# taz.de -- CDU-Fördergeldaffäre in Berlin: Druck machen, Vermerke löschen, Zeugen diskreditieren
> Im Untersuchungsausschuss zur CDU-Fördergeldaffäre berichten Zeugen von
> massiver Einflussnahme. Das bringt Berlins Kultursenatorin in
> Erklärungsnot.
(IMG) Bild: In der CDU-Fördergeldaffäre steigt der Druck auf Senatorin Wedl-Wilson
Der Zeuge H. lässt sich nichts anmerken, als er hören muss, wie der
CDU-Politiker Christian Goiny gegenüber der Kultursenatorin Sarah
Wedl-Wilson über ihn gewettert hat. „Ein linker Antisemit“ sei der
Mitarbeiter der Kulturverwaltung, der „schon lange unsere Politik
sabotiert“ und deshalb „bei diesen Verfahren möglichst herauszuhalten“ sei.
Diese Whatsapp-Nachrichten liest die Linken-Politikerin Manuela Schmidt
vor, die dem Untersuchungsausschuss zur CDU-Fördergeldaffäre vorsitzt. „Sie
können sich vorstellen, was das mit einem macht, sowas zu hören“, sagt H.
nur, als Schmidt ihn nach seiner Reaktion befragt.
Im [1][Untersuchungsausschuss zur CDU-Fördergeldaffäre] bei der Vergabe von
Fördermitteln für Projekte gegen Antisemitismus geht es an diesem Freitag
mit der ersten Zeugenbefragung ans Eingemachte. Diese und nächste Woche
werden sieben Mitarbeiter:innen der Kulturverwaltung, die mit der
Vergabe von Fördermitteln betraut waren, als Zeug:innen vernommen. Danach
sollen zwei Stabsmitarbeiter aussagen, und dann die politisch
Verantwortlichen: CDU-Fraktionschef Dirk Stettner, der Abgeordnete
Christian Goiny sowie die Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson.
Den Ausschussmitgliedern wurden allein in der vergangenen Woche mehr als
1.000 Seiten zusätzlicher Akten zur Verfügung gestellt. Darunter befinden
sich auch 17 Seiten mit mehr als 90 Whats-App-Nachrichten, insbesondere
zwischen Goiny, Stettner und Wedl-Wilson. Die von Schmidt zitierte
Nachricht ist nur eine davon.
## Verwaltung unter Druck
In der Auffassung von Schmidt zeigt der Ton dieser Nachricht bereits, in
welcher Atmosphäre über die Vergabe der 3,4 Millionen Euro für die
„Projekte von besonderer politischer Bedeutung“ entschieden wurde, die über
einen Sondertopf und ohne fachliche Prüfung vergeben wurden. Der Ausschuss
befasst sich nicht nur mit dem Verdacht auf eine unzulässige Einflussnahme
der CDU-Parlamentarier auf Förderentscheidungen der Kulturverwaltung. Er
beschäftigt sich auch mit der Frage, inwiefern mit der Entscheidung
zugunsten jener Projekte gegen Förderrichtlinien und Haushaltsrecht
verstoßen wurde.
Bekannt ist, wie Stettner und Goiny bei Kultursenatorin Wedl-Wilson und
ihrem Vorgänger Joe Chialo auf die Bewilligung von Geldern für ausgewählte
Projekte gedrängt haben, in denen insbesondere Vertraute von Goiny
Positionen einnehmen. Beide Senatoren hatten, gegen die Bedenken der
Verwaltung, für eine Förderung von Projekten Druck gemacht, [2][die
mehrheitlich keine Expertise im Kampf gegen Antisemitismus vorzuweisen
hatten]. Politische Einflussnahme gab es ebenso bei der Besetzung einer
Fachjury, die über die Vergabe von Fördermitteln in Höhe von weiteren zwei
Millionen Euro eines gesonderten „Aktionsfonds“ zu entscheiden hatte.
Dabei wurde [3][die Kulturverwaltung von seiten der CDU unter enormen Druck
gesetzt]. Laut Zeuge H. habe seine Abteilung versucht, dem politischen
Wunsch nach Mittelvergabe nachzukommen, obwohl dem Referat sowohl
Kapazitäten als auch Expertise fehlten. Die Verwaltung wollte deshalb die
Projekte von der Jury bewerten lassen, die auch die Anträge aus dem
gesonderten „Aktionsfonds“ gegen Antisemitismus bewertet hat. Zudem habe
sich die Verwaltung um externe Expertise bemüht und auf unvollständige
Anträge und fehlendes Eigenkapital der Projekte hingewiesen. Doch die
CDU-Spitzen hätten auf eine möglichst schnelle Auszahlung der Gelder
gedrängt.
