# taz.de -- Musikfestival Babel in Marseille: Die bessere Vernetzung der 95 Prozent
       
       > In Marseille sucht das Babel-Festival zu Global-Pop-Beats nach neuen
       > Wegen. Dort wandern Stile umher, ohne Anspruch auf Deutungshoheit zu
       > stellen.
       
 (IMG) Bild: Afro-Electropunkduo Article15 aus Kinshasa: Rapper Wilfried Luzele (aka Lova Lova) und Produzent GriGri
       
       Rau, ungeschlacht und frenetisch. Re#Encounter, ein Tentett aus Brüssel,
       bespielt am Freitag die große Halle der Docks des Suds beim Festival Babel
       in Marseille. Das schiere Chaos auf der Bühne bringt vor ihr alle auf die
       Beine, man wähnt sich auf einem Dancefloor, so elastisch fliegen
       Körperteile umher. Afrobeats, jazziges Solieren, Sufi-Chants und
       Griot-Percussion werden von Re#Encounter in robuster Konfrontation
       verschiedenster Genres zusammengebracht.
       
       Schon der Bandname klingt eher nach Jokerkarte vom Diktatoren-Quartett als
       nach geschmeidigem Fusionsound. Verschiedene Sektionen der Combo ringen
       live miteinander, das improvisierte Jamming entwickelt erstaunliche
       Resilienz. Als „hybrides Trance-Jazz-Kollektiv“ bezeichnet sich die Band.
       Das Hybride verschleiert jedenfalls nicht, dass das Ausgangsmaterial eher
       lose arrangiert ist: Wenn Cumbia-Einsprengsel von Bassistin Paula Léon auf
       den Gnawa-Gesang und Kastagnetten-Percussion (qraceb) von Hicham Bilali und
       Kaito Winse treffen, wird die Musik nicht als „Crossover“ eingeebnet,
       sondern es werden Kontraste und Konturen herausgearbeitet.
       
       Das klingt ein bisschen wie Marseille selbst. Die wuselige Metropole am
       Mittelmeer, zweitgrößte Stadt des Landes, älteste Stadt Frankreichs und
       seit jeher Ankerpunkt für Einwanderer aus aller Welt. Ein hartes Pflaster
       mit Armut, Obdachlosigkeit und Dreck und dabei trotzdem nicht die
       [1][Hochburg des organisierten Verbrechens], zu der die Hafenstadt während
       des Kommunalwahlkampfs auch von deutschen Medien gemacht wurde.
       
       ## Zwingender Austausch
       
       Angst und Panikmache vor Migranten, hat der Soziologe Zygmunt Bauman
       geschrieben, „stehen für jenen ersehnten Boden, der noch unterhalb des
       Bodens liegt, auf den die einheimischen misérables verwiesen wurden“. Das
       Programm des Babel-Festivals zeigt an vielen Stellen, dass Französischsein
       gegenwärtig mehr bedeutet, als MigrantInnen nur zu dulden. Dass enger
       Austausch nicht nur fruchtbar ist, sondern zwingend, um voranzukommen, dass
       die Geschichte(n) der Einwanderung nicht auserzählt sind.
       
       Von Widersprüchen zeugt das Konzert der Künstlerin Djazia Satour, geboren
       1980 in Algier, seit ihrer Kindheit in Grenoble lebend. Begleitet vom
       Pianisten Pierre-Luc Jamain, steht sie mit ihrem Pizza-großen
       Bendir-Tambourin und einem am Absatz befestigten Schellenkranz am Freitag
       auf der Bühne. Damit macht Satour Tap-Dancing, stampft den Beat. Am Bendir
       sind Kontaktmikrofone angebracht, sodass jedes noch so sanfte Touchieren
       des Fells zum delikaten Klangpanorama gerät. Das Tambourin hallt immer
       wieder dubmäßig nach. Getragen, gefasst, fast tiefenentspannt hebt Satours
       Gesang Jamains impressionistisch jazzige Klavierakkordkaskaden auf eine
       spirituelle Ebene.
       
