# taz.de -- Mietenpolitik in Frankreich: Paris kämpft um das Recht auf Wohnen
> 300.000 Wohnungen sollen in Paris leerstehen. Für Obdachlose und
> Wohnungssuchende ein Skandal. Der neue Bürgermeister will nun
> durchgreifen.
(IMG) Bild: Im April 2008 hatten acht Studierende dieses unbewohnte Haus besetzt. Sie wurden geräumt und mussten hohe Geldbußen zahlen
Gegenüber vom Pariser Konsumtempel Le Bon Marché an der Rue de Sèvres Nr.
69 fällt die triste Fassade eines schmalen vierstöckigen Gebäudes auf. Das
Schaufenster ist zugemauert und mit Plakaten überklebt. Der Eingang ist
verbarrikadiert, die vorhanglosen Fenster in den Etagen verraten
zusätzlich, dass hier niemand wohnt.
Vor genau 18 Jahren, im April 2008, hatten acht Studierende [1][mit
Unterstützung des Obdachlosenkollektivs „Jeudi noir“] das unbenutzte Haus
besetzt. Sie richteten sich häuslich ein, installierten Strom- und
Wasserzufuhr. Der Eigentümerin, die offenbar via Anwalt empört über die
„Squatter“ bei der Polizei vorstellig wurde, boten sie die Entrichtung
einer angemessenen Miete an. Die in Belgien wohnende betagte Besitzerin
lehnte dies ab, weil die jungen „Mieter“ gegen ihren Willen und illegal in
ihr Haus eingedrungen waren.
Das Haus wurde schließlich von der Polizei geräumt und die Besetzer zu
einer schweren Geldbuße verurteilt. Jean-Marc Delaunay, einer der damaligen
Besetzer, findet diesen Justizentscheid noch heute empörend. Denn die
betagte Eigentümerin habe doch keine finanzielle Einbußen erlitten, da sie
die Wohnungen ja zu keinem Zeitpunkt selber bewohnen, verkaufen oder
vermieten wollte.
Delaunay erklärt, dass eine Requisition, also eine Zwangsvermietung, wie
dies das Obdachlosenkollektiv Jeudi noir verlangt hatte, nur dann möglich
gewesen wäre, wenn es sich bei der Eigentümerin nicht um eine Privatperson
gehandelt hätte. Zudem habe der Bürgermeister von Paris im Unterschied zu
den kommunalen Amtskollegen in der Provinz keine polizeilichen Kompetenzen.
## 300.000 leerstehende Wohnungen
Vor rund zwei Jahren ist die Besitzerin gestorben, und ihre Nachkommen
haben das Kaufangebot einer religiösen Kongregation akzeptiert, die bereits
das Nachbarhaus besitzt. Nach einer Renovierung sollen acht Wohnungen
vermietet werden. Ein Happy End also? Davon mag Jean-Marc Delaunay nicht
reden. Denn anders als dies den Stadtbehörden versprochen wurde, soll von
den acht nur eine als Sozialwohnung deklariert werden.
Das ist nicht die Geschichte eines Einzelfalls. In Paris stehen derzeit
300.000 Wohnungen leer. Das sagt der [2][neugewählte Bürgermeister Emmanuel
Grégoire], der mit einem umfassenden wohnungspolitischen Plan und
Strafsteuern Abhilfe verspricht. 300.000 leere Wohnungen, das ist enorm,
denn innerhalb der Pariser „Stadtmauern“ der Ringautobahn leben rund 2
Millionen Menschen.
Dass sie (noch) in der Hauptstadt wohnen, ist für einen Großteil der Mieter
zu einem Luxus geworden, den sie sich kaum noch leisten können. Zwar gibt
es günstige Sozialwohnungen, doch allein in Paris stehen Zehntausende über
Jahre hinweg auf der Warteliste. Nach Schätzungen der Hilfswerke leben rund
4.000 Obdachlose auf der Straße, respektive in Zelten oder Bretterhütten
entlang der Stadtautobahn.
Robert M., der seinen vollen Namen nicht veröffentlicht sehen will, ist ein
ehemaliger Journalist und kennt das Immobiliengeschäft als Insider von der
„Gegenseite“: Er vermittelt und renoviert seit vielen Jahren für
ausländische Anleger kleine möblierte Wohnungen in Paris und vermietet sie
gelegentlich auch in ihrem Auftrag. Wie der Ex-Hausbesetzer Delaunay glaubt
auch er, die Zahl von 300.000 vakanten Wohnungen sei durchaus glaubhaft.
## Minimum neun Quadratmeter
Doch er relativiert: „Viele davon sind gar nicht vermietbar oder bewohnbar,
weil sie etwa den gesetzlichen Mindestanforderungen zur Fläche und
Isolierung nicht entsprechen. Und die Eigentümer sind oft nicht bereit oder
in der Lage, Zehntausende von Euros für eine Wärmeisolierung auszugeben.“
M. sagt, dass eine beträchtliche Zahl der vermeintlich unbenutzten
Wohnungen in Wirklichkeit „au black“, das heißt, unter der Hand, vermietet
würde. „Ich kenne mehrere Beispiele mit Mansardenzimmern, in denen auf vier
Quadratmetern zwei Personen wohnen.“ Es wäre justiziabel. Doch nur selten
werden solche „Marchands de sommeil“ (Bruchbudenvermieter) mit Bußen
belegt. Um vermietbar zu sein, muss eine Wohnung in Frankreich im Minimum
neun Quadratmeter haben.