Diese Situation gipfelt in einem Vermerk von H., den er im
Untersuchungsausschuss als „letzten Ausweg“ bezeichnet. Darin hält H. fest,
dass er „mit Blick auf die Haftung im Fall von Verstößen gegen das
Zuwendungsrecht mit Schadensfolgen“ dringend von einer Förderung abrät.
Wenn das Geld doch fließen soll, müsse das unter der alleinigen
Verantwortung der politischen Leitungsebene geschehen, die damals Joe
Chialo innehatte. „Ich wollte es nicht verantworten, die Bescheide zu
unterschrieben“, sagt H. im Ausschuss.
## Ein Referent will Aktenvermerke löschen
Brisant ist in dem Zusammenhang, was der Grünen-Abgeordneten Daniel Wesener
vortrug: Dass ein persönlicher Referent von Chialo und seiner Nachfolgerin
Wedl-Wilson versucht haben soll, genau diese Passage in dem Vermerk von H.
hinterher zu löschen. Dies gehe aus den Akten hervor, die allerdings nicht
öffentlich gemacht werden dürften, sagte Wesener zur taz. Der entsprechende
Referent wird in der nächsten Ausschusssitzung befragt werden.
Derweil steigt der Druck auf die gegenwärtige Kultursenatorin Wedl-Wilson.
Denn Chialo, der kurz nach diesem Aktenvermerk zurücktrat, hat sich Hilfe
durch ein Rechtsgutachten geholt, das er durch die Kanzlei Schertz Bergmann
verbreiten lässt. Darin heißt es: „Eine verwaltungsrechtliche
Verantwortlichkeit des Senators a.D. Chialo für die Zuwendungsbescheide
besteht nicht. Sowohl haushaltsrechtlich als auch zuwendungsrechtlich
müssen die dargestellten Vorgänge für Herrn Senator a.D. Chialo ohne
Konsequenzen bleiben.“ Heißt: Obwohl Chialo den Prozess angestoßen und für
die unrechtmäßige Vergabe eingesetzt hatte – die entscheidenden
Unterschriften für die Vergabe der Mittel leistete erst seine Nachfolgerin
Wedl-Wilson.
Sollte sich bestätigen, dass dem Haushalt dadurch ein Schaden entstanden
ist, etwa weil die Fördergelder nicht für die beantragten Projekte
eingesetzt wurden, steht der Straftatbestand der Haushaltsuntreue im Raum.
Brisant ist dabei auch eine Klage des Kultur- und Bildungsvereins Urania
Berlin, dem aus dem Sondertopf 500.000 Euro zugesagt, aber nach Auffliegen
der Affäre letztlich nicht ausgezahlt wurden.
## CDU stellt Glaubwürdigkeit von Zeugen infrage
Diese Vorgänge aufzuklären ist der Zweck des Untersuchungsausschusses. Doch
offenbar haben nicht alle Mitglieder Interesse an einer Aufarbeitung. Der
CDU-Politiker Stephan Lenz, der für seine Partei im Ausschuss sitzt, legte
am Freitag jedenfalls den Fokus darauf, die Glaubwürdigkeit der aussagenden
Zeug:innen infrage zu stellen. Abwechselnd stellt erst die Qualifizierung
von H. infrage, um dann zu hinterfragen, warum die Verwaltung die Anträge
nicht einfach selbst inhaltlich prüfen konnte.
„Inwiefern gab es denn in der Verwaltung überhaupt das Wissen, dass der
politische Wille auch durchzuführen ist? Wir geben doch die Marschroute
vor“, warf Lenz dem Zeugen an den Kopf. Der Grünen-Politiker Daniel Wesener
musste darauf hinweisen, dass die Verwaltung dennoch unabhängig zu
entscheiden habe. Immer wieder schaltete sich die Anwältin von H. ein. H.
selbst erklärte erneut, er verstehe nicht, warum die Projekte aus dem
Sondertopf nicht einfach über das reguläre Jury-Verfahren des
„Aktionsfonds“ inhaltlich bewertet werden konnten.
U-Ausschussvorsitzende Manuela Schmidt sagte der taz: „Auch mit
langjähriger politischer Erfahrung hat mich doch Einiges, was ich die
letzten Tage lesen musste, erschüttert. Offenbar gibt es politische
Akteure, die meinen, neben der Legislative und Exekutive gibt es noch die
Direktive, die politische Vorgaben über alles setzen kann.“ Schmidt gab
sich überzeugt, dass der Ausschuss die Fragen nach Rechts- und
Regelwidrigkeit der Fördermittelvergabe, sowie wie nach der politischen
Einflussnahme, beantworten wird.
27 Feb 2026
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sein.