       ## Lieber keine Wurzeln schlagen
       
       Hawzi nennt man in Algerien einen lokalen Musikstil, der in Algier und Oran
       praktiziert wird und Wurzeln in der andalusischen Volksmusik hat. Beim
       Babel-Festival wandern Stile umher, ohne Wurzeln zu schlagen und Ansprüche
       auf Deutungshoheit zu stellen. So auch die Musik von Djazia Satour, die
       keine authentische Folkmusik macht, sondern
       State-of-Art-Performance-Techniken mit traditionellen Elementen und
       Pop-Sophistication verbindet. Gewidmet wird Satours Konzert an einer Stelle
       allen AlgerierInnen, [2][der algerischen Diaspora in Frankreich]. Auch ihre
       Heimatstadt Grenoble grüßt sie.
       
       Dort gewann am Sonntag beim zweiten Durchgang der französischen
       Kommunalwahl eine Politikerin der Grünen das Amt im Rathaus. [3][Auch
       Marseille bleibt stabil gegen rechts]. Das linke Bündnis Printemps
       Marseille wies den Kandidaten des rechten Rassemblement National in die
       Schranken.
       
       Marseille sei immer eine weltoffene Stadt gewesen und dazu trage auch sein
       Festival bei, erklärt tags zuvor Babel-Festivalleiter Olivier Rey
       lakonisch, aber nicht ohne Stolz. „Unser Publikum sieht aus wie die
       KünstlerInnen, die auf der Bühne stehen.“ Okzitanische Zauseln mit
       speckigen Dreadlocks stehen neben aufgeregten Gruppen junger Frauen mit
       Dutt, eine urbane, multikulturelle Crowd feiert die Musik und auch sich
       selbst. Olivier Rey macht sich dennoch keine Illusionen, kämen die Rechten
       tatsächlich einmal ans Ruder in Marseille, wäre es das Ende für sein
       Festival.
       
       Dem abendlichen Musikprogramm sind tagsüber Debatten zur Seite gestellt.
       Beim Panel „Gaining Visibility for Heritage Based Music“ am Samstag
       berichtet die spanische Managerin Araceli Tzigane was passiert, wenn ein
       rechter Diskurs immaterielle Kultur bestimmt: Die Deklaration „Seccion
       Feminina“ der frankistischen Bewegung habe das Repertoire von
       Flamenco-Musik bereits 1934 mit standardisierten Liedern und Tänzen eine
       autoritäre und homogene Folklore-Definition verpasst. Flamenco habe viele,
       auch internationale Einflüsse, erklärt Tzigane.
       
       ## Ein New Deal der Organisation
       
       Das Lokalkolorit von Marseille kompensiert, dass im Babel-Programm große
       Namen fehlen, dem Publikum gefällt gerade das weniger Bekannte. „Der
       internationale Festivalzirkus wird von 5 Prozent Superstars und Promotern
       wie Live Nation bestimmt. Wir 95 Prozent sind die große Mehrheit, nur
       müssen wir uns gegen die Konzentration des Kapitals besser wehren.“ Olivier
       Rey spricht von einem „New Deal“ in der Organisation von kleineren und
       mittelgroßen, lokal verwurzelten Festivals, der benötigt wird, um den 5
       Prozent zu trotzen.
       
       Dafür sorgt auch eine Messe, auf der sich regionale Musikwirtschaft (etwa
       die süditalienische Region Apulien) Partnern aus aller Welt (zum Beispiel
       aus Estland und aus dem französischen Überseegebiet La Réunion) stellt.
       „What are ethical considerations in Music Programming“ ist das Thema einer
       Podiumsdebatte, bei der alle Plätze im Saal belegt sind. Es diskutieren die
       Managerin Mira Bergrev Refsum aus Oslo, Erika Elliott von der New Yorker
       NGO City Parks und Anne Runge (Fusion Festival) mit der französischen
       Autorin Juliette Poulain (Les Inrockuptibles) und dem Festivalleiter
       Stéphane Krasniewski aus Arles.
       
       Während Runge erklärt, dass ihr Festival bereits vorab der
       Programmankündigung ausverkauft ist und durch öffentliche Fördergelder und
       ehrenamtliche Arbeit zumindest ein Teil der Kosten abgedeckt werden,
       erklärt Erika Elliott, deren Organisation etwa die Open-Air-Konzerte im
       Central Park in Manhattan ausrichtet, dass Musikwirtschaft in den USA
       ausschließlich gewinnorientiert operiert. „Große Namen, tiefe Taschen“.
       Live Nation ginge vermehrt dazu über, Konkurrenz aufzukaufen.
       
