# taz.de -- Kommunalwahlen in Frankreich: Kampf um Marseille
> Die französischen Kommunalwahlen sind auch ein nationaler Stimmungstest:
> Wird sich das Mitte-Links-Bündnis in Marseille gegen die extreme Rechte
> behaupten?
(IMG) Bild: Ein Wohngebäude im Viertel Belsunce, Marseille
Auf einer Bank an einer Bushaltestelle sitzt eine alte Dame mit
rotgefärbten Haaren. Sie raucht, sie wartet. St.-Antoine gehört zum 15.
Arrondissement von Marseille und damit zu den schlecht beleumdeten
„quartiers nord“ der zweitgrößten Stadt Frankreichs. Hier im alten Ortskern
hat St.-Antoine fast dörflichen Charakter, ärmliche und rußige kleine
Häuschen entlang der Straße, rundherum ragen die Hochhaussiedlungen wie
Inseln zwischen Autobahn und hügeligen grünen Einsprengseln auf.
Marie-France ist Rentnerin. Wen sie wählen wird? Sie stößt schnippisch den
Rauch aus und sagt, auf die Regierung von Präsident Emmanuel Macron
gemünzt: „Die sind doch alle korrupt.“ Und nun wolle man die Rente kürzen.
Doch wählt sie auch bei den Kommunalwahlen am 15. und 22. März? „Wenn, dann
wähle ich den RN“, sagt Marie-France. RN steht für den rechtsextremen
Rassemblement National, die Partei von Marine Le Pen. Sie erkenne ihre
Stadt nicht mehr, sagt Marie-France, zu viel Armut, zu dreckig, die
Zuwanderung.
Knapp 900.000 Einwohner*innen zählt Marseille. Zuwanderung gab es
weniger kürzlich, sondern eher vor zwei oder drei Generationen, als Folge
des französischen Kolonialismus und eines Abkommens mit Algerien nach
dessen Unabhängigkeit 1962. Etwa ein Viertel der Bevölkerung in Marseille
ist muslimischen Glaubens, offiziell wird das nicht erfasst. Die jüdische
Gemeinschaft zählt etwa 80.000 Menschen. Die Hafenstadt ist ein Hotspot
verschiedenster Einflüsse, sie kämpft mit sozialer Diskriminierung,
Rassismus, Drogenkriminalität, die ihr negative Schlagzeilen bringt. Doch
vor ein paar Jahren hat sich der Trend gewendet, [1][Marseille ist hip
geworden].
Marie-France ist das egal. Die Rentnerin bleibt sitzen, als der Bus kommt.
Sie gehört zu denen, „die sich nicht gesehen fühlen“. Ein Satz, der immer
wieder zu hören ist in diesen Tagen.
Auch wenn hier im Norden der Stadt eher links gewählt wird, gilt dies nicht
für die Einwohner*innen der alten „villages“, die oft ein bescheidenes
Eigenheim besitzen, dessen Verlust sie fürchten. Sie wählen häufig
konservativ oder rechtsextrem. Und viele wählen gar nicht. Gerade in den
nördlichen Stadtquartieren war die Wahlenthaltung im Coronajahr 2020
gravierend, sie reichte in manchen Bezirken an die 80 Prozent.
2020 hatte [2][das Linksbündnis PM (Printemps Marseillais, auf deutsch
Marseiller Frühling)] der Regierung des konservativen Bürgermeisters
Jean-Claude Gaudin ein Ende gesetzt. Nach 25 Jahren des Klientelismus und
der Misswirtschaft wehte ein Hauch von Frühling durch die Stadt.
Im PM waren Grüne, Kommunisten, Sozialisten, Vereine, Kulturschaffende und
unabhängige Linke vertreten. Doch die Aufbruchstimmung ist verflogen, die
Bilanz gemischt. Vertane Chance, sagen die einen. Verbockt, sagen die
anderen. In den jüngsten Umfragen liegt Franck Allisio, Spitzenkandidat der
Rechtsextremen, mit 34 Prozent in der ersten Runde nur knapp hinter dem
bisherigen Bürgermeister, der mit dem PM erneut antritt.
## Keine Linksfront gegen Rechte
Es ist das Wochenende [3][vor dem ersten Wahlgang]. Auf dem Markt von La
Plaine in der Innenstadt, wo neben Bioständen auch Wühltische mit
Billigkram zu finden sind, ist am späten Vormittag viel los. Nur zwei
Parteien sind vor Ort: neben einer linken Splitterpartei noch La France
Insoumise (LFI), [4][die Partei von Jean-Luc Mélenchon], die von links den
PM herausfordern will. Victoire Diethelm kandidiert im 6. und 8.
