# taz.de -- Nachruf auf Thomas Zipp: Der neurowissenschaftliche Künstler ist tot
       
       > Wahnsinn und therapeutische Heilung waren für den Berliner Künstler kein
       > Gegensatz: zum Tod des „Psychonauten“ Thomas Zipp.
       
 (IMG) Bild: Thomas Zipp auf der Biennale in Venedig 2013
       
       Seine begehbaren Installationen gemahnten oft an rätselhafte Labore, in
       welchen tatsächliche oder selbst ernannte Forscher sich auf den Spuren der
       menschlichen Seele in gewagte Experimente stürzen und dabei wie Doktor
       Faustus ihr eigenes Leben riskieren. Verschattete Räume, von eigenartigen
       Neonlampen schwach beleuchtet und voll von nicht weniger eigenartigem
       Mobiliar, dienten als Kulissen für Parcours, denen die Zuschauer folgen
       sollten.
       
       Der Künstler Thomas Zipp inszenierte seine Ausstellungen mit Bedacht in den
       Bereichen zwischen Ratio und Psyche, zwischen Bewusstsein und Verborgenem
       als Orte der Untersuchungen und Forschungen. Er tat dies niemals ohne eine
       gewisse Distanz zum eigenen Werk und mit einer subtilen Dosis von
       spezifischem Humor, der ihn in die Nähe des surrealistischen „humour noir“
       führte.
       
       Mit seinem in den letzten dreißig Jahren entstandenen, vielschichtigen Werk
       besetzte Zipp eine besondere Position, indem er sich auf verschiedene
       Phänomene des geistigen Lebens, auf die Erforschung des Unterbewusstseins,
       auf psychopathologische Themen wie beispielsweise Hysterie, medizinische
       Untersuchungen von Rauschzuständen oder auf die Experimente zur Erweiterung
       des Vorstellungshorizonts mithilfe von Drogen bezog. Mit Zipps eigenen
       Worten war sein Ziel die „im Grunde [1][neurowissenschaftliche Forschung]
       mit künstlerischen Mitteln“.
       
       ## Rituale und mysteriöse Begegnungen
       
       Einen wesentlichen Teil der Aktivitäten des 1966 in Heppenheim geborenen
       und seit 2008 in Berlin lebenden Malers, Musikers und
       Installationsspezialisten stellten Performances dar. Als Lehrer an der
       Universität der Künste in Berlin vermochte er unter den Studierenden einen
       hohen Grad an Aktivitäten anzuregen. Mit kollektiv veranstalteten Aktionen,
       Umzügen, Ritualen und mysteriösen Begegnungen anlässlich seiner
       Ausstellungen erweiterte er den Radius seiner künstlerischen Tätigkeit
       wesentlich und bezog somit auch die Akteure in seine Konzepte ein.
       
       Immer ging es Thomas Zipp um die Besetzung neuer Felder seiner Forschung.
       Er animierte sein Publikum zum psychischen Mitmachen und ließ sich von ihm
       anregen.
       
       Dies äußerte sich besonders bei Projekten und Installationen, in denen
       unmittelbar bestimmte psychophysische Untersuchungen vorgenommen wurden. So
       benutzte Zipp anlässlich der Biennale 2013 in Venedig die sogenannten
       Koren-Helme, Kopfhelme, mit denen sich Gehirnareale stimulieren und messen
       lassen. Mithilfe von elektromagnetischen Strahlen angeregt, kann es
       zwischen den Teilnehmern zur mentalen Kommunikation kommen. Zipp fragte
       sich dabei, was in unserem Gehirn passiert und wie sich diese Vorgänge auf
       unseren seelischen Zustand auswirken.
       
       Dass es auf die dabei notwendigerweise entstehenden Störungen und
       Verschachtelungen des Bewusstseins, auf die Rätsel des menschlichen Gehirns
       ankommt, lässt Thomas Zipp zu. Er riskierte und folgte eigenen Eingebungen
       und den Resultaten seiner künstlerischen Forschungen. Bereits in der
       Ausstellung „The World’s Most Complete Congress of Strange People“ 2010 in
       der Berliner Galerie Baudach schlug er einen unmissverständlichen Weg ein
       mit dem Ziel, das Unbewusste zur Grundlage seiner Kunst zu machen.
       
       ## Wie sieht das Bild der menschlichen Seele aus?
       
       Es ging um das Bild der menschlichen Seele und nicht zuletzt um die
       Wechselwirkungen zwischen dem Innenleben und der Gesellschaft, ein
       Konflikt, der sich teilweise in pathologischen Formen äußern kann. Auf die
       Gesellschaft übertragen, führt die Untersuchung pathologischer Zustände
       zwangsläufig zur Beschäftigung mit dem Krieg.
       
       Thomas Zipp hat in mehreren Ausstellungen dieses Thema prägnant
       angesprochen. Von der Entdeckung der Spaltung von Uran bis zur Anwendung
       der Atombombe ließ er in seinen Bildern und Installationen nicht nur den
       Weg dieser verhängnisvollen wissenschaftlichen Erfindung Revue passieren.
       Charakteristische Porträts von Otto Hahn, [2][Lise Meitner] oder Max Planck
       stellen bei Zipp eine Galerie der Forscher dar, die im Bereich der
       Kernspaltung und deren Konsequenzen einen entscheidenden Beitrag geleistet
       haben, jedoch später die unheilvolle Wirkung des Atomzeitalters erleben
       mussten.
       
       [3][Als bloßer Zeitkritiker] wollte Thomas Zipp aber nicht verstanden
       werden, eher als Diagnostiker. Es ging ihm stets darum, auf die Grenzen
       zwischen der „heilen“ und der „kranken“ Welt hinzuweisen. Im Zusammenhang
       mit seinen Inszenierungen in den letzten zwanzig Jahren ging es ihm um die
       Untersuchung von Kontrollmechanismen, die von der Gesellschaft errichtet
       werden, und nicht zuletzt um die Fragen nach der Funktion von Norm und
       Abweichung.
       
       ## Er glaubte an das Recht der Kunst
       
       Er glaubte an das Recht der Kunst, Machtmechanismen und Kontrolle durch
       abweichende Haltungen auf den Prüfstand zu stellen. Wahnsinn und
       therapeutische Heilung waren für ihn keine gänzlich gegensätzlichen
       Positionen. Deshalb dürfen sie in seiner Kunst miteinander auftreten, sich
       begegnen und einen offenen Dialog mit klinischer und insofern auch
       gesellschaftlicher Relevanz führen. Der „Psychonaut“ Thomas Zipp verstarb
       am 3. April 2026, einem Karfreitag. Er hinterlässt ein umfangreiches Werk,
       das zweifellos noch lange Zeit Bestand haben wird. Seine volle Entdeckung
       steht noch an. Adieu, Thomas!
       
       13 Apr 2026
       
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