# taz.de -- Obdachlosigkeit in Berlin: Sieben Haltestellen Würde
       
       > Begegnungen mit obdachlosen Menschen im Alltag sind wichtig. Sie tragen
       > dazu bei, dass die Not in dieser Stadt nicht unter den Teppich gekehrt
       > wird.
       
 (IMG) Bild: Es ist gut und gesund, dass die Obdachlosigkeit nicht aus dem Stadtbild zu verdrängen ist
       
       Sieben Haltestellen lang, irgendwo zwischen Friedrichstraße und Pankow,
       erzählt sie über ihr Leben – und widerlegt sich dabei permanent selbst.
       „Ich bin ja geistig behindert“, sagt sie gleich zu Beginn, mit einer
       Selbstgewissheit, die keinen Widerspruch duldet. Um sich im selben Atemzug
       zu entkräften: mit Pointen, die sitzen, mit Beobachtungen, die schärfer
       sind als so mancher Leitartikel, und mit einer sprachlichen Genauigkeit,
       die eher an eine geübte Kabarettistin erinnert als an das Klischee, das sie
       sich selbst zuschreibt.
       
       [1][Sie sammelt Flaschen], „aber nur die guten Strecken“, liebt Sterni und
       Hertha BSC, beides teilt sie mit ihrem jüngeren Freund, „der hat wenigstens
       noch Hoffnung“. Sie taxiert meine 17-jährige Begleitung, bleibt an ihrer
       zerschlissenen Jeans hängen und wechselt mit einer sachten Berührung
       mühelos ins Fürsorgliche: wie man das flickt, ohne dass es nach Flick
       aussieht. „Mit Gefühl“, sagt sie, „nicht mit Gejammer.“ Eine Begegnung, die
       lange nachhallt.
       
       Ein paar Tage später, andere Linie, anderes Gespräch: Eine Frau, die sich
       als obdachlos vorstellt und um ein paar Cent oder etwas zu Essen bittet,
       wird von einem Fahrgast angesprochen, der kein Bargeld bei sich hat, aber
       Paypal anbietet. Sie lacht überrascht. Ob er schon einmal [2][mit dem
       Sozialamt zu tun hatte]? Als er verlegen den Kopf schüttelt, entschuldigt
       sie sich charmant und bedankt sich ernsthaft für seine Hilfsbereitschaft.
       Auch diesmal: ein kleiner Moment von Würde und Verständigung im Gedränge.
       
       Diese Begegnungen sind keine [3][Anekdoten fürs Poesiealbum], sie sind
       friendly Reminder. Sie insistieren darauf, dass Menschen am Rand keine
       Kulisse sind in dieser Stadt, sondern Akteure – mit Witz, Urteilskraft und
       dem guten Recht, gesehen zu werden. Gerade deshalb stellen sie sich ja auch
       weiter heldenhaft selbstbewusst in den Raum, auch jenen gegenüber, die
       lieber wegsehen oder glauben, das Problem sei gelöst, weil es aus den
       hochglänzenden Zonen dieser Stadt verscheucht wird.
       
       Und während sich [4][die bürgerliche Lokalpresse] mit Entrüstung an
       strähnigen Haaren, „furchterregend dreckigen Händen“ und überhaupt am
       unerträglichen Geruch der Armut abarbeitet, denkt mensch bei sich, wie gut
       und gesund es doch ist, dass die Zumutungen dieser Stadt noch immer nicht
       restlos aus dem Blick geraten sind. Dass uns diese Themen auf dem Weg zur
       Arbeit, zum Einkaufen oder Arztbesuch täglich und unübersehbar auf dem
       Silbertablett serviert werden: der [5][Mietwucher], der die Menschen aus
       ihren Wohnungen drängt, ein Gesundheitssystem, das psychisch Angeschlagene
       und Suchtkranke [6][immer schneller und mit unzureichender Nachbetreuung
       ausspuckt], Sozialeinrichtungen, die kaputtgespart werden – Biografien, die
       sich zwischen Behördenkrieg und Gewalt auf der Straße aufreiben. Denn was
       sich nicht mehr zeigt, lässt sich leichter wegverwalten – und noch leichter
       ignorieren.
       
       Am Donnerstag, dem 26. März, ruft das Berliner Bündnis gemeinsam gegen
       Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen im Rahmen der [7][Berliner Housing
       Action Days] zu einer Mahnwache gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen
       auf – ab 12 Uhr bis in die Nacht vorm Roten Rathaus. Es ist zu hoffen, dass
       dort nicht nur die üblichen politisch Engagierten stehen, sondern auch
       [8][jene, um die es geht]. Und vielleicht auch ein paar von uns, die
       offenbar wieder lernen müssen, wenigstens sieben Haltestellen lang
       zuzuhören und immer ein paar Münzen dabei zu haben.
       
       23 Mar 2026
       
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