# taz.de -- Betroffener über die neue Grundsicherung: „Wer sich so was ausdenkt, hat keine Ahnung!“
> Die neue Grundsicherung erhöht unnötig den Druck auf Betroffene, sagt
> Arnold. Der Berliner war wegen Depressionen früher selbst
> „Totalverweigerer“.
Die geplanten Verschärfungen beim „Bürgergeld“, das in Zukunft „Neue
Grundsicherung für Arbeitssuchende“ heißen soll, stoßen bei Betroffenen –
und nicht nur dort – auf Kritik, wie erst Anfang der Woche bei einer
[1][Expertenanhörung im Bundestag] deutlich wurde. Kern der „Reform“ ist
die Möglichkeit, schneller und härter zu sanktionieren, wenn Empfänger
nicht „kooperieren“, etwa Termine versäumen. Nach dem 3. Versäumnis ist
eine 100-Prozent-Kürzung möglich, sogar die Mietzahlung kann komplett
eingestellt werden.
In Berlin sind potenziell fast zehn Prozent der Bevölkerung betroffen,
Mitte 2025 gab es in der Hauptstadt rund 323.500 erwerbsfähige Personen,
die Bürgergeld bezogen. Einer von ihnen erzählt, wie es dazu kam, warum ihm
das Jobcenter nie wirklich helfen konnte und warum er die Neuerungen
ablehnt.
Arnold*, 54 Jahre:
Ich bin seit ungefähr 2006 Sozialhilfeempfänger, wie man früher sagte.
Außerdem wurde ich 2020 entmietet, seither lebe ich in einem Wohnheim für
Wohnungslose. Ich habe eine Ausbildung zum Zimmermann gemacht, das passte
gar nicht zu mir, habe den zweiten Bildungsweg eingeschlagen, bin nach
Berlin gezogen, habe ein Mathematikstudium abgebrochen. Also habe ich noch
eine Umschulung zum Bürokaufmann gemacht, aber danach kaum in dem Beruf
gearbeitet.
Mein Problem: Ich leide seit der Schulzeit unter Depressionen. Darum kam
ich auf dem Arbeitsmarkt nicht zurecht, konnte mich auch nicht bewerben,
weil ich mit Ablehnung nicht umgehen kann. Ich habe früher auch öfter
Kürzungen vom Jobcenter bekommen, weil ich nicht zu Terminen gekommen bin.
Mal waren es 10 Prozent weniger, manchmal auch 30 Prozent.
Aber wegen meiner Depression kann ich ganz oft Briefe, zum Beispiel mit
einer „Einladung“ vom Jobcenter, einfach nicht öffnen. Manchmal habe ich
mir extra Mut angetrunken, um Briefe doch zu öffnen. Ich bin Alkoholiker –
nach der Zwangsräumung habe ich eine Leberzirrhose bekommen, später noch
Diabetes. Jetzt bin ich seit fast vier Jahren trocken.
Die Wohnung habe ich auch wegen der Briefesache verloren. Die Miete zahlt
ja das Jobcenter, aber es gab eine Mieterhöhung wegen Renovierungen, und
diesen Brief hatte ich auch nicht gelesen und weitergeleitet. Das Jobcenter
hat daher eine zu geringe Miete überwiesen und so bin ich 2020 auf die
Straße gesetzt worden vom Gerichtsvollzieher.
Inzwischen ist beim Jobcenter anerkannt, dass ich krank bin und fast
arbeitsunfähig – wegen Depressionen und meiner schweren Krankheiten kann
ich höchstens drei Stunden am Tag arbeiten. Insofern kann man mir keine
Verweigerung vorwerfen – jetzt nicht mehr. Seit einiger Zeit habe ich einen
Fallmanager – die sind für Menschen zuständig, die Probleme haben und mehr
Betreuung brauchen – und der hat viel Verständnis. Das ist bei den normalen
Sachbearbeitern oft anders: Einer hat mal zu mir gesagt, das mit der
Depression wäre meine Privatangelegenheit. Natürlich gibt es auch nette
Sachbearbeiter. Aber wirklich helfen können die beim Jobcenter alle nicht,
dafür sind sie einfach nicht qualifiziert.
