# taz.de -- Die Linke und der Islamismus: Einladung zur Nuancierung
       
       > Welche herrschaftskritischen Theorieangebote zeichnen ein differenziertes
       > Bild des politischen Islam? Anmerkungen zu Vorschlägen von Stephan
       > Grigat.
       
 (IMG) Bild: Komplexe Realitäten: der weltlich orientierte erste Ministerpräsident Irans nach der Revolution, Mehdi Bazargan, neben Khomeini
       
       Wie der aktuelle Krieg gegen den Iran illustriert, scheint ein Teil der
       Linken angesichts einer zunehmend multipolaren Weltordnung
       orientierungslos. Für manche erscheinen die USA und Israel als besondere
       weltpolitische Bösewichte und alle Akteure, die sich ihnen – aus welchen
       Motiven auch immer – entgegenstellen, als irgendwie positive Bezugspunkte.
       
       So protestierten Anfang März ihrem Selbstverständnis nach
       antiimperialistische Gruppen mit Anhänger:innen der islamischen
       Republik in Berlin gegen die Tötung des Diktators Ali Khamenei. Zu diesem
       Zeitpunkt waren die Gewehrläufe der Schergen des Mullah-Regimes von ihrem
       brutalen Massaker an der eigenen Bevölkerung Anfang Januar dieses Jahres
       noch kaum erkaltet.
       
       Wie lässt sich diese Ignoranz angemessen kritisieren? [1][Stephan Grigat
       hat in der taz] kürzlich einen Vorschlag dazu gemacht. Mit diesem sind aber
       eine ganze Reihe von neuen Problemen verbunden, die es verdienen,
       beleuchtet zu werden.
       
       Zunächst einmal stellt sich die Frage, wie weit die linke Politik, die in
       islamistischen Akteuren irgendwelche positiven Bezugspunkte sieht,
       verbreitet ist. Hier scheint zumindest insofern Differenzierung geboten,
       als die [2][wissenschaftliche Untersuchung von Großdemonstrationen] gegen
       das israelische Vorgehen in Gaza im vergangenen Herbst keinesfalls das Bild
       eines weitverbreiteten, gar islamistischen Israelhasses stützt. Und auch
       die in den letzten Monaten wiedererstarkte linke Solidarität mit dem
       antiislamistischen Kampf der Kurd:innen in Syrien lädt zu Nuancierung
       ein.
       
       ## Unschärfe von „Islamogauchisme“
       
       Doch auch von diesen Zusammenhängen abgesehen, ist der aus Frankreich
       stammende und manchmal in diesem Zusammenhang gebrauchte Begriff des
       „islamogauchisme“ denkbar ungeeignet, um Verbindungen von linken und
       islamistischen Akteuren zu fassen. Wie der französische
       [3][Politikwissenschaftler Samuel Hayat] herausgearbeitet hat, suggeriert
       „islamogauchisme“, dass diese Verbindungen „ein kohärentes Ganzes bzw. ein
       politisches Projekt“ ausmachten. Dabei würden Linksradikalismus, Islam und
       Islamismus in äußerst unklarer Weise amalgamiert.
       
       Genau in dieser Unschärfe wurde der Begriff in den letzten Jahren von
       rechten Teilen der französischen Regierung in ihrem Feldzug gegen kritische
       Sozialwissenschaften eingesetzt – nicht unähnlich der hierzulande von AfD,
       Teilen der CDU und dem Netzwerk für Wissenschaftsfreiheit kultivierten
       Moralpanik um Gender Studies und geschlechtergerechte Sprache.
       
       Hayat weist ferner darauf hin, dass „islamogauchisme“ antimuslimischen
       Rassismus, Hetze gegen Linke und Antiintellektualismus miteinander zu
       verbinden erlaube. Die diskursstrategische Funktion sei ähnlich wie bei der
       antisemitischen und antikommunistischen Figur des „jüdischen
       Bolschewismus“.
       
       Welche herrschaftskritischen Theorieangebote können nun gegen den sich
       pauschal auf Seiten der Gegner von USA und Israel schlagenden Teil der
       Linken mobilisiert werden und wie sollte dies geschehen? Grigat hält es mit
       einzelnen Aussagen gesellschaftskritischer „Klassiker“. Dabei lohnt es sich
       durchaus, diese zu hinterfragen – insbesondere im vorliegenden Falle.
       
       ## Der Westen als Leitbild
       
       Nehmen wir Karl Marx’ Aussagen aus einem Artikel aus der New York Daily
       Tribune von 1854, die angeblich einen totalitären und unterdrückerischen
       Charakter des Islams als solchem belegen. In kritischen Zugängen gilt Marx’
       Journalismus dieser Zeit jedoch als problematisch. So hatte er ein Jahr
       zuvor in derselben Zeitung den britischen Kolonialismus in Indien als „das
       unbewußte Werkzeug der Geschichte“ überhöht. Mit ihm solle eine als
       menschliche „Bestimmung“ gefasste, „radikale Revolutionierung der sozialen
       Verhältnisse in Asien“ zu Wege gebracht werden. Kurzum: „die Schaffung der
       materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien“.
       
       Auch in Marx’ Artikel von 1854 hofft der Autor darauf, dass die Ersetzung
       des Korans durch den Code civil „die ganze Struktur der byzantinischen
       Gesellschaft nach abendländischem Muster verändern“ würde.
       
