# taz.de -- Kritische Theorie gegen Islamogauchisme: Islam – Kritik und Apologie von links
> Marx kritisierte die „bequeme Zweiteilung“ in Gläubige und Ungläubige im
> Islam. Horkheimer attestierte der Religion einen immanenten Hang zur
> Gewalt.
(IMG) Bild: Machtübernahme der Mullahs. Iran, Feburar 1979
Antisemitismus in linken akademischen Milieus äußert sich in den letzten
Jahren insbesondere in einem projektiven Antizionismus, der je nach
politischer Orientierung und theoretischen Bezügen antiimperialistisch,
antinational oder postkolonial „begründet“ wird.
Immer häufiger stehen diese „Begründungen“ in einem unmittelbaren
Zusammenhang mit einer Sicht auf den politischen Islam, die bei großen
Teilen sowohl der akademischen als auch der aktivistischen Linken mal von
Ignoranz und Unfähigkeit zur Kritik, mal von Verharmlosung oder
Relativierung und immer öfter von offener Kooperation geprägt ist.
Es wäre jedoch ein grober politischer Fehler und würde zu inadäquaten
Zustandsbeschreibungen führen, die antisemitismuskritischen Teile der
Linken auszublenden. Sowohl bei der Beurteilung des Zionismus und Israels
als auch bei der Positionierung gegenüber den diversen islamistischen
Strömungen und dem orthodox-konservativen Mehrheitsislam existieren linke
Theorietraditionen, die sich gegen die derzeitige Hegemonie von Israelhass
und Islamverklärung in großen Teilen der globalen Linken wenden ließen.
Sowohl historisch als auch gegenwärtig gilt: die schärfsten Kritiker von
Antisemitismus in der Linken, vermeintlich progressivem Israelhass und dem
Islamogauchisme (ein Begriff, der in Frankreich bereits seit Beginn der
2000er Jahre für die Kooperation von Linksradikalen und Islamisten
verwendet wird, während im Englischen meistens von einer „red-green
alliance“ die Rede ist), fühlen sich selbst linken Theorietraditionen
verpflichtet – insbesondere der Kritik der politischen Ökonomie von Karl
Marx und der klassischen Kritischen Theorie der Frankfurter Schule von
Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.
## Antifa gegen Klerikalfaschisten
Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich im deutschsprachigen Raum eine sowohl
akademische als auch außerakademische theoretische und praktische Kritik
entwickelt, in welcher der Marxismus mit Marx und die real existierende
Linke mit der Kritischen Theorie und ihren ideologiekritischen
Weiterentwicklungen ins Visier genommen wird.
Auch in der Konstellation seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 sind
es im aktivistischen Bereich maßgeblich Teile der linken Antifa, die sich
[1][den antiisraelischen Massenaufmärschen im deutschsprachigen Raum]
entgegenstellen; und im akademischen Bereich sind es vornehmlich aus der
Linken stammende Autorinnen und Autoren, die dem Antisemitismus, seiner
Verharmlosung und der Fraternisierung mit der Gegenaufklärung etwas
entgegensetzen.
Der Bedeutungsverlust marxistisch-leninistischer Bezüge und der Siegeszug
poststrukturalistischer und postkolonialer Deutungsmuster an den
Universitäten seit den 1990er Jahren ist mit einer zunehmenden
Fraternisierung mit islamistischen Bewegungen und einer Tabuisierung von
Kritik am orthodox-konservativen Mehrheitsislam in großen Teilen der
akademischen und in der aktivistischen Linken einhergegangen, während in
den Zeiten des Kalten Kriegs der autoritäre Staatssozialismus noch in
relativer Gegnerschaft zum Islamismus stand.
## Superlinke und Dschihadisten
Ein Resultat dieses Prozesses im politischen Bereich ist die immer
[2][hemmungslosere Kooperation radikaler Linker] mit offen
dschihadistischen Gruppierungen – insbesondere in Frankreich und
Großbritannien. Aber [3][auch Deutschland ist davon nicht verschont]
geblieben, was sich nicht nur [4][im akademischen und aktivistischen,]
sondern auch im politischen Bereich zeigt: Heidi Reichinnek, der neue
Shootingstar der Partei Die Linke und Fraktionsvorsitzende im Bundestag,
ist Co-Autorin eines Beitrags aus dem Jahr 2016, in dem offen zur
Kooperation mit der islamistischen Muslimbruderschaft aufgerufen wird.
Wohingegen sich prominente Linke, die sich explizit kritisch zum
politischen Islam und zum linken Antizionismus positioniert haben – wie
beispielsweise der frühere [5][Kultursenator von Berlin, Klaus Lederer] –,
der Partei seit dem 7. Oktober 2023 zunehmend den Rücken kehren.
An westlichen Universitäten wird seit über zwei Dekaden mit Kampfbegriffen
wie „Islamophobie“, mit dem sich auch Vertreter des antisemitischen
iranischen Terrorregimes gegen Kritik zu immunisieren versuchen, jeglicher
Einwand gegen eine mit bestimmten Islaminterpretationen begründete
Menschenzurichtung mobilgemacht.
Im Rahmen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit, in der sich 56
islamisch geprägte Staaten zusammengeschlossen haben, wird selbst die
Kritik an der Anwendung der Scharia mit dem Islamophobie-Begriff abgewehrt.