Mir hätte es vielleicht geholfen, wenn meine Depression früher erkannt
worden wäre und ich Unterstützung bekommen hätte, etwa eine Therapie – oder
wenigstens eine psychosoziale Betreuung. Ich kannte Leute, die einen
Betreuer hatten, der bei Briefen hilft, der guckt, ob mit der Wohnung noch
alles in Ordnung ist, solche Dinge eben. Aber ich wusste nicht, wie man
eine solche Betreuung beantragt.
Auch einfache Dinge hätten mir geholfen, zum Beispiel wenn mehr über E-Mail
ginge. E-Mails kann ich öffnen, ich bin sogar ziemlich schnell am Computer
– aber mit der Digitalisierung ist es ja bei den Ämtern in Deutschland
nicht so weit.
Dass jetzt noch schneller gekürzt werden soll, direkt, wenn man den zweiten
Termin verpasst, wird gar nichts bringen, es erhöht nur die Angst und den
Druck auf die Menschen. Ich denke, vielen von jenen, die man heute
„Totalverweigerer“ nennt, geht es wie mir – sie können einfach nicht, aus
psychischen oder anderen gesundheitlichen Gründen. Natürlich gibt es auch
ein paar Kriminelle, die nur Bürgergeld kassieren, um im System registriert
zu sein. Aber das sind nur sehr, sehr wenige.
Mehr Druck führt nur dazu, dass die Leute aggressiver werden und weiter
verrohen, anderen wird alles immer egaler, es gibt ja auch immer mehr
Selbstmorde. Die Leute werden gegeneinander ausgespielt, auf die
Schwächsten haut man drauf, die AfD auf die Ausländer, die CDU auf die
angeblich faulen Langzeitarbeitslosen – so als ob es anderen besser ginge,
wenn es denen schlechter geht.
Es ist ohnehin schwer. Ich bekomme 563 Euro, das reicht einfach nicht,
zumal ich wegen meiner Krankheiten auch etwas gesündere, bessere
Lebensmittel kaufen möchte. Das ist praktisch mein „Luxus“, dafür nehme ich
keine Drogen, kein Alkohol, für etwas anderes gebe ich kaum Geld aus. Ich
nehme alle Sonderangebote mit, mache alles mit Einkaufsapps, sammel Punkte
und so weiter, aber bis zum Ende des Monats reicht das Geld nicht. Wie soll
das gehen, wenn man 100 Prozent gekürzt wird? Wer sich so was ausdenkt, hat
keine Ahnung!
* Arnold möchte seinen vollständigen Namen lieber nicht öffentlich nennen.
Auf Twitter kennt man ihn als @Gesangsverein_, bei Bluesky ist er unter
@herrgesangsverein zu finden.
26 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Geplante-Abschaffung-des-Buergergelds/!6157135
## AUTOREN
(DIR) Susanne Memarnia
## TAGS
(DIR) Grundsicherung
(DIR) Bürgergeld
(DIR) Sozialstaatsreform
(DIR) Armut
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Bürgergeld
(DIR) Grundsicherung
(DIR) Bürgergeld
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Geplante Abschaffung des Bürgergelds: In der SPD kaum Solidarität mit den Armen
Nur wenige SPD-Mitglieder haben sich bislang an der Kampagne gegen die neue
Grundsicherung beteiligt. Die Kritik am künftigen Sanktionsregime bleibt.
(DIR) Wissenschaftler über Bürgergelddebatte: „Damit werden Menschen vom Arbeitsmarkt weggedrängt“
Mit dem Bild des „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“ wird Politik gemacht. Die
strukturellen Ursachen werden dabei nicht benannt, kritisiert René Böhme.
(DIR) Neue Grundsicherung und Jobcenter: „Es gibt viele Wege, sich zu entziehen“
Harte Sanktionen nützen kaum, wenn jemand gar nicht arbeiten will. Aber sie
könnten die Falschen treffen, sagt Jana Sieberg, Jobcenter-Personalrätin.
(DIR) Debatte um die neue Grundsicherung: Fördern und Fordern ist zurück
Der Bundestag diskutiert die neue Grundsicherung, mit der das Bürgergeld
abgeschafft werden soll. Nicht nur aus der Opposition gibt es Kritik.