# taz.de -- Zum Sieg der demokratischen Mitte: Noch ist Frankreich nicht verloren
> Die Links-rechts-Polarisierung hat bei den Kommunalwahlen nicht mehr
> gezogen. Demokratische Linke und Konservative können Systemsprenger
> besiegen.
(IMG) Bild: Der Sieger am Wahlabend auf dem Weg zum Rathaus: Sozialist Emmanuel Grégoire führte das Bündnis der gemäßigten Linken in Paris an
Vor den französischen Kommunalwahlen zeichnete sich für die nächste
Präsidentschaftswahl im April 2027 ein Duell zwischen Rechts- und
Linksradikalen ab, das die Fünfte Republik zerrütten und die Europäische
Union zum Kentern bringen könnte.
Im ersten Wahlgang konnten der rechtsextreme Rassemblement National (RN)
und das linksautoritäre France insoumise (LFI) deutlich zulegen, während
von der liberal-demokratischen Mitte, die Emmanuel Macron 2017 geformt hat,
kaum etwas übrigblieb.
Doch der fast in ganz Frankreich notwendige zweite Wahlgang änderte das
Bild, da die Listen der linken und rechten Mitte auch knappe Rennen und
schwierige Ausgangslagen für sich entscheiden konnten. Sie regieren nun die
meisten großen und mittleren Städte, während die „Unbeugsamen“ der LFI fast
leer ausgingen und der Le-Pen-Clan des RN kaum über seine Hochburgen im
Süden hinaus zugewinnen konnte.
## Grenzen der Volksfrontrhetorik
Die „Unbeugsamen“ um den charismatischen Parteichef Jean-Luc Mélenchon
hatten andere linke Gruppierungen und die Grünen zum Schulterschluss
aufgerufen, mit einer Volksfrontrhetorik, die schon zweimal zu gemeinsamen
Listen geführt hatte: Nupes (Nouvelle union populaire écologique et
sociale) 2022 und Nouveau Front populaire bei der vorgezogenen
Parlamentswahl 2024.
Die Generalsekretärin der Grünen, Marine Tondelier, hatte noch gemeint,
dass sich Linke mit Linken verbünden, sei völlig normal. In der Pariser
Vorstadt-Hochburg La Courneuve verbündete sich der Erstplazierte Aly
Diouara (LFI) mit der drittplazierten Kommunistin Nadia Chahboune (PCF)
gegen den Zweitplatzierten, den Sozialisten Oumarou Doucouré. Doch der
unterlag auch hier nur knapp.
Und andernorts sind solche Manöver gleich gänzlich gescheitert. Der
sozialistische Europaabgeordnete Raphaël Glucksmann und Sprecher der Liste
Place publique hatte jedes Bündnis mit LFI-geführten Listen im zweiten
Wahlgang ausgeschlossen.
Aus politisch-ethischen Gründen, wie er sagte, verweigert nicht nur er das
Bündnis mit einer linkspopulistischen Partei, die bereits vor dem 7.
Oktober 2023 in antisemitische Hysterie verfallen ist. Und die in den
migrantischen Vorstädten um die Zuneigung radikal-islamistischer Kreise
buhlt.
## Konservativ ist nicht rechtsextrem
Hinzu kommt eine ins Wahnhafte gesteigerte Antifa-Rhetorik. Diese nimmt vor
allem die gemäßigte Rechte ins Visier, wie man an Listenverbindungen in
Toulouse und Brest erkennen konnte.
In Toulouse unterlag so der LFI-Kandidat Piquemal, in der roten Hochburg
Brest verlor der langjährige sozialistische Bürgermeister François
Cuillandre, der eine „technische Fusion“ mit LFI eingegangen war, gegen die
gemäßigte Rechte.
Doch Paris, [1][Marseille] und Lyon bleiben in der Hand gemäßigter Linker.
Und in Nîmes gewann ein unabhängiger Kommunist. In Toulon vollzog sich
spiegelbildlich, dass ein Kandidat der rechten Mitte dem RN den schon
sicher geglaubten Triumph verdarb.
In der jüngere Geschichte reichen Zwangsbündnisse wie Bruderzwiste im
linken Haus noch weiter zurück als die sagenhafte Union de la Gauche, die
François Mitterrand 1981 zum ersten sozialistischen Präsidenten der Fünften
Republik machte.
## Historische Hegemonie der Stalinisten
Dazu muss man zweierlei vorausschicken: Erstens die Inexistenz einer
originären, der historischen SPD oder der britischen Labour Party analogen
Sozialdemokratie in Frankreich. Deren Vertreter waren sich selten einig und
mussten ab 1920 einer starken, lange stalinistisch geführten
Kommunistischen Partei die Hegemonie überlassen.
Zweitens die Wirkmacht eines zentrifugalen Wahlsystems, das in der Fünften
Republik durchgängig doppelpolige Ränder ausbildete, das heißt: eine
Konkurrenz zwischen Sozialisten und Kommunisten versus gemäßigte und
radikale Rechte etablierte.
Die Einigungsversuche der Linken begannen schon mit dem Bloc des gauches
von 1902. Er entstand als eine republikanische Formation in den Nachwehen
der Dreyfus-Affäre. Sein Verdienst war es, durch die 1905 vereinbarte
Laizität den Einfluss eines reaktionären Katholizismus zu schwächen – der
später beim Front National andockte.
Das Cartel des gauches von 1924 bildete sich dann aus den im 19.