       Diese Vorstellungen vom Westen als Leitbild sozialer Transformation bzw.
       von einer kolonialen Zivilisierungsmission gründen in orientalistischen
       Quellen, etwa dem 1670 verfassten Reisebericht des französischen Arztes
       François Bernier, die von Projektionen westlicher Überlegenheit
       gekennzeichnet sind. Aus diesen Quellen übernimmt Marx die Vorstellung
       einer stagnierenden, abergläubigen und despotischen Gesellschaft in
       „Asien“. Zudem organisiert die von Marx in dieser Zeit postulierte Mechanik
       des Widerspruchs zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen
       eine modernisierungstheoretische Kolonialismuskonzeption, die er vollkommen
       zu Recht in seinem späteren Werk revidieren wird.
       
       Interessanterweise geht Marx in seinen Artikeln der 1850er Jahre genau so
       vor wie Michel Foucault in seinen Essays zur iranischen Revolution von
       1978/79 – Texte, die in der „antisemitismuskritischen Linken“ oftmals als
       Ausweis eines Flirts des Poststrukturalismus mit dem Islamismus gelten.
       Auch Foucault greift tief in die orientalistische Mottenkiste, nämlich beim
       französischen Islamwissenschaftler Henry Corbin. Dieser hatte den
       iranischen Schiismus als rein religiöse Spiritualität begriffen, die sich
       aufgrund ihrer Esoterik grundsätzlich der Politik enthalte.
       
       Genau diese Vorstellung führt dazu, dass Foucault die Artikulation eines
       autoritären politischen Projektes in religiöser Grammatik verkennt. Damit
       entgeht ihm, dass sich im Aufbegehren von 1978/79 ein bestimmter
       politisch-religiöser Akteur durchsetzt: der politische Islam von
       Revolutionsführer Ruhollah Khomeini. Doch die Ähnlichkeit zu Marx
       beschränkt sich nicht darauf, dass der französische Machttheoretiker
       gegenüber seinen Quellen unkritisch bleibt. Wie Ersterer unterlegt Foucault
       seiner Analyse eine Theoriefolie, nämlich die der Ereignishaftigkeit
       gesellschaftlicher Umbrüche und der Gouvernementalität, die ihn die
       hegemoniepolitische Strukturierung bzw. das machtbewusste Agieren der
       Mullahs verkennen lässt.
       
       ## Trennung von Politik und Religion
       
       Auf einer grundsätzlichen Ebene steht bei der Bewertung des Verhältnisses
       der Linken zum Islamismus ein noch weitergehendes Problem auf dem Spiel,
       nämlich der Säkularismus. Und in dieser Hinsicht stellt sich die Frage, ob
       „eine konsequente Trennung von Politik und Religion“ (Lafif Lakhdar)
       überhaupt machbar bzw. aus der Perspektive von Demokratie und gleicher
       Freiheit wirklich erstrebenswert ist.
       
       Sehen wir davon ab, dass die Vorstellung, ein Ineinander von Politik und
       Religion gleiche mittelalterlichen Zuständen, auf einer idealistischen
       Säkularisierungserzählung fußt. Entscheidender ist, dass in der
       Säkularismus-Debatte wichtige Stimmen wie Rajeev Bhargava, [4][Martha
       Nussbaum] und Charles Taylor darauf hingewiesen haben, wie unterschiedlich
       die demokratische Ausgestaltung des Verhältnisses von Politik und Religion
       sein kann. Dabei spielen national unterschiedliche religiöse
       Mehrheitsverhältnisse, die politischen Traditionen der jeweiligen
       Gesellschaften sowie eine Reihe von normativen Prinzipien eine Rolle.
       
       Stichworte sind hier etwa: prinzipiengeleitete Distanz, Gewissensfreiheit,
       gleiche Achtung, Pluralismus, Neutralität. Politische Emanzipation auf die
       Formel einer „Trennung“ zu reduzieren und deren Abwesenheit mit
       mittelalterlichen Verhältnissen gleichzusetzen, ist vor diesem Hintergrund
       gelinde gesagt unterkomplex.
       
       Dagegen wäre eine differenzierte Sicht im Übrigen auch für den politischen
       Islam im Iran angezeigt. So zeigt gerade die Revolution von 1978/79 eine
       Komplexität, die dessen pauschale Verteufelung aus emanzipatorischer
       Perspektive problematisch erscheinen lässt.
       
       ## Verschiedene Akteure und Visionen
       
       Damals standen sich verschiedene islamische Akteure und Visionen gegenüber.
       Etwa jene des kurz vor dem Aufbegehren verstorbenen schiitischen
       Befreiungstheologen Ali Shariati, der Frantz Fanon ins Persische
       übersetzte. Oder die des Leiters der iranischen Gesellschaft für
       Menschenrechte und Schah-Gegners Mehdi Bazargan. Letzterer wurde nach der
       Revolution zum ersten Premierminister, trat bald aber unter Protest gegen
       zunehmenden Staatsterrorismus Khomeinis und seiner Gefolgsleute zurück und
       blieb bis zu seinem Tode 1995 Gegner eines Gottesstaates.
       
       Wenn die Linke allzu einfache Antworten vermeiden will, sollte sie sich
       derartigen komplexen Realitäten stellen
       
       26 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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