# taz.de -- Strategiepapier der EU-Kommission: „Sex ohne Konsens muss EU-weit als Vergewaltigung gelten“
> Brüssel hat ein neues Strategiepapier für Gleichstellung vorgelegt. Das
> bleibt weitgehend zahnlos, bis auf eine deutliche Ansage an die
> Mitgliedsländer.
(IMG) Bild: Hadja Lahbib, EU-Kommissarin für Gleichstellung
Einer von drei Frauen in der EU wird im Laufe des Lebens
geschlechtsspezifische Gewalt angetan. Jede fünfte Frau erleidet
[1][häusliche Gewalt]. Und pro Woche sterben in der EU 18 Frauen durch
einen Femizid. Mit diesen Zahlen beginnt die EU-Kommission die Vorstellung
ihrer neuen Gleichstellungsstrategie für die Jahre 2026 bis 2030, die sie
am Donnerstag veröffentlichte.
Die Unterdrückung zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt: Pro Stunde
[2][verdienen Frauen in der EU 12 Prozent weniger als Männer] und sie
bekommen 25 Prozent weniger Rente. Nur 3 Prozent des Investmentkapitals
gehen an frauengeführte Teams. Dass Frauen im Berufsleben benachteiligt
werden, bedeutet einen volkswirtschaftlichen Verlust von 390 Milliarden
Euro pro Jahr.
Wenn es so weitergeht, dauert es noch 50 Jahre, bis Frauen Männern in der
EU gleichgestellt sind, schätzen Expert:innen. Zumal zugleich Frauenrechte
weltweit zurückgedrängt werden.
Die EU-Kommission plant daher, ihre bisherige [3][Gleichstellungsstrategie]
auszubauen. „Wir werden hart erkämpfte Rechte schützen, ins Stocken
geratene Fortschritte wieder in Gang bringen und Widerstand mit Mut und
Klarheit begegnen“, sagte Hadja Lahbib, EU-Kommissarin für Gleichstellung,
am Donnerstag in Brüssel. Sie kam insbesondere auf die Themen
Vergewaltigung und sexualisierte Cybergewalt zu sprechen. „Sex ohne Konsens
muss EU-weit als Vergewaltigung gelten“, sagte sie.
## Gescheiterter Versuch, Vergewaltigung EU-weit einheitlich zu definieren
Zwar wurde 2024 die [4][EU-Richtlinie zur Beendigung der Gewalt gegen
Frauen] verabschiedet, das erste EU-Gesetz dieser Art. Innerhalb von 36
Monaten, also bis 2027, müssen die Mitgliedstaaten die rechtlichen Vorgaben
nun in ihre nationalen Gesetze übernehmen.
Doch die EU scheiterte daran, sich auf eine einheitliche Definition von
Vergewaltigung zu einigen. Die EU-Verhandler:innen von Kommission und
Parlament wollten den Einwilligungsansatz „Nur Ja heißt Ja“ einführen. Das
bedeutet, alle sexuellen Handlungen erfordern die explizite Zustimmung
aller Beteiligten – verbal oder nonverbal. Doch im Rat gab es dafür keine
qualifizierte Mehrheit: auch, weil Deutschland unter dem damaligen
[5][FDP-Justizminister Marco Buschmann seine Zustimmung verweigerte]. In
Deutschland gilt das „Nein heißt Nein“-Prinzip: Als Vergewaltigung wird
eine Handlung nur gewertet, wenn das Opfer seine Ablehnung explizit zum
Ausdruck gebracht hat.
Noch rückschrittlicher sind diejenigen Staaten, in denen der
Straftatbestand der Vergewaltigung nur dann erfüllt ist, wenn Sex durch
physische Gewalt oder Drohungen erzwungen wird. Das ist 18 von 27, also der
Mehrheit der EU-Staaten der Fall. Dies zu ändern, war beim Aushandeln der
Richtlinie 2024 nicht gelungen.
## Erneuter Druck nötig
Zur aktuellen Forderung von Hadja Lahbib sagt die Grünen-Europaabgeordnete
Alexandra Geese: „Die Kommissarin sendet damit eine sehr klare Botschaft an
die nationalen Regierungen, dass die vereinbarte Richtlinie nicht
ausreicht.“ Aus ihrer Sicht sei das wichtig, „um nochmal politischen Druck
auszuüben“.