Jahrhundert vorherrschenden (bürgerlichen) „Radikalen“, sozialistischen
Splittergruppen und der unterdessen gegründeten SFIO (die Abkürzung steht
für Französische Sektion der Arbeiter-Internationale). Das Bündnis gewann
die Parlamentswahl gegen den Bloc national und die nach Moskau orientierten
Kommunisten (PCF).
Letztere traten 1936 in die legendäre Volksfront (Front populaire) ein und
tolerierten, obwohl als treue Vasallen Stalins auf die Installierung einer
„Diktatur des Proletariats“ ausgerichtet, die sozialistische Regierung Léon
Blum, die bis heute wegweisende Sozialreformen auf den Weg brachte. Die im
Widerstand gegen faschistische Aufstandsbewegungen entstandene Volksfront
zerbrach 1938 und konnte der späteren Niederlage Frankreichs gegen
Nazideutschland nichts entgegensetzen.
## Sozialisten versus Kommunisten
Der sozialpolitisch verdeckte Antagonismus zwischen demokratischem
Sozialismus und totalitärem Kommunismus wurde offensichtlich, als sich die
französischen Kommunisten vom Hitler-Stalin-Pakt von 1939 zunächst die
Hände binden ließen. Ihre Beteiligung an der Résistance verschaffte dem PCF
dann 1945 wiederum eine mächtige Startposition, mit der sich auch de Gaulle
zunächst arrangieren musste.
Die anhaltende Zersplitterung der Sozialisten verhinderte nicht, dass
prominente Repräsentanten wie François Mitterrand, Guy Mollet und Pierre
Mendès-France in der Vierten Republik Regierungsämter übernahmen und dabei
den französischen Kolonialismus perpetuierten.
Damit und gleich auch mit der instabilen Vierten Republik brach Charles de
Gaulle, der 1958 eine Art präsidentielle Monarchie etablierte, die den
politischen Wettbewerb auf ihn und alle Nachfolger zuspitzte.
Wer regieren wollte, muss über kleinteilige Koalitionen hinaus
„präsidiabel“ auftreten, um im zweiten Wahlgang den Élysée-Palast zu
erobern. Das Wahlrecht bestärkt den alten Verdacht, Frankreich denke links
und wähle rechts. Es war dem listigen Mitterrand überlassen, zuerst diverse
sozialistische Splittergruppen in einer Fédération de la gauche démocrate
et socialiste (FGDS) zu einen und dann ein Bündnis mit den immer noch
starken Kommunisten zu schmieden.
## Kurzzeitig reanimierte linke Bündnisse
Diese „Linksunion“ regierte 1981 bis 1984 gemeinsam, fiel aber den
Zeitläuften zum Opfer – der zeitverzögert angekommenen Finanzkrise, dem
Ende des Ost-West-Konflikts und Scheitern eines eigenständigen
„Eurokommunismus“ und der unglücklichen Hand der sozialistischen Nachfolger
Mitterrands.
Seit den 1990er Jahren gab es mehrere Reanimationsversuche einer Union de
la gauche aus (jeweils geschwächten) Sozialisten, Kommunisten,
Linksliberalen und Grünen, namentlich hervorzuheben die Gauche plurielle
unter Führung des (eben verstorbenen) Sozialisten Lionel Jospin.
Sie konnte immerhin 1997 die Parlamentswahlen gewinnen und in einer
„Cohabitation“ mit dem Neogaullisten Jacques Chirac regieren. Doch wies sie
nicht mehr den Reformeifer der 1970er Jahre auf. Es war doch eher ein
Notbündnis gegen die Dominanz der neogaullistischen Präsidenten Chirac und
Sarkozy, später agierte man als ein Abwehrblock gegen den Front National.
Nupes (2022) und Neue Volksfront (2024) blieben hingegen weitgehend
substanzlose Wahlbündnisse auf lokaler und nationaler Ebene von Parteien,
die die Opportunitäten des zweiten Wahlgangs nutzen wollten. Sie konnten
eigenständig kaum überzeugen und blieben kollektiv von starken
weltanschaulichen und strategischen Gegensätzen durchzogen.
## Die große Chance
Der [2][Ausgang der jetzigen Kommunalwahlen] deutet an, dass Befürworter
der rechten und linken Mitte sich nicht auf eine Wahl zwischen Pest und
Cholera bescheiden müssen. Sie können das rechts- und linksautoritäre
Unisono eines antieuropäischen Souveränitätsdenkens und eines kaum noch zu
unterscheidenden Antisemitismus gemeinsam abwehren.
Das kann – übrigens nicht nur in Frankreich! – auf nationaler Ebene
gelingen, wenn sich in den verbliebenen Monaten bis April 2027
reformbereite und angesehene Repräsentanten der rechten und linken
demokratischen Mitte profilieren, miteinander in den Wettbewerb treten und
[3][den Phrasen der Ultras entschlossen entgegentreten], welche die
Polykrise nicht überwinden, sondern aus der Malaise politisch Kapital
schlagen wollen.
Der liberal-konservative Édouard Philippe, der sich als
Bürgermeisterkandidat in Le Havre durchgesetzt hat, meldet seine Kandidatur
für 2027 schon an. Und er könnte gewinnen, wenn sich weniger profilierte
Prätendenten zurückhalten. Auf der Linken wartet man auf eine ähnlich
profilierte Persönlichkeit. Eine, die für eine republikanische Reformlinke
steht und die sich linksautoritären Souveränisten entgegenstellt.
Und, die auch die Generation Z für sich einnehmen kann, die in der Ära
Macron zu radikaleren Positionen tendiert.
29 Mar 2026
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