Aber auch hier gilt: Ebenfalls seit zwei Jahrzehnten werden derartige
Kampfbegriffe von Teilen der Linken kritisiert. Und neben der langen
Geschichte von Verharmlosung, Relativierung bis zur offenen Bewunderung des
Antisemitismus und des antiliberalen Furors im Islamismus und im
orthodox-konservativen Mehrheitsislam existieren in der Linken auch
Traditionen einer radikalen Islamkritik – auf die sich in der gegenwärtigen
Konstellation allerdings nur noch eine Minderheit in der Linken bezieht.
## Marx über den real existierenden Islam
Schon Marx hatte über den Islam recht Deutliches zu sagen. In der New York
Daily Tribune schrieb er 1854: „Der Koran und die auf ihm fußende
muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie der
verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige
und Ungläubige. Der Ungläubige ist ‚harby‘, d. h. der Feind. Der Islam
ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter
Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen.“
Über die Situation der Juden in Jerusalem heißt es bei Marx: „Die
Muselmanen, die etwa ein Viertel der ganzen Bevölkerung bilden und aus
Türken, Arabern und Mauren bestehen, sind selbstverständlich in jeder
Hinsicht die Herren […]. Nichts gleicht aber dem Elend und den Leiden der
Juden in Jerusalem, die den schmutzigsten Flecken der Stadt bewohnen […],
sie sind unausgesetzt Gegenstand muselmanischer Unterdrückung und
Unduldsamkeit […].“
Max Horkheimer attestierte als einer der wichtigsten Vertreter der
Kritischen Theorie dem Islam einen ausgeprägten, in den Prinzipien der
Religion angelegten Hang zu Gewalt und Eroberung und sah ihn deutlich
weiter entfernt vom Gedanken einer allgemeinen sowohl gesellschaftlichen
als auch individuellen Emanzipation als das Christentum und insbesondere
das Judentum.
Selbst unter israelischen radikalen Antizionisten fanden sich Ausnahmen von
der gängigen linken Islamverharmlosung. Der marxistische Aktivist Akiva Orr
von der antizionistischen Zeitschrift Matzpen hob sich Anfang der 1990er
Jahre durch eine dezidierte Kritik des politischen Islam von einer Vielzahl
europäischer Antizionisten ab.
Ausgehend von seinen Erfahrungen mit den [6][Entwicklungen in Iran nach der
Islamischen Revolution] erklärte er: „Das Schweigen der Atheisten zum Islam
bedeutet Kapitulation und einen Schritt in Richtung religiöser
Hinrichtungen.“
## Grußadresse der S.I. aus Paris nach Bagdad
Die neomarxistische und antistalinistische [7][Situationistische
Internationale] (S.I.) in Frankreich, die maßgeblich zum Pariser Mai 1968
beigetragen hat, ging noch deutlich weiter und schickte 1965 eine
Grußadresse an ihre irakischen Genossen, die „den Koran in den Straßen
Bagdads verbrannt haben“.
Auch in anderen Schriften der S.I. um den Autor Guy Debord findet sich
scharfe und polemische Kritik am Islam, der als Todfeind jeglicher
Emanzipation betrachtet wird.
Maßgebliche Teile des europäischen Linksradikalismus haben sich lange Zeit
Illusionen über die Islamische Revolution in Iran von 1979 gemacht.
In der Zeitschrift Khamsin hingegen, in welcher Aktivisten der israelischen
Matzpen von 1974 bis 1987 mit linken arabischen Intellektuellen
zusammengearbeitet haben, erschienen schon kurz nach dem Siegeszug der
Ajatollahs unter Ruholla Khomeini scharfe Kritiken an den Entwicklungen in
Iran, insbesondere von Kanan Makiya und dessen Frau Afsaneh Najmabadi.
## Saids Verteufelung des Westens
In Khamsin, die von vielen heutigen linken Uni-Gruppen vermutlich
boykottiert würde, kamen arabische Marxisten wie Sadik Al-Azm mit scharfer
Kritik an Edward Saids Verteufelung des Westens zu Wort.
Oder Lafif Lakhdar, der „arabische Spinoza“, der eine konsequente Trennung
von Politik und Religion in den arabischen Gesellschaften forderte, sich
über „dieses Mittelalter, in dem wir immer noch leben“, empörte und
explizit die Judenfeindschaft beispielsweise in Ägypten und Algerien
thematisierte.
Auch in diesen Fällen ließe sich die heutige Linke von und mit links
kritisieren. Insbesondere zu einer materialistisch fundierten Islamkritik
und zur Islamapologie großer Teile der Linken sind in den letzten 30 Jahren
zahlreiche Beiträge ausgehend von einer Ideologiekritik in der Tradition
der klassischen Kritischen Theorie erschienen, die sich mitunter selbst
nicht mehr als „links“ verorten möchten, aber doch eindeutig in einer
linken Theorietradition stehen.
Für eine sinnvolle Auseinandersetzung mit linkem Antisemitismus und dem
Islamogauchisme in der heutigen Zeit sollte man sich nicht der Versuchung
hingeben, sie als Vorwand für eine wohlfeile Abrechnung mit auf
Emanzipation zielenden Positionierungen zu verwenden.
Dies weniger wegen einer völlig unnötigen Ehrenrettung der Linken, die sich
auch scharfe Kritik redlich verdient hat. Eher, um zu einer adäquaten
Beschreibung der Situation zu gelangen, und auch zur Kenntnisnahme
potenzieller Bündnispartner für eine liberal oder konservativ situierte
Verteidigung einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung.
27 Feb 2026
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