# taz.de -- Wolfram Weimer und die Berlinale: Autoritäre Machtmarkierung
       
       > Auch wenn Tricia Tuttle vorerst Festival-Leiterin bleibt – das Vorgehen
       > des Kulturstaatsministers wirkt als Warnung an die gesamte Kulturszene.
       
 (IMG) Bild: Der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah al-Khatib bei der Berlinale-Preisverleihung
       
       [1][Tricia Tuttle bleibt Leiterin der Berlinale]. „Vorerst“. Dieses Wort
       ist kein Verwaltungsdetail, es ist eine Machtmarkierung, die bedeutet: Die
       Intendantin steht unter Beobachtung. Und mit ihr ein ganzes Festival.
       
       Auslöser war eine Dankesrede des syrisch-palästinensischen Filmemachers
       Abdallah al-Khatib bei der Preisverleihung, in der er die Bundesregierung
       für ihre Mitverantwortung am – wie er es ausdrückte – israelischen Genozid
       in Gaza kritisierte. Hinzu kam ein Gruppenfoto, auf dem Tuttle mit
       Filmschaffenden zu sehen ist, die palästinensische Symbole tragen. Die
       Springer-Medien machten daraus einen „Antisemitismus-Eklat“. Für
       Kulturstaatsminister Wolfram Weimer waren diese Vorkommnisse offenbar Grund
       genug, die Leitung des Festivals [2][grundsätzlich infrage zu stellen.]
       
       Man muss die Inhalte der Rede nicht teilen, um zu erkennen, wie hier
       Maßstäbe verrutschen. Eine politische Einordnung des Gaza-Kriegs, selbst
       wenn sie polemisch oder einseitig formuliert ist, [3][ist nicht automatisch
       antisemitisch.] Wer jede fundamentale Kritik an israelischer
       Regierungspolitik oder deutscher Unterstützung reflexhaft in diese
       Kategorie rückt, verschiebt den Diskurs – und entwertet zugleich den Kampf
       gegen tatsächlichen Antisemitismus.
       
       Doch der Konflikt reicht tiefer als die Frage einzelner Formulierungen.
       [4][Die Berlinale] ist staatlich gefördert und repräsentiert die
       Bundesrepublik. Damit bewegt sie sich zwangsläufig im Spannungsfeld
       zwischen künstlerischer Autonomie und staatlicher Repräsentationslogik.
       Kulturinstitutionen produzieren Bilder, die Teil politischer
       Selbstverständigung werden – sie stabilisieren Narrative oder irritieren
       sie.
       
       Genau darin liegt die Brisanz. Solange kulturelle Sichtbarkeit das
       politische Selbstbild nicht infrage stellt, gilt sie als legitime Haltung.
       Wenn sie dieses Selbstbild berührt oder stört, entsteht Druck. Nicht weil
       Kunst plötzlich ihre Grenzen überschreitet, sondern weil sie ihre
       gesellschaftliche Funktion erfüllt: Konflikte sichtbar zu machen.
       
       Die schnelle Eskalation zur Personalfrage sendet deshalb ein klares Signal:
       Wer eine Bühne verantwortet, soll künftig für politische Irritationen
       geradestehen. Das ist weniger sachliche Aufsicht als ein [5][Mechanismus
       der Disziplinierung]. Die Schwebe, in der Tuttle nun gehalten wird, wirkt
       wie eine Warnung an die gesamte Kulturszene.
       
       Der Streit um die Berlinale ist damit ein Testfall. Hält dieses Land
       Ambivalenz aus – oder nur jene Formen politischer Positionierung, die sich
       in das eigene Selbstbild einfügen? Kunst darf kein verlängerter Arm der
       Außenpolitik sein. Sie ist der Ort, an dem gesellschaftliche Widersprüche
       sichtbar werden. Diese Sichtbarkeit ist keine Grenzüberschreitung, sondern
       ihr Auftrag.
       
       26 Feb 2026
       
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