiteiligen, an die
       1920er Jahre gemahnenden Kopfschmuck. Musikalisch ist ein schön verspulter
       Kessel Buntes zu hören – keineswegs nur getragen und kammermusikalisch wie
       das Album, das sie mit Violinist Yukari eindrücklich auf die Bühne bringt.
       
       Sie wechselt immer wieder die Instrumente, moderiert sich mit Charme durch
       die wild gemischte Setlist und bindet das Publikum mit Karaoke ein. Auch
       wenn uns eventuell düstere Zeiten bevorstehen – am Freitag gehen alle
       beseelt nach Hause.
       
       15 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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