# taz.de -- Parlamentswahl in Ungarn: Und Schuld haben ausländische Kräfte
> Bei der Parlamentswahl in Ungarn sieht es für Fidesz und Viktor Orbán
> nicht gut aus. Doch Orbán könnte sich mit „Einmischung von außen“
> herausreden.
Die Aussichten des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seiner
Partei Fidesz, die Parlamentswahl am 12. April zu gewinnen, stehen nicht
gut. Orbán weiß das – und baut vor: Fidesz (Ungarischer Bürgerbund) führe
in den Umfragen, aber es drohen Wahlfälschung und Wahleinmischung durch
„liberale Kräfte“ von außen. So sagen es seine Leute. Sollte Fidesz die
Wahl verlieren, was die Prognosen nahelegen, wird es also nicht mit rechten
Dingen zugegangen sein. Der Verdacht ist durch Orbán und seine Leute gesät,
und so lässt sich das Wahlergebnis bei Bedarf aushebeln. Orbán wird zudem
eigene „unabhängige Wahlbeobachter“ einsetzen, durch eine eigens dafür
gegründete „Liberty Coalition for a Free and Fair Election“.
Noch also gibt sich Orbán nicht geschlagen – und beschreibt die Lage
dramatisch: Ungarn muss sich gegen ein böses Imperium, die Europäische
Union, wehren. Die will Ungarn die Souveränität rauben, sie organisiert
Migrationsströme, will die abendländisch-christliche Kultur zerstören und
dem Land die Energiezufuhr kappen. Die größte aller Gefahren dabei: Die
Achse Brüssel-Berlin will Ungarn in den russischen Krieg gegen die Ukraine
hineinziehen. All das könne nur die Regierung Orbán verhindern. Nur wenn
Fidesz die Wahl gewinne, können „die ungarischen Familien“ ruhig schlafen.
An Fidesz wird ein Politikmuster deutlich, das all jene Parteien verbindet,
die im Europaparlament in den Fraktionen „Patrioten für Europa“ und „Europa
der Souveränen Nationen (ESN)“ organisiert sind. In der Fraktion ESN sind
die Parteien, die den „Patrioten“ zu extrem rechts sind, unter anderen die
AfD. Zu den „Patrioten“ zählen unter anderen die polnische PiS (Recht und
Gerechtigkeit), der französische Rassemblement National, die tschechische
Ano („ja“), die FPÖ und die slowakische Partei Smer (Slowakische
Sozialdemokratie). Deren Ministerpräsident Robert Fico hatte schon
angekündigt, dass er im Fall einer Wahlniederlage Orbáns die Rolle als
Nervensäge im EU-Rat übernehmen werde.
Die Politik dieser Parteienfamilien beruht auf zwei Elementen: In den
Selbstdarstellungen ihrer Politik gibt es ein Volk, das einen einheitlichen
Willen hat, den die Regierung kennt und ausführt. Tatsächlich verläuft die
politische Willensbildung aber genau andersrum: Die Regierung tut, was sie
für opportun hält und lässt sich dies plebiszitär bestätigen. Vorzugsweise
indem der Bevölkerung in Umfragen Suggestivfragen gestellt werden: „Sind
Sie für die Beibehaltung der 13. Monatsrente?“ Wenig überraschend stimmten
98 Prozent der Bürger mit ja. So konstruiert diese Politik ihren
„Volkswillen“. Kehrseite der einheitlichen Volkskonstruktion ist, dass
jegliche Opposition ein Feind ist. So wird die [1][ungarische
Oppositionspartei Tisza (Respekt- und Freiheitspartei)] tituliert als
Marionette ausländischer Kräfte, vor allem der EU. Der Beweis? Die
Tisza-Abgeordneten stimmen im EU-Parlament nicht mit den Abgeordneten von
Fidesz. Und da Fidesz angeblich die Interessen des ganzen ungarischen
Volkes vertritt, stimmen die Tisza-Leute also gegen Ungarn. Sie werden
[2][dargestellt als Verräter am eigenen Volk] im Auftrag der EU und ihrer
Strippenzieher.
Da alle Bedrohungen von außen kommen, belästigen Fidesz die Bevölkerung
permanent mit Feind- und Kampfrhetorik. Das hat Folgen. Denn diese Rhetorik
verfängt zumindest bei einem Teil der Bevölkerung und erzeugt ein Klima des
Misstrauens weit über die Wahl hinaus. Die etwas bessere Folge ist, dass
diese Art der Politik nur begrenzt bündnisfähig ist. Das erkennt man daran,
dass alle Versuche, auf EU-Ebene einen stabilen Block der östlichen
EU-Mitglieder zu bilden, bisher gescheitert sind. Die ungarische Regierung
gerät regelmäßig mit Rumänien wegen ungarischer Minderheitenpolitik in
Konflikt. Mit der Slowakei gibt es einen Dauerkonflikt über [3][Spätfolgen
der Beneš-Dekrete], mit Kroatien Konflikte über den Energietransit.