Arrondissement, die junge Frau mit den blonden Locken verteilt Flugblätter
auf dem Markt. Am Nachmittag wird der lokale LFI-Spitzenkandidat gemeinsam
mit Mélenchon auftreten. Diethelm lädt ein, vorbeizuschauen, 15.000
Menschen gehen hin.
Sieht Diethelm keine Gefahr, dass das Marseiller Linksbündnis geschwächt
wird, indem der LFI eine eigene Kandidatur verfolgt? Kommunalwahlen sind
wie ein kleiner Krimi, voller Intrigen, überraschender Wendungen und
populistischer Versprechen. „Dass sich die Linken Konkurrenz machen, hat in
Frankreich Tradition“, sagt Diethelm und lacht. „Worauf es ankommt, ist der
zweite Wahlgang.“ Nach den Prognosen dürften es [5][sowohl der LFI-Kandidat
wie auch die Konservative Martine Vassal in den zweiten Wahlgang schaffen].
Man habe dem PM eine „technische Fusion“, angeboten, erklärt Diethelm, ein
Zusammengehen auf Distanz.
Von einer Linksfront gegen den rechtsextremen Kandidaten kann also nicht
die Rede sein. Mélenchon wird dies am Nachmittag bekräftigen, während
Bürgermeister Payan die Linke zum Verzicht aufgefordert hat, um einen
rechtsextremen Wahlsieg zu verhindern. „Mélenchon sieht am Ende lieber die
Rechtsextremen an die Macht kommen“, sagt Nicolas Memain, Bezirksrat des
PM, „damit die Leute merken, was der RN anrichten kann.“ Eine „kranke und
zerstörerische Strategie“, findet er.
Memain kandidiert nicht wieder. „Ich bin kein politisches Tier“, sagt der
52-Jährige, der als „walking artist“ ungewöhnliche Stadttouren anbietet.
„Ich komme aus einem Künstlerkollektiv, für Leute wie mich ist kein Platz.“
Die Parteiführung kommuniziere nicht, verführe nicht. Eben war er mit
seinem Sohn bei einer Sportveranstaltung, jetzt sitzt er mit Ananassaft an
der Place Castellane. In der politischen Arbeit sei es schnell
konfliktreich geworden, erzählt Memain. Er habe gegen den Abriss von
Wohnungen gestimmt und sei dafür angefeindet worden.
Die [6][Wohnungsfrage trifft in Marseille], wo in der Innenstadt 2018 zwei
baufällige Häuser einstürzten und acht Menschen den Tod fanden, einen
empfindlichen Nerv. 15.000 Menschen leben auf der Straße, 45.000 Menschen
warten auf eine Sozialwohnung. Der PM hatte versprochen, 30.000 neue
Wohnungen zu schaffen, nicht mal die Hälfte ist realisiert worden. Die
Kommune bestimmt zwar über Genehmigungen, kann aber kaum selbst bauen. Drei
der vier öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften gehören dem Département
Bouches-du-Rhône, der Region Provence-Alpes-Côte-d’Azur oder der
Metropolregion Aix-Marseille-Provence.
„Die Stadt verwaltet nur noch“, bedauert Memain, spätestens seit Präsident
Macron 2021 den Plan Marseille en Grand beschlossen habe. Er soll die
heruntergewirtschaftete Stadt zehn Jahre mit 15 Milliarden Euro beim Bau
und der Instandsetzung von Schulen und Straßen unterstützen sowie die
Polizei verstärken.
Da ist vieles mehr, worüber die Kommune nicht allein oder gar nicht
entscheidet: Müllabfuhr, Nahverkehr und Straßenbau liegen in Händen der
Metropolregion, einer Verwaltungseinheit für insgesamt 92 Gemeinden, die
unter Payans konservativem Vorgänger entstanden ist. Die Präsidentin der
Metropole sowie des Regionalrats ist die konservative Kandidatin Martine
Vassal. Zwischen Stadt und Metropole ist vieles blockiert.
Macrons Partei Renaissance hat sich Vassal und ihrem Bündnis Divers droite,
der Sonstigen Rechten, angeschlossen, spielt aber im Wahlkampf eine
untergeordnete Rolle. Als Vassal bei einer Podiumsdiskussion im Februar
sagte, sie stehe für die Werte „Arbeit, Familie, Vaterland“, war ein
Aufschrei in ganz Marseille zu hören. Sie hatte Worte des
[7][Nazi-Kollaborateurs Philippe Pétain] zitiert. Dass das konservative
Lager im zweiten Wahlgang mit einem siegreichen Kandidaten der
Rechtsextremen zusammengehen könnte, ängstigt viele.