       ## Lokales Engagement
       
       Auch in Europa erwirbt der Konzern Immobilien von Hallen und Clubs, während
       er in den USA überteuerte Superstar-Tourneen veranstaltet. Elliott schafft
       es mit City Parks trotzdem, auf einem Graswurzel-Level spannende Musik auf
       städtische Bühnen zu bringen. Indem sie an das lokale Engagement von
       KünstlerInnen appelliert und diese zu KuratorInnen macht.
       
       Die Verwurzelung im Stadtzentrum tut dem Festival Babel gut. Tagsüber
       finden die Veranstaltungen im Kulturzentrum La Friche statt, direkt an den
       Bahngleisen nahe dem Hauptbahnhof St. Charles im Viertel Belle de Mai. Die
       Konzerte abends sind in der ehemaligen Lagerhalle Docks des Suds in
       Hafennähe.
       
       Der französische Fotograf und Gitarrist Grégory Dargent präsentiert dort am
       Samstag seine Performance „Soleil d’Hiver“ (Wintersonne). Eine
       künstlerische Auseinandersetzung mit der Biografie seines Vaters, der als
       Kind Anfang der 1960er Jahre aus Algiers auf einem Boot nach Frankreich
       flüchten musste. In beiden Ländern wird die Geschichte des Algerienkriegs
       auch mehr als 60 Jahre nach Ende der Kampfhandlungen noch tabuisiert. Das
       musste auch Dargent erfahren, der während der Recherchen zu seiner
       Familiengeschichte aus Algerien ausgewiesen wurde.
       
       ## Flucht und Schimäre der Flucht
       
       In Marseille sitzt Dargent im Halbdunkel auf der Bühne, spielt Oud und
       verfremdet die arabische Laute mit Loop-Pedal und Effektboard, sodass die
       Melodien zerschreddert werden und als Echos zurückprallen. Auf der Leinwand
       sind Fotos zu sehen, Schiffe, Strandsilhouetten, Umrisse von Menschen.
       „‚Soleil d’Hiver‘ ist eine visuelle und klangliche Chimäre, die Puzzleteile
       meines Lebens enthält“, beschreibt es der Künstler selbst. Flucht und
       Kriegserfahrung der Elterngeneration gehen in einen flirrenden und
       lückenhaften Soundscape auf. Eine Auseinandersetzung mit Leerstellen, deren
       unabgeschlossener Charakter umso packender klingt.
       
       Druckausgleich ist am Samstag zur Peakhour möglich, als das
       Afro-Electroclash-Duo Article15 aus Kinshasa die Bühne entert. Rapper Lova
       Lova im KFZ-Mechaniker-Overall und Produzent GriGri im Zottelmonstergewand
       ohne Gesichtszüge ballern sofort los: Lova Lova spuckt wütende Reime in
       Überschallgeschwindigkeit aus, GriGri zimmert dazu griffigen Synth-Noise
       mit Instant-Hooklines.
       
       „Article15“ ist ein geflügeltes Wort, dessen Bedeutung aus den Wirren der
       afrikanischen Unabhängigkeitszeit stammt. Als sich um 1960 die an
       Bodenschätze reiche Region Kasai von der Demokratischen Republik Kongo und
       [4][ihrem Volkshelden Lumumba] lossagen wollte und es zu Massakern kam,
       baten besorgte BürgerInnen den selbsternannten Führer Kasais, Albert
       Kalonji, um Rat: „Débrouillez-vous“, müsst ihr selbst rausfinden, war seine
       Antwort.
       
       Weil die bestehenden 14 Paragrafen der jungen kongolesischen Verfassung
       noch unvollständig waren, füllt „Article15“ seither die Leerstelle als
       Ausdruck für die Schattenwirtschaft, den täglichen Hustle, die aus der Not
       geborene Improvisation. In Marseille versprühen Article15 diesen
       Natural-born-Nihilismus wie Pflanzenschutzmittel von der Bühne. Energie und
       Wut sind in jeder Pore glaubwürdig.
       
       25 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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