# taz.de -- Finanzielle Gewalt: Fehlende Zahlen zu fehlendem Geld
> Alle 19 Tage stirbt im UK eine Person an Folgen finanzieller Gewalt. In
> Deutschland fehlt es an belastbaren Zahlen. Zeit, das in den Vordergrund
> zu rücken.
(IMG) Bild: Ohne Arbeit keine Wohnung, ohne Geld keine Scheidungsanwältin
Kennen Sie das? Sie erfahren von einer Form der Gewalt und denken sich: Ah,
so nennt man das also! Schlagartig haben Sie ein Vokabular und im
Nachhinein werden Dinge begreiflich, die Sie vorher gar nicht recht
benennen konnten oder als Problem erkannt haben. Kennen Sie nicht?
Herzlichen Glückwunsch, dann sind Sie vermutlich ein Mann. Ich würde Sie
trotzdem bitten, diesen Text zu lesen, er geht auch Sie etwas an.
Eine sehr subtile Form der Gewalt, die Betroffene meist zu spät oder
manchmal auch gar nicht erkennen, ist die finanzielle. Alle 19 Tage stirbt
ein Mensch an ihren Folgen. [1][Das hat eine Datenanalyse in UK
herausgefunden], in der es um Tötungsdelikte und [2][Suizide] in Folge
finanzieller Gewalt zwischen 2012 und 2024 ging. Und in Deutschland? Fehlt
die gesellschaftliche Debatte über finanzielle Gewalt ebenso wie belastbare
Zahlen.
Das liegt vermutlich daran, dass finanzielle Gewalt schleichend daherkommt
– oft mit anderen Formen der häuslichen Gewalt – und viele Facetten hat.
Das kann so aussehen: Der Betroffenen wird verboten zu arbeiten oder sie
arbeitet in Teilzeit, kümmert sich in der restlichen Zeit um Kinder oder
pflegt Familienangehörige. Es kann auch so aussehen: Die gewaltausübende
Person (meist der Mann) hat die Kontrolle über die Finanzen und die
Ausgaben der anderen Beziehungsperson (meist der Frau).
Oder so: Geld wird als Erpressung genutzt. Oder: Für Ausgaben wie Essen
oder Putzmittel muss die Betroffene sich rechtfertigen. Dieses
Ungleichgewicht sieht oft auch so aus, dass die Frau sich beispielsweise
für „überteuerte“ Ausgaben wie für einen teuren Rucksack für die Kinder
rechtfertigt, während der Mann abends selbstverständlich mit den Jungs Geld
in der Kneipe lässt.
Im Grund geht es darum, dass die gewaltausübende Person die Betroffene
finanziell so fest im Griff hat, dass ihr Handlungsspielraum eingeschränkt
wird. Das führt bei Betroffenen in Beziehungen dazu, dass sie entweder
keinen Weg sehen, sich zu trennen oder das Geld bei der Überlegung
zumindest ein entscheidender Faktor ist.
Aber das Wort „Gewalt“, ist das nicht ein bisschen übertrieben? Es geht wie
bei anderen Formen der Gewalt um Macht. Die Betroffene wird von der
gewaltausübenden Person in Schach gehalten, sodass ihr die finanziellen
Mittel fehlen, sich zu wehren: Wer keinen Arbeitsvertrag hat, bekommt
keinen Mietvertrag. Wer kaum Geld hat, kann sich keine gute
Scheidungsanwältin leisten.
Dabei hat finanzielle Gewalt in der (westdeutschen) Bundesrepublik
Tradition, die Gesetzgebung ist stark patriarchal geprägt: Bis 1962 durften
Frauen kein eigenes Konto besitzen, bis 1977 konnten Männer ihren Ehefrauen
das Arbeiten verbieten. Noch bis heute haben Ehepartner_innen mit niedrigem
Einkommen Recht auf einen „Taschengeldanspruch“. Und warum gibt es für
Ehepartner_innen unterschiedliche Steuerklassen?
Finanzielle Gewalt ist dabei so institutionalisiert, dass nicht nur
Ehepartner_innen darunter leiden können, sondern auch Frauen über Ehe oder
Partner_innenschaft hinaus: [3][indem beispielsweise das Kindergeld auf den
Unterhaltsvorschuss angerechnet wird]. Leittragende sind vor allem
alleinerziehende Frauen, die den Unterhaltsvorschuss vom Staat ja nur
deswegen brauchen, weil der Kindsvater den Unterhalt nicht zahlt – wofür
wiederum sie finanziell abgestraft werden, wenn das Kindergeld dann doch
mit dem Unterhaltsvorschuss letztlich verrechnet wird.
Damit wir endlich vernünftig darüber sprechen können und den Betroffenen
auch tatsächlich geholfen werden kann, brauchen wir Zahlen – auch für
Deutschland. Sie werden noch weitere Lücken in Gesetzgebung und
Gewaltschutz-Praxis aufdecken. Die Datenanalyse in UK fand zum Beispiel
heraus, dass Behörden wie Staatsanwaltschaft, Polizei und Sozialämter
wirtschaftlichen Missbrauch in ihren Berichten übersehen – auch wenn sie
offensichtlich sind.
8 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://survivingeconomicabuse.org/wp-content/uploads/2026/03/Hidden-risks-fatal-consequences_Surviving-Economic-Abuse_March-2026.pdf
(DIR) [2] /Umgang-mit-Suizid-in-den-Medien/!6006897
(DIR) [3] https://www.unterhalt.net/kindesunterhalt/unterhaltsvorschuss/
## AUTOREN
(DIR) Nicole Opitz
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