# taz.de -- Intervention und Völkerrecht: Kosovo liebt die Nato
       
       > 1999 griffen Nato-Streitkräfte in den Kosovokrieg ein. Im Kosovo ist man
       > bis heute dankbar dafür und empfindet große Solidarität mit der Ukraine.
       
 (IMG) Bild: Fassade eines Hochhauses in Prishtina, Kosovo, im Jahr 2026
       
       Der Kosovo hat seinen Namen von der Amsel – auf Serbisch „Kos“. Die
       schwarzen Vögel auf den Bäumen in der Fußgängerzone Prishtinas kreischen
       laut, während die Sonne untergeht. Die Menschen versammeln sich zu dieser
       Stunde, um das Fasten zu brechen. Es ist Ramadan, der überwiegende Großteil
       der Bewohner Kosovos sind muslimische Albaner.
       
       Kinder spielen vergnügt auf den Plätzen im Zentrum der Hauptstadt. Mir
       imponiert die entspannte Atmosphäre. Dabei tobte hier 1998/99 ein Krieg.
       Das zerfallende Jugoslawien unter der Führung des mutmaßlichen serbischen
       Kriegsverbrechers Milošević beanspruchte die volle Kontrolle über das bis
       1989 weitgehend autonome Kosovo.
       
       Dieses wiederum forderte Selbstbestimmung und setzte sich gegen die
       großserbischen Bestrebungen zur Wehr – erst mit gewaltlosem Widerstand,
       dann auch in bewaffneten Kämpfen.
       
       Nachdem es zu gehäuften Verbrechen an der kosovarischen Zivilbevölkerung
       durch serbische Truppen gekommen war, bombardierten Nato-Streitkräfte
       militärische und strategische Ziele Jugoslawiens. Das geschah ohne
       UN-Mandat, denn Russland und China hatten mit einem Veto im Sicherheitsrat
       gedroht.
       
       ## Pflicht zum Schutz
       
       Die Nato wollte mit ihrer Intervention einen Völkermord der Serben an der
       muslimischen Bevölkerung verhindern, wie die Welt ihn wenige Jahre zuvor in
       Bosnien geschehen lassen hatte. 1995 massakrierten Soldaten der Republika
       Srpsk ain Srebrenica 8.000 bosnische Männer.
       
       Für die Intervention ist man im Kosovo, das 2008 seine Unabhängigkeit
       erklärte, bis heute sehr dankbar. Eine Bill-Clinton-Statue ziert den nach
       dem ehemaligen US-Präsidenten benannten Boulevard. Wohl in keinem anderen
       Land liebt man den Westen und die Nato so sehr.
       
       Die Intervention war [1][formal völkerrechtswidrig. Moralisch sei sie
       dennoch richtig gewesen], betont die Journalistin Jeta Xharra, die ich
       abends im Café treffe, nachdrücklich.
       
       Mit 19 fing sie als Fixerin für die BBC an. Heute ist sie eine der
       bekanntesten Journalistinnen Kosovos, leitet das Balkan Investigative
       Reporting Network und hat 2024 anlässlich des 25. Jahrestags des Kriegsende
       das „Reporting House“ eröffnet.
       
       ## Probleme nicht wegträumen
       
       In einem ehemaligen Einkaufszentrum im Herzen Prishtinas ist eine
       Ausstellung zu sehen, welche die journalistische Dokumentation des Krieges
       – man kann sich etwa die Tagesschau-Beiträge aus jener Zeit ansehen – mit
       Fotografien, Artefakten und künstlerischen Arbeiten kombiniert.
       
       Darunter ist die Installation „Don’t Dream Dreams“ der bosnischen
       Künstlerin Lana Čmajčanin. „Gebt euch nicht dem Traum hin, dass der Westen
       kommen und dieses Problem lösen wird. Träumt keine Träume.“
       
       Sie greift in ihrer Arbeit diese Worte des europäischen Sonderbeauftragten
       für Jugoslawien Lord David Owens auf, die er 1992 bei seinem Besuch im
       belagerten Sarajevo an die Bosnier gerichtet hatte. In Neonlettern prangen
       sie vor dem Hintergrund des Motivs eines Ölgemäldes aus dem 19.
       Jahrhundert, das den Bosnienfeldzug Österreich-Ungarns zeigt.
       
       ## Verantwortung der Demokratien
       
       Die Arbeit demonstriert: Niemand im Westen fühlte sich für die Rettung der
       Bevölkerung vor den Serben so recht verantwortlich. Während man
       Bosnien-Herzegowina vor 100 Jahren noch besetzt hielt, weigerte man sich
       nun, zu intervenieren.
       
       Xharra sagt, im Kosovo würden die Menschen große Solidarität mit der
       überfallenen Ukraine empfinden, denn sie fühlten sich an die eigene
       Geschichte erinnert. Wie Belgrad behauptet, Kosovo sei Serbien, meint
       Moskau, die Ukraine sei Russland.
       
       Auch bei den Reaktionen im Westen gibt es Parallelen: Einige westliche
       Linke stellten sich auf die Seite der Serben, während sie den Völkermord an
       den Bosniern verschwiegen und den Widerstand der Kosovaren als
       Nationalismus verunglimpften.
       
       Eine Täter-Opfer-Umkehr, wie man sie [2][heute im Fall der Ukraine
       vernimmt] – ideologische Verblendung unter dem löchrigen, aber noch
       vorhandenen Schutzschirm der Nato.
       
       28 Mar 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yelizaveta Landenberger
       
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