Dennoch bewertet sie die neue Gleichstellungsstrategie der EU-Kommission
als „zu soft“. „Das Papier enthält viele Problembeschreibungen, aber wenig
konkrete Vorgaben. Damit wird es seinem Anspruch nicht gerecht.“
Geese kritisiert besonders den Ansatz der Kommission bei der Cybergewalt.
Studien belegen, dass 98 Prozent aller Deepfakes im Internet pornografisch
sind und 99 Prozent davon Frauen zeigen. Die Kommission schreibt in dem
Papier, man wolle sicherstellen, dass Onlineplattformen das EU-Gesetz über
digitale Dienste (DSA) „vollständig durchsetzen, um Deepfakes zu entfernen
und Online-Missbrauch zu bekämpfen“. Deswegen wolle man insbesondere Elon
Musks Plattform X untersuchen.
„Wir sind weit über die Phase hinaus, in der wir Beweise sammeln müssen“,
kritisiert Geese. „Es gibt seit Jahren Gespräche mit den Tech-Konzernen,
ohne dass es zu etwas geführt hätte. Jetzt muss das Gesetz auch
durchgesetzt werden, statt zu zögern, nur weil man Angst vor Ärger mit der
Trump-Regierung hat.“ Auch in dieser Hinsicht findet sie das Papier der
Kommission „unambitioniert“.
Die Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen bei sexualisierter
Cybergewalt, auf die die EU-Kommission im Strategiepapier verweist, sei
nicht stark genug. In Artikel 5 des Gesetzes, „Nicht-einvernehmliche
Weitergabe von intimem oder manipuliertem Material“, hat der Rat einen
Nebensatz hinzugefügt: „sofern diese Handlungen wahrscheinlich dazu führen,
dass der betreffenden Person schwerer Schaden zugefügt wird“. Das schränkt
die Strafbarkeit erheblich ein und erhöht die Beweislast für die Opfer.
„Natürlich schadet es Betroffenen ernsthaft, wenn KI-generierte oder echte
sexualisierte Bilder der eigenen Person veröffentlicht werden. Das ist nur
dann nicht der Fall, wenn die dargestellte Person ihre Einwilligung erteilt
hat“, sagt die EU-Abgeordnete Geese. Dies müssten die Gesetze der
Mitgliedstaaten klarstellen.
## Gesundheit, Bildung und Arbeit sind Sache der Mitgliedstaaten
Die EU-Kommission steht bei ihren Vorschlägen zur Gleichstellungspolitik
vor dem Problem, dass Gesundheit, Bildung und Arbeit Kompetenzen der
Mitgliedstaaten sind; auch das Strafrecht liegt größtenteils in nationaler
Zuständigkeit. Also genau die Bereiche, die für eine wirksame
Gleichstellung geändert werden müssten.
Laut Europäischem Institut für Gleichstellungsfragen liegt der
durchschnittliche Wert des [6][Gleichstellungsindex] EU-weit bei 63,4. 100
Punkte würden bedeuten, dass Männer und Frauen komplett gleichstellt sind.
Am besten läuft die Gleichstellung in Schweden (73,7), Frankreich (73,4)
und Dänemark (71,8). Schlusslichter sind Zypern (47,6), Ungarn (51,6) und
Tschechien (53,2).
Deutschland liegt mit 63,2 Punkten unter dem EU-Durchschnitt. Bei dem auf
den Arbeitsmarkt bezogenen Index ist Deutschland sogar auf dem drittletzten
Platz mit 63,9 Punkten; der EU-Durchschnitt beträgt 69,3 Punkte.
6 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Dunkelfeldstudie-zu-haeuslicher-Gewalt/!6151019
(DIR) [2] /Equal-Pay-Day/!6157832
(DIR) [3] https://commission.europa.eu/document/1f5fa936-9fba-4435-93f5-32fa220bac82_en
(DIR) [4] https://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=CELEX:32024L1385:DE:HTML
(DIR) [5] /Offener-Brief-zu-EU-Richtlinie/!5985733
(DIR) [6] https://eige.europa.eu/gender-equality-index/2025/compare-countries/index/bar
## AUTOREN
(DIR) Eva Fischer
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