# taz.de -- Preis der Leipziger Buchmesse: Europas Gespür für Unübersetzbares
> Was haben Dutzende alte Schuhe vor Dorfhäusern mit Europa zu tun?
> Miljenko Jergovićs Rede zur Verleihung des Preises zur europäischen
> Verständigung.
(IMG) Bild: Schuhe vor dem Dorfhaus: Die Sprache Europas ist die Übersetzung, sagte Umberto Eco
In dem Land, in dem ich geboren bin, steht in jedem Dorf vor jeder Haustür
ein Dutzend Paar alter Schuhe.
Der Satz, den ich soeben aussprach, ist ins Deutsche übersetzt, er könnte
ebenso gut in jede andere Sprache Europas übersetzt sein, und das sind mehr
als [1][die vierundzwanzig Amtssprachen der Europäischen Union]. Aber nur
in jener Sprache, in welcher der Satz ausgesprochen wird, lässt sich
verstehen, was er besagt und warum in jedem Dorf vor jeder Haustür ein
Dutzend Paar alter Schuhe steht.
Die Sprache Europas ist die Übersetzung, sagte Umberto Eco.
Und doch liegt die wahre Stärke und Größe Europas in der Vielzahl seiner
Sprachen. Jede Sprache ist eine vollständige, vollkommene Welt. Und jede
einzelne der europäischen Welten ist ganz Europa. Die wahre Macht Europas
beruht nicht auf französischen Kampfflugzeugen und deutschen Panzern, und
sie fußt auch nicht auf den Schweizer Banken.
## Europa ist die Vielzahl der Welten
Die wahre Macht Europas fußt auf der unbesiegbaren Vielzahl der Welten, die
Europa bilden und die ihrerseits aus der Vielzahl europäischer Sprachen
hervorgehen. Jede Sprache ist eine vollständige, vollkommene Welt, die sich
von allen anderen Welten unterscheidet.
Die Stärke Europas ist die Übersetzung. Die Stärke Europas ist die
Möglichkeit, das zu verstehen, was sich nicht übersetzen lässt.
Die Stärke Europas ist die Antwort auf die Frage, warum in jedem Dorf vor
jeder Haustür ein Dutzend Paar alter Schuhe steht.
Menschen aus kriegszerstörten, armen Ländern kommen nicht deshalb nach
Europa, weil Europa Panzer und Kampfflugzeuge produziert, und auch nicht
deshalb, weil Europa besonders hochwertiges Geld druckt. Sie kommen auch
nicht deshalb, weil Europäer sensibel auf ihr Elend und ihre Armut
reagieren würden.
Menschen aus Afrika und Asien kommen nach Europa, weil sie an Europas
Stärke glauben. Sie kommen, weil sie den Eindruck haben, in dieser Vielzahl
von Welten, die aus der Vielzahl europäischer Sprachen hervorgeht, sei auch
für sie, ihre Welt und ihre Sprache genug Platz.
## Angst vor Europa
Wenn wir Angst bekommen vor Menschen, die zu uns kommen, ist es nicht die
Angst vor diesen Menschen, ihren Welten und Sprachen. Es ist die Angst vor
Europa. Es ist die Angst vor der Übersetzung als der einen und einzigen
Sprache Europas. Die Angst vor unserer eigenen Stärke. Die Angst gebiert
die Idee zu einem Imperium, das wie alle Imperien monolithisch wäre und im
Namen einer Welt, einer Sprache und eines Führers alle anderen Imperien
besiegte.
Die Angst vor Europa gebiert Ideen, Ausländer zu deportieren. Zuerst die
sogenannten illegalen Migranten und dann alle anderen. Um Ausländer
effizient zu deportieren, müssen zunächst Deportationslager eröffnet
werden. Damit diese Deportationslager sich selbst tragen, könnten wir sie
in Arbeitslager verwandeln. Und aus Arbeitslagern werden nur allzu schnell
Todeslager. So wie aus dem Problem illegaler Migranten nur allzu schnell
das Problem sämtlicher Menschen wird, deren Sprache wir nicht verstehen und
deren Welt uns fremd ist.
Deswegen ist es wichtig zu wissen, dass es eine europäische Welt gibt, in
deren Sprache das Wissen eingeschrieben ist, warum in jedem Dorf vor jeder
Haustür ein Dutzend Paar alter Schuhe steht.
Geografisch wird Europa von drei Meeren begrenzt: Nordsee, Atlantik und
Mittelmeer. Europa ist allerdings keine Insel. An die vierte Seite der Welt
grenzt kein Meer. Auch das ist ein Teil, und zwar ein besonders wichtiger
Teil der Angst Europas vor sich selbst.
