# taz.de -- Kommunalwahlen in Frankreich: Linkes Lager verteidigt Paris, Marseille und Lyon
> Frankreichs größte Städte bleiben entgegen vorheriger Erwartungen links
> regiert. Nizza bekommt einen Rechtspopulisten als Bürgermeister.
(IMG) Bild: Der Sozialist Emmanuel Grégoire hat die Pariser Bürgermeisterwahlen für sich entschieden
Als strahlender Wahlsieger in Paris radelte Emmanuel Grégoire nach einer
ersten Feier auf der Place de la Bataille-de-Stalingrad durch die Straßen.
Dabei wurde er von Kampagnenhelfern begleitet und auf der langen Strecke
bis zum Rathaus schlossen sich Dutzende andere Radfahrer*innen dem
Triumphzug an.
Mit Grégoire und der vereinten Liste der Sozialisten, Grünen, Kommunisten
und anderen linken Gruppen hat das Fahrrad gewonnen. Vor dem Rathaus
wartete die bisherige Bürgermeisterin Anne Hidalgo mit einer Rose in der
Hand auf ihn, um ihn zu umarmen und ihm einen symbolischen Schlüssel zu
übergeben.
Das Linksbündnis hat die [1][Kommunalwahlen] in der Hauptstadt überraschend
deutlich gewonnen. Die Liste des Sozialisten Grégoire erhielt bei den
Stichwahlen mehr als 50 Prozent der Stimmen, seine konservative Gegnerin
Rachida Dati liegt deutliche 9 Punkten hinter ihm. Die ebenfalls zum Finale
zugelassene Dritte, Sophia Chikirou von der Linkspartei La France
insoumise, kam auf knapp 10 Prozent.
Dati war zuversichtlich, die seit 25 Jahren andauernde linke Herrschaft im
Pariser Rathaus beenden zu können. Sie wurde von Staatspräsident Emmanuel
Macron gefördert. Für den Entscheidungskampf gegen Grégoire und ihre
„Erzfeindin“ Hidalgo hatte sie sich mit der Liste der Macronisten-Partei
Horizons verbündet, aber auch Unterstützung der extremen Rechten erhalten.
## Niederlage für Dati
Ihre Niederlage muss sie nun als Absage an ihre Person interpretieren. Da
sie im Herbst vor Gericht wegen Korruption angeklagt ist, könnte das Urteil
der Wähler bereits jetzt das Ende ihrer Karriere bedeuten.
Auch in [2][Marseille] gewannen die vereinte Linke des bisherigen
Bürgermeisters Benoît Payan in einem Dreierfinale. Das rechtsextreme
Rassemblement National (RN) scheiterte beim Versuch, die Macht in der
zweitgrößten Stadt Frankreichs zu erobern. Die Liste der Konservativen
bekam weniger als 10 Prozent der Stimmen.
Ähnlich wie in Marseille gelang es dem RN auch in Nîmes und Toulon nicht,
die Stichwahlen zu gewinnen. Dagegen wird in Nizza der mit dem RN
verbündete Eric Ciotti künftig anstelle des Macronisten Christian Estrosi
regieren.
Überglücklich konnte in Lyon der bisherige Bürgermeister der Grünen (EELV),
Grégory Doucet, mit seinen linken Alliierten einen Wahlsieg feiern. Die
Hochrechnungen und Teilergebnisse gaben ihm zuletzt einen kleinen Vorsprung
auf seinen Konkurrenten, den von der Rechten unterstützten
Fußballunternehmer Jean-Michel Aulas. Dieser will das Resultat anfechten.
## Die Rechte bleibt bedrohlich
In den Umfragen war er wochenlang als Favorit erschienen. Wie in Marseille
hatte LFI auf die Teilnahme an der Schlussrunde verzichtet, um die Chancen
der grün-sozialistischen Linken gegen eine bedrohliche Rechte nicht zu
beeinträchtigen.
Der linke Erfolg in den drei Großstädten stellt die Resultate der Wahlen
andernorts ein wenig in den Schatten. In mehr als 1.500 kleineren oder
größeren Städten waren Stichwahlen notwendig geworden, bei denen bis zu
fünf Listen qualifiziert waren.
Bevor ab 20 Uhr im Fernsehen die Ergebnisse und Hochrechnungen publiziert
wurden, wagte ein Journalist die Prognose: „Sie werden sehen, alle Parteien
werden sich als Sieger bezeichnen.“ Genau das war der Fall in den
Kommentaren der Parteisprecher, die lieber über ihre lokalen Erfolge als
über die Niederlagen sprachen.
Die Rechtspopulisten des RN setzen den Vormarsch der letzten Jahre zusammen
mit Ciottis Partei UDR fort. Doch es ist kein Durchbruch, trotz zahlreichen
Erfolgen in kleinen und mittleren Städten. Carcassonne, Liévin oder Agde
haben jetzt RN-Bürgermeister – wie auch Perpignan, wo der rechtsextreme
Louis Aliot schon im ersten Wahlgang wiedergewählt worden war.
## Rückschläge für die Grünen
Die Linkspartei LFI, die auf Anhieb bereits in der großen Pariser Vorstadt
Saint-Denis gewonnen hatte, feiert ihrerseits Wahlsiege in Roubaix und in
Vénissieux bei Lyon, scheitert aber in Limoges und vor allem in Toulouse,
wo sich LFI zur Finalrunde mit der übrigen Linken zusammengerauft hatte.
In Lille gelang es der LFI-Liste nicht, den bisherigen sozialistischen
Bürgermeister zu besiegen. Diese Linkspartei war von [3][Jean-Luc
Mélenchon] erst vor 10 Jahren gegründet worden. Die Kommunalwahlen belegen,
dass LFI vor allem rund um die Großstädte eine wachsende Wählerschaft
gefunden hat.
Eine ganze Reihe von Rückschlägen müssen die Grünen (Les Ecologistes)
verzeichnen. Sie haben in Bordeaux, Straßburg, Poitiers, Avignon, Annecy
und Besançon verloren. Auch die Parti Socialiste (PS) erlitt Niederlagen,
manchmal in Städten, die wie Brest, Clermont-Ferrand oder Cherbourg seit
Jahrzehnten als uneinnehmbare Hochburgen der PS galten. Oft gehen diese
Städte an die Konservativen der Traditionspartei Les Républicains (LR), die
lokal weiterhin stark verankert ist.
Viel diskutiert wurde am Wahlabend die Niederlage des früheren
Premierministers François Bayrou in der Pyrenäenstadt Pau. Der enge
Vertraute von Präsident Macron hatte Pau seit 12 Jahren regiert.
## Trend: Linke und rechte Extreme legen zu
In der Hafenstadt Le Havre dagegen wurde ein anderer Ex-Premier, Edouard
Philippe, glanzvoll als Bürgermeister wiedergewählt. Das dürfte ihn in
Hinblick auf seine angekündigte Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen
von 2027 stärken.
Insgesamt bestätigten die Kommunalwahlen trotz aller lokaler Besonderheiten
die großen Trends. Die linken und rechten „Extreme“ gehen gestärkt aus der
Kraftprobe mit den traditionellen Parteien hervor, die ihrerseits froh sein
können, wenn sie mit Glück und Allianzen gerade noch ihre Hochburgen
verteidigen konnten.
23 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
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