# taz.de -- Verdacht auf Korruption in der CDU: Seniorengerechtes Wohnen mit Interessenkonflikt
> In Marzahn-Hellersdorf sind CDU-Politiker*innen teils in Vereinen und
> Unternehmen aktiv, die die Politik dort groß fördert. Grüne fordern
> Aufklärung.
(IMG) Bild: Christian Gräff (CDU) ist Geschäftsführer im Smart Living Center am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) und umtriebiger Unternehmer
Die CDU muss sich nicht nur in einem Untersuchungsausschuss mit der
[1][Fördermittelaffäre rund um Antisemitismusprojekte und Vetternwirtschaft
auseinandersetzen]. Auf sie rollt ein neuer Fall fragwürdigen Umgangs mit
öffentlichen Geldern zu. Und der ist im Bezirk Marzahn-Hellersdorf
angesiedelt, einem Bezirk, der als so uncool gilt, dass JournalistInnen
dort lange Zeit kaum hinschauten. Die CDU, die hier sowohl im Bezirksamt
eine satte Mehrheit hat, als auch die meisten Direktmandate fürs
Abgeordnetenhaus gewann, konnte [2][über Jahre ohne nennenswerte
öffentliche Kontrolle] agieren.
Im Mittelpunkt steht ein wichtiges Zukunftsthema: [3][seniorengerechtes
Wohnen in den eigenen vier Wänden]. Da geht es um Treppenlifte,
Gegensprechanlagen, die man vom Sofa aus bedienen kann, sodass man nicht
aufstehen muss, um dem Pflegedienst die Tür zu öffnen oder auch um
seniorengerechte Duschen. Der bezirklichen CDU ist das Thema eine
Herzensangelegenheit. Denn viele, die dort Rang und Namen haben, waren oder
sind in wechselnden Rollen mit dem Thema verbandelt. Als Inhaber von
Firmen, als Vorstand oder Mitarbeiter von Vereinen, die sich mit dem Thema
befassen. Oder auch als Personen in öffentlichen Funktionen, die die
Fördergelder mit bewilligen, von denen dann Gehälter an Parteifreunde
gezahlt wurden. Und glaubt man dem grünen Abgeordneten André Schulze, dann
ist die Trennung der unterschiedlichen Funktionen von einzelnen
CDU-Politikern aus Marzahn-Hellersdorf nicht so sauber gelaufen, wie es
sein sollte.
Zum Beispiel der langjährige Abgeordnete Christian Gräff, der letzten
Herbst überraschend sein Mandat im Abgeordnetenhaus niedergelegt hatte. Er
ist Geschäftsführer bzw. Vorsitzender von zwei Vereinen: dem Verein Smart
Living Health Center e. V. (SLHC) und dem Gesundheitscampus am
[4][Unfallkrankenhaus Marzahn]. Darüber hinaus steht er allein oder mit
anderen hinter insgesamt vier Firmen aus den Bereichen Immobilien und
seniorengerechtes Wohnen. Als Geschäftsführer von einer der Firmen der
Regionen Entwickler GmbH hat er gegenüber dem Abgeordnetenhaus angegeben,
zwischen 25.000 und 75.000 Euro pro Jahr zu verdienen.
Bis heute, so der grüne Abgeordnete André Schulze, „fließen hohe
sechsstellige Summen aus dem Bund-Länder-Programm ‚Gemeinschaftsaufgabe zur
Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur‘ an Vereine und Netzwerke
von Gräff. Im Raum stehen [5][Vorwürfe erheblicher Interessenskonflikte],
persönlicher wirtschaftlicher Vorteile und ein fragwürdiger Umgang mit
Steuergeldern.“ Das ergibt sich aus einer noch nicht veröffentlichten
Anfrage der Landesregierung auf eine parlamentarische Anfrage von Schulze,
die der taz vorliegt. Dort listet die Landesregierung die Fördergelder
detailliert auf.