Wegen solcher restriktiven Regeln und der in Paris geltenden
Mietpreiskontrolle wollten manche Eigentümer ihre Immobilien nicht
vermieten, „weil das überhaupt nicht rentabel ist“, meint Robert M. über
diesen aus seiner Sicht „kontraproduktiven Mieterschutz“. Um als zukünftige
Mieter eine Chance zu haben, müssen Bewerber außerdem den dreifachen
Monatslohn einer Monatsmiete vorweisen.
Schon eine Zweizimmerwohnung von etwa 40 Quadratmeter kostet aber in allen
20 Pariser Arrondissements um die 2.000 Euro. Vor allem die jüngeren
Erwerbstätigen können oft nicht mehr als den gesetzlichen Minimallohn, das
heißt rund 1.500 Euro monatlich, als Einkommen nachweisen. Zudem schrumpft
das Angebot auf dem Mietmarkt immer mehr, weil ein wachsender Teil nur noch
kurzzeitig an Touristen vermietet wird.
## Vorbilder Vancouver und New York
Für die Wohnungssuchenden und erst recht für die Obdachlosen ist kaum mehr
nachvollziehbar, dass so viele Wohnungen unbenutzt sind. Oberbürgermeister
Grégoire will nun durchgreifen und ab 2027 die Strafsteuer für
leerstehende, aber vermietbare Wohnungen verdoppeln. Und je länger ein
Mietobjekt unbewohnt bleibt, desto höher soll die Abgabe werden. Er hofft,
dass dadurch etwa 20.000 Immobilien zusätzlich auf den Markt kommen.
Die linke Stadtregierung, die sich von Vorbildern in Vancouver (Kanada) und
den Initiativen von Zohran Mamdani in New York inspirieren lässt, hat noch
mehr Ambitionen. Mindestens 100.000 Wohnungen in Paris dienen heute als
Zweitwohnsitz und werden oft nur ein paar Tage im Jahr bewohnt oder über
Plattformen wie Airbnb für kurze Aufenthalte an Besucher der Hauptstadt
vermietet.
Gestützt auf ein Gesetz von 2024 möchten die Behörden die erlaubte Dauer
der Vermietung pro Jahr verkürzen und die Attraktivität dieses Geschäfts
mit fiskalischen Mitteln vermindern. Auch will Grégoire die bestehende
Mietpreiskontrolle, die verhindern soll, dass die Mieten bei jeder
Neuvermietung mehr als die Inflation steigen, beibehalten. In der
sechsjährigen Amtszeit sollen außerdem 60.000 neue Sozialwohnungen gebaut
werden.
„Ich hoffe, dass Grégoire seine Versprechen hält“, meint Patrick, der
seinen Nachnamen nicht nennen will. Er beteiligt sich mit seiner Frau Julie
an einer Art Mahnwache des Kollektivs „Droit au Logement“ (Recht auf
Wohnung) direkt vor dem Pariser Rathaus. „Wohnen ist ein Recht, kein
Verbrechen“ steht auf Transparenten, die über ein paar Zelte gespannt sind.
Hundert Familien lösen sich seit mehr als zehn Tagen ab, um die
Öffentlichkeit und die Stadtregierung daran zu erinnern, dass es nicht nur
für sozial Benachteiligte, sondern auch für Durchschnittsverdiener
unmöglich geworden ist, in Paris eine erschwingliche Wohnung zu finden.
## Es braucht politischen Willen
Patrick und seine Familie wohnen in einer Sozialwohnung, doch sie möchten
umziehen, weil der Zustand des Hauses zu einem Gesundheitsproblem und
Sicherheitsrisiko werde. „Das Gebäude ist 400 Jahre alt, steht unter
Denkmalschutz und sieht von außen schön aus. Doch drinnen wurde seit 40
Jahren nichts repariert und renoviert, jetzt käme eine echte Instandsetzung
wahrscheinlich zu teuer.“
Dass es überall leerstehende Wohnungen gibt, schockiert Patrick und Julie.
„In Paris wird eine kritische Grenze erreicht, das kann so nicht
weitergehen“, versichert Jean-Baptiste Eyraud, er ist Gründer des
Kollektivs und eine historische Figur der Bewegung.
„Gesetzliche Grundlagen existieren, um leere Wohnung in vermietbarem
Zustand behördlich zu requirieren. Doch es mangelt am politischen Willen,
diese Mittel auch einzusetzen.“ Dem lasse sich mit politischem Druck –
wenigstens ein bisschen – abhelfen, meint der seit Jahrzehnten engagierte
Eyraud unverzagt.
17 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Hausbesetzer-ueber-Wohnungsnot/!5147961
(DIR) [2] /Zum-Sieg-der-demokratischen-Mitte/!6162864
## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
## TAGS
(DIR) Mieten
(DIR) Wohnen
(DIR) Wohnraum
(DIR) Paris
(DIR) Airbnb
(DIR) Leerstand
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Frankreich
(DIR) Europaparlament
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Zum Sieg der demokratischen Mitte: Noch ist Frankreich nicht verloren
Die Links-rechts-Polarisierung hat bei den Kommunalwahlen nicht mehr
gezogen. Demokratische Linke und Konservative können Systemsprenger
besiegen.
(DIR) Parlamentsbericht zur Wohnmisere: Gegen Mietwucher und Wohnraumnot! Aber wie?
Die EU muss mehr für besseres Wohnen tun, fordert das Europäische
Parlament. Im neuen Sonderausschuss dazu kracht es aber schon.
(DIR) Grüne Mobilität in Metropolen: In Paris wird es eng
Ambitioniert, aber bei der Umsetzung hakt es: In der französischen
Hauptstadt zeigt sich, wie kompliziert eine Verkehrswende ist.