[8][Bei dieser Wahl] müssen die Bürger*innen der Großstädte Paris, Lyon
und Marseille erstmals pro Wahlgang zwei Stimmen abgeben: eine für ihre
Bezirksvertretung und eine für den Stadtrat. Bisher wählten die Bezirksräte
das Stadtoberhaupt, dies ist 2025 geändert worden. Kommt es zur Stichwahl,
können nur Listen kandidieren, die beim ersten Wahlgang mehr als 10 Prozent
der Stimmen erhalten haben. Aber: Sie dürfen Kandidat*innen anderer
Listen aufnehmen. Die Liste, die bei der Wahl der Stadträte am besten
abschneidet, erhält einen Bonus von 25 Prozent, bei den Bezirksräten sind
es 50 Prozent.
## Ein Mord als Warnung
Tourguide Memain beklagt, dass es dem linken PM nicht gelungen sei, die
jungen Leute zu motivieren. Wählen wird er ihn trotzdem. Immerhin ein
junger Mann steht auf Platz 3 der PM-Liste: Amine Kessaci, 22 Jahre alt und
über Marseille hinaus berühmt. Im Viertel Cité Frais-Vallon aufgewachsen,
hat sich Kessaci schon früh politisch engagiert. 2020 wurde sein jüngerer
Bruder Brahim, der dealte, von der lokalen Drogenmafia umgebracht. Kessaci
gründete den Verein Conscience, Gewissen, der sich um die Familien der
Opfer im Krieg der Drogenbanden kümmerte. 2024 kandidierte er für die
französischen Grünen. Im November 2025 wurde auch sein Bruder Mehdi, ein
angehender Polizist, auf offener Straße erschossen. Ein Mord als Warnung,
die ihm, dem Politiker galt.
Wie lebt man damit? „Ich bin unglücklich“, sagt Kessaci, dessen Gesicht
noch weiche Züge trägt. „Ich akzeptiere es. Das Leben hat mir keine Wahl
gelassen.“ Er empfängt im Keller der Wahlzentrale des PM auf der nicht ganz
so prächtigen Prachtstraße Canebière.
Seit Herbst vergangenen Jahres lebt Kessaci unter Polizeischutz. Der Kampf
gegen die Drogenbanden sind sein Thema: mehr Prävention, Armutsbekämpfung,
Wiedereinführung der Nachbarschaftspolizei, einst von (Ex-)Präsident
Nicolas Sarkozy abgeschafft.
Das ist die lokale Ebene. „Wir müssen die Banden mit ihrem eigenen Geld
bekämpfen, indem wir ihre Konten, ihre Häuser, ihre Autos beschlagnahmen“,
sagt Kessaci. „Das kann nur passieren, indem man Ermittlungen auf
europäischer Ebene zusammenführt.“ Kessaci formuliert diplomatisch, spricht
routiniert. Er wechselt ständig die Wohnung. Auf die Frage, welche Umsätze
und wie viele Opfer im Bandenkrieg zu verzeichnen sind, sagt er: „Ich mag
solche Statistiken nicht, es geht doch um illegale Geschäfte. Ich weiß nur,
dass ich in den letzten sechs Jahren an die 100 Mütter ans Grab ihrer
Kinder begleitet habe.“
Schräg gegenüber der PM-Wahlkampfzentrale liegt eine von zwei neuen
Polizeidienststellen der Stadt. Weiter oberhalb befindet sich das
afrikanisch geprägte Viertel Noailles, wo 2018 in der Rue d’Aubagne zwei
Häuser einstürzten und heute die Gentrifizierung voranschreitet. Die LFI
haben auch deshalb die Beschlagnahmung von ungenutztem Wohnraum auf ihre
Agenda gesetzt.
## Die Rechten setzen auf soziale Medien
Die Rechtsextremen propagieren mit „Marseille en ordre“, Ordnung in
Marseille, auf den Wahlplakaten das Thema Sicherheit. Flyer verteilen sieht
man die Rechten nirgends, sie setzen auf die sozialen Medien, um für Junge
attraktiv zu werden. Als eine Sofortmaßnahme schlug Spitzenkandidat Franck
Allisio eine Regelung für die Strände Marseilles vor, die reservierte Zonen
für Familien, Kinder und ältere Menschen zu bestimmten Zeiten vorsieht.
Sein Vorschlag dürfte rechtlich kaum haltbar sein. Dennoch: Das Thema
Sicherheit liegt allen am Herzen in dieser Stadt. Man braucht nicht noch
mehr jugendliche Dealer, noch mehr Todesopfer.
Der Marseiller Soziologe Michel Peraldi forscht, gemeinsam mit seiner
Kollegin Khadidja Sahraoui-Chapuis, seit zehn Jahren zum Alltag der kleinen
und großen Drogendealer in den Marseiller Cités. Peraldi hat die
Einwanderungswellen aus Italien, Armenien, Polen, Komoren, Algerien
analysiert – seine eigene Familie hat italienische Wurzeln. Er kommt immer
wieder zu ungewöhnlichen und manchmal unbequemen Erkenntnissen. Die Banden
in den nördlichen Quartieren Mafia zu nennen, hält Peraldi für „Folklore“,
weil diese sich selbst gern so sehen würden.
