# taz.de -- Völkerrecht und Angriff auf Iran: Einfach mal nicht die Klappe halten
> Völkerrecht, Regime und reale Bedrohung: Wie stehen die Aussichten auf
> eine Nach-Mullah-Ordnung für den Nahen Osten und die Welt?
(IMG) Bild: Zerstörtes Amia-Gebäude der Jüdischen Gemeinde in Buenos Aires: Suche nach Überlebenden des Bomben-Attentats am 18.Juli 1994
Es ist seltsam, mit welcher Vehemenz sich Völkerrechtsexperten nach dem
Angriff auf das iranische Terrorregime nun zu Wort melden. Sie verurteilen
in großer Schar den Angriff von Israel und USA auf den Hauptaggressor im
Mittleren Osten. Es heißt, ein vorbeugender Angriffsschlag gegen
Mullahregime und Revolutionsgarde sei nicht gerechtfertigt, da Iran nicht
mehr über die Mittel für einen erfolgversprechenden Angriff auf Israel oder
andere Staaten in der Region verfüge.
Auch, dass das Regime zuletzt Zehntausende Zivilisten im eigenen Land
massakrierte, schwer verletzte und/oder in Foltergefängnisse warf, sei kein
Interventionsgrund. Denn selbst wenn ein Regime Verbrechen gegen die
Menschlichkeit begehe, so prominente Kritikerinnen wie [1][Kai Ambos] oder
[2][Wolfgang Kaleck,] bedürfe es eines Mandats des Uno-Sicherheitsrats, um
militärisch intervenieren zu dürfen.
Doch wie dieses zustande kommen sollte, darüber schweigen sich die Mahner
aus. Oder nehmen es achselzuckend so hin. Mit China und Russland sitzen
zwei Vetomächte als ständige Mitglieder im Sicherheitsrat, die aktuell
imperiale Angriffskriege gegen die Ukraine führen oder wie gegen Taiwan
ankündigen. Es sind zudem wichtige Verbündete Irans, die die Menschenrechte
in ihren Machtgebieten selber systematisch unterdrücken, also nicht nur das
Völkerrecht mit Füßen treten.
## Expansiver Extremismus, passive UNO
Die Nachbarstaaten vor einer aggressiven Theokratie wie Iran zu schützen,
ist der UNO seit 1979, der Machtergreifung der Islamisten in Iran, hingegen
kaum bis gar nicht gelungen. Im Gegenteil, das expansive iranische
Mullahregime und die Islamische Revolutionsgarde destabilisier(t)en unter
den Augen der Weltöffentlichkeit nicht nur den Mittleren Osten. Sie lösten
auch weltweit einen Wettlauf um die Führung im radikal-islamistischen
Spektrum aus.
Ein demokratischer, nicht-islamisch verfasster Staat wie Israel dient dabei
als das alles überragende Symbol für den Hass. Mit ihren Verbündeten in
Syrien (früheres Assad-Regime), Libanon (Hisbollah), Gazastreifen (Hamas),
Jemen (Huthis) und Irak (Schiitenmilizen al-Haschd asch-Schabī) gelang es
dem iranischen Staatsterrorismus, ein militärisches Netz um Israel zu
spinnen, aber auch für Staaten wie Saudi-Arabien zur immer größer werdenden
Bedrohung zu werden.
Hätte sich die multinationale, kosmopolitische israelische Nation nicht
immer wieder wehrhaft [3][wie nach dem Überfall am 7.10.] gezeigt, kein
Völkerrecht der Welt hätte den Fortbestand dieses seit seiner Gründung 1948
mehrfach überfallenen Staates geschützt.
Kleptokratie und Korruption, Atomprogramm und Kriegsökonomie haben den
potentiell reichen Iran ruiniert. Nicht die Juden, nicht die Amerikaner.
## Unreformierbare Theokratie
Das Scheitern der Reformbewegung von 2009 markierte den letzten großen
Versuch in Iran, die Islamisten innerhalb ihres Systems zu einer
Kurskorrektur zu bewegen. Es folgten viele kleinere Proteste, Streiks und
Aufstände.
Zuletzt etwa die große Frau-Leben-Freiheit-Bewegung 2022. Und diesen Januar
dann die Erhebung im ganzen Land, worauf das Regime zehntausende Zivilisten
umbrachte, schwer verletzte, Zehntausende erneut in ihre Foltergefängnisse
verschleppte.
Mit den Phrasen eines kulturkämpferischen Dekolonialismus verdeckten die
Islamisten 1979 ihre feudalen Macht- und Besitzansprüche, setzten diese im
Schatten des Iran-Irak-Krieges in den 1980er Jahren und einer fortwährend
gegen Israel gerichteten Vernichtungsrhetorik durch. Die soziale und
demokratische Revolution erstickten sie 1979 im Blut ihrer Gegner.
Mit den reichlich sprudelnden Öl- und Gaseinnahmen des Landes finanzierten
sie stattdessen fortan kostspielige Stellvertreterkriege in Irak, Syrien,
Libanon, Jemen und im Gazastreifen. Im Namen eines Allahs, als deren
Stellvertreter auf Erden sich Chomeini und später sein Nachfolger und
Kampfgefährte Ali Chamenei ausgaben.
## Kulturkampf und Terrorismus
Um an die Herrschaft zu gelangen, agierten die Islamisten bereits unter
Ayatollah Chomeini frei jedweder Skrupel. Bei einem ihrer terroristischen
Anschläge verbrannten 1978 vierhundert Menschen im Cinema Rex in Abadan.
Den heimtückischen Brandanschlag auf das Kino schoben sie dem Schah und
seinen Geheimdiensten unter, um so die Bevölkerung aufzuwiegeln.