## Unternehmen nutzt Vereinsräume
Und die Trennung zwischen Verein und zumindest einer dieser Firmen ist laut
der investigativen Recherche des Tagesspiegels und Abgeordnetenwatch nicht
sauber gelaufen. Die Journalisten haben recherchiert, dass ein
Immobilienunternehmen, das teilweise Gräff gehört, in den Räumen des
gemeinnützigen Vereins Smart Living Health Center e. V. (SLHC) Produkte
präsentiert und bewirbt. Geschäftsführer von SLHC ist Gräff, der erhebliche
öffentliche Fördermittel bekommt.
Eine andere Christdemokratin trug lange dazu bei, dass der Verein SLHC gut
gedieh: Marzahn-Hellersdorfs Bezirksbürgermeisterin Nadja Zivkovic. Bevor
sie Berufspolitikerin wurde, arbeitete sie nach eigenen Angaben ab 2012 auf
dem Gebiet des altersgerechten Wohnens, finanziert aus dem Haushalt des
damaligen Bezirksstadtrates Christian Gräff. Sie brachte damals den Verein
mit auf den Weg, Gräff als Stadtrat ebenfalls. 2013 wurde Zivkovic
CDU-Mitglied. Als Stadträtin beantragte sie 2019 für den von ihr selbst mit
aufgebauten Verein, in dessen Vorstand sie nach eigenen Angaben war,
Fördergelder in Höhe von 454.000 Euro, zum Teil aus EU-Töpfen, zum Teil aus
Bezirksmitteln.
Der Bezirk wurde zudem 2019 Mitglied in dem Verein und zahlte teure
Jahresbeiträge, zuerst 5.000 Euro, ab 2021 dann 20.000. Keine andere
Mitgliedschaft kam den Bezirk so teuer. Als die bezirkliche Linke letzten
Herbst die Höhe des Mitgliedsbeitrages hinterfragte, trat der Bezirk auf
Betreiben von Zivkovic dort überraschend wieder aus. Ob sich Zivkovic
vorher bei Abstimmungen im Bezirksamt zu Vereinsthemen der Stimme enthalten
hatte, sagt sie der taz nicht.
Christian Gräff weist auf Anfrage der taz alle Vorwürfe der
Interessenskonflikte zurück. Für seine Vereinstätigkeit habe er nie „ein
Gehalt oder eine Aufwandsentschädigung erhalten“, sagt er. „Auch wurden
meine Reisekosten zu keinem Zeitpunkt aus Fördermitteln bezahlt.“ Damit
sind teure Vereinsreisen nach Asien gemeint, für die laut Darstellung des
Grünen André Schulze bei öffentlichen Geldgebern teilweise stark
überteuerte Hotelkosten abgerechnet wurden. Aber, wenn man Gräff glaubt,
dann nicht für ihn selbst. Zwischen seiner unternehmerischen Tätigkeit und
seinem Mandat im Abgeordnetenhaus hätte es, so Gräff, ebenfalls „keinerlei
Überschneidungen“ gegeben. Für den Grünen André Schulze ist genau [6][das
eine der offenen Fragen, die er hat. Er hat bei unterschiedlichen
Senatsverwaltungen Akteneinsicht] beantragt und teilweise bereits bekommen.
Im Bezirk Marzahn-Hellersdorf haben Linke, SPD und Grüne gemeinsam einen
Sonderausschuss einberufen. „Die Aufklärung steht noch am Anfang“, sagt der
grüne Bezirksverordnete Pascal Grothe der taz. Er kritisiert, dass
Christian Gräff genau wie der Abgeordnete Johannes Martin, der einige Zeit
beruflich bei einem der Vereine beschäftigt war, nicht zu den
Ausschusssitzungen kämen, um Fragen zu beantworten. „Das ist
verantwortungslos, feige und ein Schlag ins Gesicht derjenigen Menschen,
die sie vertreten wollen.“
12 Mar 2026
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