# taz.de -- Kritik an Kulturstaatsminister Weimer: Hufeisen und Nazikeulen
       
       > Die Eröffnungsrede von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer auf der
       > Leipziger Buchmesse wird mit Buhrufen quittiert. Der verteidigt sich mit
       > Habermas.
       
 (IMG) Bild: Anti-Weimer-Protest vor dem Gewandhaus Leipzig, wo am Mittwochabend die diesjährige Buchmesse eröffnet wurde
       
       Ob er wirklich kommen würde, das war bis wenige Tage vor dem Start der
       Buchmesse am Mittwochabend noch unklar. Bis auf die Eröffnungsveranstaltung
       hatte Wolfram Weimer, der [1][wegen seines Eingreifens in die Preisvergabe
       des deutschen Buchhandelspreises in der Kritik] steht, alle Termine auf der
       Leipziger Buchmesse abgesagt. Bereits draußen auf dem Platz vor dem
       Gewandhaus in Leipzig, wo die Eröffnungsfeier stattfindet, wird gegen den
       Kulturstaatsminister protestiert. Einige Hundert Menschen fordern Weimer
       zum Rücktritt auf. Und auch im Festsaal des Gewandhauses, wo Weimer
       irgendwann Platz nimmt, fallen deutliche Worte der Kritik.
       
       Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung denkt am Mittwochabend in seiner
       Rede laut über Mut und Mutlosigkeit nach, bevor er Weimer direkt
       adressiert. Beinahe wohlwollend sagt er, er freue sich, dass Weimer den Weg
       der Besinnung eingeschlagen habe. Jung spielte damit auf die Ankündigung
       Weimers [2][an, den geplanten Erweiterungsbau der Deutschen
       Nationalbibliothek in Leipzig nun doch nicht zu stoppen.] Mit Blick auf
       Weimers Eingreifen bei der Buchpreisvergabe, wo der Kulturstaatsminister
       drei linke Buchläden mithilfe einer umstrittenen Abfrage beim
       Verfassungsschutz von der Preisliste geschmissen hatte, beschwört Jung
       hingegen sehr deutlich die „Freiheit der Andersdenkenden“.
       
       Noch ungleich schärfer fällt die Kritik von Sebastian Guggolz aus. In den
       vergangenen drei Wochen habe sich die Buchbranche resistent gezeigt, so der
       neue Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, man lasse sich
       nicht spalten. Heftiger Applaus begleitet seine Rede. Weimer unterstellt er
       in aller Direktheit einen „autokratischen Gestus“.
       
       ## Weimer nicht ohne Selbstironie
       
       Unter Buhrufen und laut vorgetragenen Rücktrittsforderungen beschwört
       Weimer dann bei seiner Eröffnungsrede auf der Bühne den Kant’schen
       Vernunftbegriff und verweist in dem Zuge auch auf den kürzlich verstorbenen
       Philosophen Jürgen Habermas. Nicht ohne Selbstironie spricht er danach vom
       „Habermas-Verfahren“, das eigentlich Haber-Verfahren heißt und die Abfrage
       beim Verfassungsschutz beschreibt.
       
       Er sei, ganz generell, durchaus dafür, den Raum der Toleranz zu weiten, so
       weit man nur kann, sagte Weimer. Es gebe aber einen Unterschied zwischen
       den Kategorien der Freiheit und der Förderung: Dass Deutschland verrecke,
       wie es an der Fassade des Golden Shops in Bremen heißt – einem der von der
       Preisliste gestrichenen linken Buchläden – dürfe man sich wünschen. Aber
       mit Preisgeldern müsse man solch eine Haltung nicht belohnen.
       
       Hört man Weimer zu, bekommt man fast den Eindruck, jeder linke bis
       linksradikale Buchladen in Deutschland bekäme automatisch ein dickes
       Fördergeld aufs Konto überwiesen. Der Staatsminister unterschlägt damit
       allerdings, [3][dass beim Buchhandlungspreis traditionell eine unabhängige
       Jury auswählt,] welche inhabergeführte Buchhandlung die Preisgelder in Höhe
       von 7.000 bis 15.000 Euro erhält. Durch eine linksradikale Unterwanderung
       war die bisher nicht aufgefallen.
       
       Ob der Protest der Buchbranche wohl ähnlich laut ausgefallen wäre, hätte es
       sich bei den ausgeschlossenen Buchhandlungen um rechtsradikale Läden
       gehandelt, fragt sich Weimer gegen Ende seiner Rede noch laut.
       
       ## Kretschmer mit der Hufeisentheorie
       
       Ganz so explizit führt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU)
       die Hufeisentheorie nicht ins Feld. Man müsse unterschiedliche Meinungen
       aushalten, gesteht er zu – kritisiert aber gleich im Anschluss in Anlehnung
       an die Schriftstellerin Juli Zeh, dass doch recht schnell dieser Tage mit
       der „Nazikeule“ hantiert werde.
       
       Dabei ist das Thema natürlich mitnichten vom Tisch: Die drei linken
       Buchhandlungen erfahren aktuell zwar (auch finanziell) viel Solidarität,
       vom Preis ausgeschlossen bleiben sie in dieser Runde jedoch weiterhin. Auch
       das Kompromissangebot vonseiten Weimers, den Buchhandlungspreis „neu zu
       belegen“, kann kaum als solches gelten: War zuvor von irgendeiner Seite
       jemals Reformierungsbedarf angemeldet worden?
       
       Die Ehrung von Miljenko Jergović, der dieses Jahr den Preis der Leipziger
       Buchmesse zur europäischen Verständigung bekommen hat, geriet angesichts
       der Tagespolitik derweil etwas in den Hintergrund. Der [4][Preisträger
       beschwor auf der Bühne die sprachliche und kulturelle Vielfalt Europas].
       Etwas fremd stand seine Rede, die sich gegen Krieg und Fremdenfeindlichkeit
       wandte, in dem bereits ordentlich mit deutscher Innenpolitik aufgeladenen
       Raum. Die serbische Schriftstellerin und Laudatorin Barbi Marković würdigte
       ihren bosnisch-kroatischen Schriftstellerkollegen aber in jedem Fall
       gebührend: Jergović schreibe stets der „unschubladisierbaren mäandrierenden
       Menschlichkeit“ entgegen, so Marković. Mit dem Herzen sei er immer bei den
       Schwächeren, den Mittellosen, kurz: den anderen.
       
       19 Mar 2026
       
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 (DIR) Julia Hubernagel
       
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