Mit Fatwas, wie 1989 dem Mordaufruf gegen den britisch-indischen
Schriftsteller Salman Rushdie, setzten Irans Islamisten auch später
weiterhin auf antiwestlichen Kulturkampf und Revolutionsexport.
1989 starb Chomeini. Sein Nachfolger, der jetzt bei einem Luftangriff
getötete Ali Chamenei, soll in den 1990er Jahren eine Fatwa gegen
Entwicklung und Einsatz von Atomwaffen erlassen haben. Dies wurde zumindest
in den 2000er Jahren behauptet.
War es eine List, eine Täuschung, oder wechselnder Opportunität geschuldet?
Schwer zu enträtseln. Anderes jedoch weniger.
## Der Anschlag auf die Amia
Am 18.Juli 1994 wurde die argentinische Hauptstadt Buenos Aires von einer
gewaltigen Explosion erschüttert. Der Bombenanschlag galt dem Gebäude der
Amia, der Asociación Mutual Israelita Argentina. Allein bei diesem Attentat
wurden in Südamerika 85 Menschen getötet, über 300 zum Teil schwer
verletzt. Argentinien und die jüdische Gemeinde standen unter Schock.
Langwierige juristische Untersuchungen belegten, dass die Planung des
Anschlags auf Führungszirkel des iranischen Machtapparats zurückgingen. Bei
der Ausführung halfen Agenten der libanesischen Hisbollah. Argentinien
hatte das iranische Atomprogramm in den 1980er Jahren unterstützt, laut
Presseberichten die Lieferung von auf 20 Prozent angereichertem Uran dann
aber 1993 auslaufen lassen.
Als einer der prominenten Drahtzieher des Amia-Attentats gilt [4][Ahmad
Vahidi]. Gegen ihn liegt ein internationaler Haftbefehl vor. Vahidi war in
seiner Karriere iranischer Verteidigungsminister, Innenminister, Chef der
für Auslands- und Spionageeinsätze zuständigen Al-Kuds-Brigade – und seit
März ist er nun der amtierende Chef der Islamischen Revolutionsgarde
(IRGC), des Staats im Staate des Mullahregimes.
## Wer soll jetzt die Klappe halten?
Die Bedrohung durch die in Iran regierenden Schwerverbrecher ist real. Für
die Menschen in der Region ohnehin, aber auch außerhalb. Unangemessen
scheinen von daher Kommentare, die sich auch in dieser Zeitung finden. Mit
Überschriften wie [5][„Einfach mal die Klappe halten“] richten sie sich
gegen die Haltung des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Dessen Präsident, Josef Schuster, hat es gewagt, den Waffengang gegen das
Regime in Teheran zu befürworten. Wie der übergroße Teil der vielen
Millionen Exiliraner sowie wahrscheinlich die Mehrheit der 90 Millionen
Iraner im Land. Sollen diese jetzt [6][alle die Klappe halten?]
Israel, „die“ Juden, sind für Islamisten die globale Chiffre im Kampf gegen
Menschenrechte und Andersgläubige. Antisemitischer Wahn sowie vulgärer
Antiimperialismus sind ihr ideologisches Schmiermittel.
Finster agierende ausländische Mächte – "großer Satan USA" und "kleiner
Satan Israel" – hatten schon die religiösen Führer Irans für sämtliche
Klassenwidersprüche und Ungerechtigkeiten in der Schah-Epoche vor 1979
verantwortlich gemacht. Nur um sich mit göttlichem Recht die Reichtümer des
Landes anzueignen und die Nation zu unterwerfen. Doch damit scheint es nun
zu Ende.
## Gerechter Krieg und Tyrannenmord
Die [7][meisten iranischen Oppositionellen] glauben derzeit wohl kaum, dass
ihre Interessen in jeder Hinsicht deckungsgleich mit denen Israels oder
Amerikas unter Trump sind.
Aber die meisten wissen, dass eine weitgehende Entwaffnung des iranischen
Regimes – und die seiner mörderischen Komplizen Hisbollah und Hamas – die
Voraussetzung für die Chance auf eine friedliche und demokratische
Entwicklung in der Region bilden.
In Iran haben Antisemitismus und Antiamerikanismus abgewirtschaftet. Mit
etwas Glück auch die ideologischen Grabenkämpfe zwischen demokratischen
Linken und säkularen Rechten.
[8][Die tatsächlichen Kräfteverhältnisse] werden sich jedoch wohl erst
einige Zeit nach dem Ende der jetzigen Bombenkampagne zeigen. Wenn die
großen Strukturen des Repressionsapparats zerschlagen sind und ein
demoralisiertes Regime nicht mehr in der Lage sein wird, seine
Repressionskräfte entsprechend zu entlohnen. Der Glaube allein macht auch
diese nicht satt.
15 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rechtsprofessor-Kai-Ambos-ueber-Irankrieg/!6159419
(DIR) [2] https://www.sueddeutsche.de/kultur/voelkerrecht-menschenrechte-wolfgang-kaleck-interview-li.3380210?reduced=true
(DIR) [3] /Reaktion-des-Westens-auf-Lage-im-Iran/!6147042
(DIR) [4] /Neuer-Chef-der-Revolutionsgarden/!6159601
(DIR) [5] /Zentralrat-bejubelt-Irankrieg/!6159480
(DIR) [6] /Filmemacherin-zur-Lage-im-Iran/!6161666
(DIR) [7] https://www.youtube.com/watch?v=yvaTp8ol2hM
(DIR) [8] /Proteste-in-Iran-und-Reza-Pahlavi/!6142336
## AUTOREN
(DIR) Andreas Fanizadeh
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