Peraldi und seine Kollegin haben über Jahre hinweg Polizeiberichte
ausgewertet, haben die „Verkäufer“ und „Späher“ interviewt, die ganz unten
in der Hierarchie stehen: extrem jung, im Clinch mit Familie oder der
Schule. 88 Drogenverkaufspunkte haben sie in Marseille ausgemacht.
„Frankreich ist eine Suchtgesellschaft“, sagt Peraldi. „Wir haben den
höchsten Drogenkonsum in Europa.“ Wenn es nach ihm ginge, und er schaut
gewitzt über sein Glas, dann sollte man alle Drogen legalisieren und den
Staat wie bei Tabak oder Alkohol seine Arbeit machen lassen: Steuern
kassieren, aber auch Inhaltsstoffe prüfen. Auch Amine Kessaci hatte sich
für eine Legalisierung des Cannabis ausgesprochen.
## Engagement und Kooperative
So arm, so gespalten, so wuselig, so bunt, so laut Marseille wirkt mit
seinen stadtnahen Stränden, den steilen Straßen, ist keine
Postkartenschönheit. Die Schönheit kommt von innen, von den Menschen, die
zu einer aktiven Zivilgesellschaft gefunden haben. Vermutlich weil man
lange Zeit gezwungen war, sich zu engagieren und selbst zu helfen.
Nach dem Einsturz der Häuser in der Rue d’Aubagne entstanden unzählige
Bürgerinitiativen, die teilweise im PM aufgingen, teils auch unabhängig
ihre Ziele verfolgten. „Mich hat nie jemand gefragt, ob ich kandidieren
will“, sagt Fathi Bouaroua, „ich war ihnen vermutlich zu links“. Der
pensionierte Sozialarbeiter ist ein bekannter Aktivist für sozial
Entrechtete, Geflüchtete, Obdachlose; als vor einigen Jahren der einzige
McDonald’s im Norden geschlossen werden sollte, unterstützte er die
Belegschaft, sich als Kooperative selbständig zu machen.
Bouaroua empfängt die taz im Ladenlokal von Massalia Vox, Stimme
Marseilles, wo sich Vereine treffen können, „die kein Geld haben“:
Flüchtlingshilfe, Anti-Rassismus-Gruppen, Frauentreffen. Gebastelt wird
auch, er holt das „Taudis-Poly“ aus dem Regal, eine Art Monopoly, das die
übelsten Straßen der Stadt bespielt. „Vieles hat sich mit dem PM
verbessert“, sagt Bouaroua, „im Vergleich zu vorher ist das ein
Riesenunterschied.“ Dennoch findet er: Der PM hätte andere Leute, viel
diverser, aufstellen müssen. „Die Menschen müssen sich wiedererkennen
können.“ Da ist er wieder, dieser Satz.
Und sie müssen sich einbringen können. Simon Hamelin hat seinen Weg
gefunden. Der Buchhändler kümmert sich in seiner Freizeit um die
Restaurierung der Kirche St.-Théodore im Viertel Belsunce. Hamelin sitzt im
Café bei einem Espresso, raucht, hustet, erzählt. Es ist Sonntag,
Frauenkampftag, Glocken läuten, und eine kurdische Gruppe zieht die
Lautsprecherregler hoch. Die von Stadt, Staat und Gott verlassene Kirche
St.-Théodore liegt in einer der ärmsten Gegenden der Innenstadt, wo Drogen
vertickt und konsumiert werden. Was für ein barocker Schatz sich im
Innenraum verbarg, habe niemand geahnt, berichtet Hamelin. Es gab
Wasserschäden, kaputte Bausubstanz. Man wolle nicht einfach restaurieren,
um die Kunstwerke zu retten, sagt er, das natürlich auch. „Es geht darum,
einen Ort der Begegnung zu schaffen, sei es für Konzerte, Theater,
Frauentreffen, und ihn den Menschen im Viertel zurückzugeben.“
Mit einem Förderkreis organisiert Hamelin regelmäßig ein großes Essen auf
der Straße, mit weißer Tischdecke, an dem alle, die kommen, gratis
teilnehmen dürfen. Bis zu 250 Menschen verschiedenster Konfessionen,
Herkunft, Kulturen sind es manchmal. „Das macht für mich Marseille aus“,
sagt er. In Frankreich kommt für ihn keine andere Stadt in Frage.
Hamelin, der zuletzt LFI gewählt hat, denkt darüber nach, diesmal den PM zu
wählen – um das alles nicht zu gefährden. Entschieden hat er sich noch
nicht.
15 Mar 2026
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