Immerhin kann man sich untereinander verständigen, sobald es gegen die EU
geht. Und die Haltung gegenüber dem (noch) Nicht-EU-Mitglied Ukraine ist
völlig eindeutig: Sie ist neuerdings nicht mehr Gegner, sondern explizit
„Feind“.
Wirtschaftliche Probleme, die Ungarn verstärkt hat, lassen sich mit damit
nicht lösen. Das wird an der widersprüchlichen Haltung gegenüber
ausländischem Kapital deutlich. Einerseits werden die Ursachen der
Inflation in Ungarn im Ausland gesucht – und gefunden. Schuld tragen die
profitgierigen ausländischen Konzerne, die den Einzelhandel in Ungarn
dominieren. Folglich wird die Inflation mit Preiskontrollen bekämpft, deren
längerfristige Folgen ignoriert werden.
Die Rating [4][Agentur Fitch klassifiziert ungarische Staatsanleihen eine
Stufe oberhalb von „Ramsch“]. Die ungarische Regierung jedoch wiegelt ab:
Alles nur Wahlkampftheater und Unterstützung für die Opposition. Im Übrigen
habe man zwischen 2010 und 2025 mittels Sondersteuern und Ähnlichem
(„Robin-Hood-Steuer“) dem „Großkapital“ 39,71 Milliarden Euro entzogen und
damit die ungarischen Familien und Unternehmen geschützt. Klar, so stellen
es Orbán und seine Regierung dar, dass ein Teil des Großkapitals nun die
Opposition hätschelt. Andererseits werden Investitionen ausländischer
Konzerne, die Arbeitsplätze versprechen, vom Staat großzügig
subventioniert, und es wird jede noch so bescheidene Industrieansiedlung
als Riesenerfolg der Regierung verkauft.
Das ungarische Wirtschaftsmodell beruht im Wesentlichen auf zwei Säulen:
auf billigen Arbeitskräften und billiger Energie. Das bestätigt BMW-Chef
Oliver Zipse anlässlich einer Werkseröffnung in Debrecen im September 2025:
Ohne billige Energie keine wettbewerbsfähige Produktion. Darum alarmierte
das Importverbot russischer Energie durch die US-Regierung die ungarische
Regierung. „Wir standen bis zum Hals im Wasser“, sagte Orbán dazu nach
seiner Reise zu US-Präsident Donald Trump im vergangenen November: „Dieses
allgemeine Sanktionssystem hätte uns in den Ruin getrieben.“ Jetzt aber
habe er Trumps Erlaubnis mitgebracht, weiterhin billiges russisches Öl und
Gas zu importieren. Dass die Ausnahmeerlaubnis in der ungarischen Lesart
auf Dauer gewährt wird, während von US-Seite ihre Befristung auf ein Jahr
mehrfach betont wurde, ging unter. Ebenso wird unterschlagen, dass die
Steigerungen der Energiepreise, die vor allem die ungarische Bevölkerung
hart treffen, etwas mit Trumps unüberlegtem Krieg gegen den Iran zu tun
haben.
## Ungarns Störenfried-Rolle
Welche mittelfristigen Folgen hat dieses Getöse? Die Attraktivität solchen
Handelns, wie es die Orbán-Regierung und auch andere autokratische
Regierungen in Europa an den Tag legen, beruht für all jene, die in den
USA, Russland und China die Entwicklung Europas misstrauisch beobachten,
auf ihrer Rolle als Störenfriede. Genau das bestätigte US-Außenminister
Marco Rubio, als er im Februar in Ungarn war: „Solange Viktor Orbán an der
Spitze Ungarns steht, liegt es in unserem nationalen Interesse, dass es
Ungarn gut geht.“
Diese Störenfried-Rolle lässt sich so lange spielen, wie wichtige
Beschlüsse im Rat einstimmig gefasst werden. Kann oder will eine Regierung
die Rolle als Störenfried innerhalb der EU aber nicht mehr einnehmen, ist
es um diese Attraktivität geschehen – und die Störerrolle wird zur
Außenseiterrolle. Und so fördert die gegenwärtige ungarische Störpolitik
auf der EU-Ebene – völlig gegen ihre Absicht – die Ausweitung des
Mehrheitsprinzips an Stelle von Einstimmigkeit. Die Folge: Wer bei
wichtigen Beschlüssen nicht mitmachen will, bleibt im Integrationsprozess
eben zurück. Das läuft auf die Entwicklung eines Kerneuropas hinaus, zu dem
Ungarn dann jedenfalls nicht mehr gehört. So arbeiten autokratische
Regierungen wie die Viktor Orbáns an ihrer Selbstmarginalisierung – und
tragen zur Vertiefung der EU-Integration bei.
Was können wir erwarten? Die gute Nachricht: Die vielen Vorkehrungen, um
eine Wahlniederlage wegzuinterpretieren, zeigen, dass die Fidesz selbst
nicht mehr an einen Erfolg glaubt. Die weniger gute: Wenn die Opposition
nicht mit erheblichem Abstand gewinnt, fehlen ihr die politischen
Ressourcen, um den Schaden von mehr als 15 Jahren Orbán-Regierung
ungeschehen zu machen.
5 Apr 2026
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