## An der Ostseite der Welt lässt sich keine Grenze Europas ziehen.
Richtung Osten ist Europa wie eine offene Erzählung, wie wenn der Tonarm am
Ende einer Schallplatte festhängt, wie eine kindgerecht aufbereitete
Präsentation der unendlichen Weiten des Alls oder wie ein aufgeschlitzter
Bauch, der sich nicht mehr zusammenflicken lässt … Europa fürchtet sich vor
seinem Osten, Europa fürchtet sich vor Osteuropa und vor allem, was danach
kommt.
Die Angst vor dem Osten lässt sich unmöglich durch das Ziehen von Grenzen,
echten oder provisorischen, beseitigen oder aufheben. Denn egal wo die
Grenze gezogen wird, dahinter bleibt immer ein Stück Europa übrig, mit dem
Europa nichts anfangen kann. Oder ein Stück Europa, das nicht Europa sein
will …
Die Angst vor dem Osten lässt sich nur beseitigen, wenn wir eine Tatsache
begreifen: Europa wird nicht von seinen geografischen Grenzen definiert.
Europa ist kein definiertes, eindeutig abgegrenztes Territorium. Europa ist
die Vielzahl der Welten, die sich der Vielzahl seiner Sprachen verdankt.
Europa dehnt sich innerhalb, nicht außerhalb seiner selbst aus, Europa ist
keine Besatzungsmacht, und es ist nicht kolonialistisch. Von drei Seiten
von Meeren umschlossen, zerfließt es an der vierten wie Aquarellfarbe;
Europa hat keinen anderen Feind als sich selbst.
Wer es von außen zerstören will, will sich gleichzeitig ein eigenes
Instant-Europa aufbauen und erschaffen, ein Europa, das sich vom echten
Europa durch das gänzliche Fehlen von Europäern unterscheiden würde, weil
Europäer die Dinge so unerträglich kompliziert machen.
## Ein Kontinent voll Zuckerwerk
Der markanteste Gegner Europas würde den Kontinent liebend gern vernichten,
aber er [2][träumt gleichzeitig vom Friedensnobelpreis]. Doch der
Nobelpreis ist, wie wir wissen, das leckerste Zuckerwerk der Moderne und so
europäisch wie wenig anderes. Europa hat der Menschheit in den vergangenen
Jahrhunderten so viel Zuckerwerk geschenkt, dass wir den Kontinent zum
Tröster der Kinder und der emotional Instabilen erklären dürfen.
Wir täten gut daran, Europa von der Angst zu befreien, sonst bringt die
europäische Angst einmal mehr großes Unheil hervor. Seit der Zeit, als ein
berühmter Genuese auf der Suche nach Gewürzen in die falsche Richtung
segelte und Amerika entdeckte oder, noch länger zurück, seit der Zeit, als
aus dem Osten die Pest nach Europa kam, erwuchs noch jedes große Unheil für
unsere Zivilisation aus der europäischen Angst.
Heute kann uns nur eins retten: Wir dürfen keine Angst haben. Retten kann
uns nur die Einsicht, dass die unerträgliche Attraktivität Europas von der
Übersetzung lebt, von der Übersetzung und der Fähigkeit, das zu verstehen,
was sich nicht übersetzen lässt, eine Fähigkeit, die aus der Vielfalt
europäischer Welten erwächst.
Also warum steht mindestens ein Dutzend Paar alter Schuhe vor der Tür eines
Hauses, in dem nur drei Menschen wohnen? Schuhe, die an der Ferse
heruntergetreten sind, damit man wie in Pantoffel hineinschlüpfen kann, und
die nur für kurze Gänge über den Hof oder durch den Garten getragen werden.
Nie für weiter weg. Die aber, so die Überzeugung unserer Leute, zu schade
zum Wegwerfen sind.
In diesen Schuhen stecken die Erfahrungen meiner Welt. In ihnen steckt
unsere kleine private Geschichte, für die wir Europa dankbar sein können.
Dem Europa in uns, und dem Europa um uns herum. In diesen Schuhen, die in
meinem Land in jedem Dorf vor jeder Haustür stehen, steckt auch die
närrische Hoffnung, es möchten neue daraus werden. Die Hoffnung, dass aus
Altem Neues werde, nennt man Tradition, europäische Tradition.
Und es muss mindestens ein Dutzend sein, auch wenn nur drei Menschen im
Haus wohnen, denn Auswahl ist wichtig. Ohne Wahlmöglichkeit gibt es weder
menschliche Freiheit noch Demokratie. Freiheit ist nicht nur das Recht auf
Wahlmöglichkeiten bei lebensnotwendigen Gütern. Freiheit ist das Recht auf
Wahlmöglichkeiten bei Dingen, die andere für unwichtig halten.
Das Dutzend Paar alter Schuhe in jedem Dorf vor jeder Haustür [3][in dem
Land, in dem ich geboren bin], ist Europa. Das ganze Europa.
Danke Ihnen, dass Sie für mich Verständnis haben, auch wenn Sie mich nicht
verstanden haben.
Danke Ihnen fürs Kümmern um alle anderen.
Aus dem Kroatischen übersetzt von Brigitte Döbert
18 Mar 2026
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