# taz.de -- Filmemacherin zur Lage im Iran: „Für uns gibt es keinen Weg zurück“
       
       > Die Welt nicht länger in Gut und Böse einteilen, dafür plädiert die
       > Regisseurin Narges Kalhor. Sie hofft zudem, dass das Mullah-Regime von
       > selbst aufgibt.
       
 (IMG) Bild: Jubel nach dem Angriff auf Teheran vor dem Brandenburger Tor, Berlin, 1. März
       
       Die iranische Filmemacherin Narges Kalhor lebt seit 17 Jahren im Exil in
       Deutschland. Im taz-Gespräch, das am 4.3. geführt wurde, erklärt sie, warum
       der westliche Blick auf den Iran und seine Menschen seit Jahrzehnten am
       Thema vorbeizielt – und was es bedeutet, wenn ein Volk Bombardierung dem
       eigenen Regime und seiner Willkür vorzieht. 
       
       taz: Frau Kalhor, wann und wo haben Sie vom Beginn der US- und israelischen
       Angriffe auf die Islamische Republik erfahren – und was waren Ihre ersten
       Gedanken? 
       
       Narges Kalhor: Ich habe es fast gleichzeitig mit den Menschen im Iran
       erfahren. Es war ein Samstag. In unserer Chat-Gruppe hatten wir schon
       vorher geschrieben: Alle wissen, dass dieser Moment kommt. Und trotzdem
       mussten die Menschen ihre Kinder zur Schule bringen, sind zur Arbeit
       gegangen. Meine beste Freundin war mitten in Teheran, als die ersten Bomben
       fielen. Sie konnte nicht weg. Die Eltern rannten los, um ihre Kinder aus
       den Schulen zu holen. Diese erste Stunde, diese erste Nacht, die haben wir
       alle gemeinsam erlebt, hier wie dort.
       
       taz: Ihr Film „Shahid“, der auf der Berlinale 2024 seine Uraufführung
       hatte, beschäftigt sich mit einem Begriff, der in der islamischen Theologie
       wie in der iranischen Revolutionsbewegung eine besondere Rolle spielt. Hat
       das Wort „Shahid“ – Märtyrer – in der aktuellen Situation eine neue
       Bedeutung für Sie?
       
       Kalhor: Man muss in Europa zunächst begreifen: 1979, mit der Machtübernahme
       Chomeinis, wurde der Iran zum Zentrum der schiitischen Welt. Das ist keine
       islamische Ideologie im allgemeinen Sinne – es ist eine spezifisch
       schiitische. Aus westlicher Perspektive macht man diesen Unterschied oft
       nicht. Aber er ist entscheidend. Ich bin Exilantin seit 2009, seit der
       Grünen Bewegung. Damals wollten wir keinen Regimewechsel. Wir wollten nur,
       dass unsere Stimmen gezählt werden. Ab diesem Moment hat das Regime die
       Menschen im Iran von der Außenwelt abgeschnitten. Ab diesem Moment hat das
       Regime uns sein wahres Gesicht gezeigt. Die waren aber schon ab 1979 so.
       Wir waren sehr naiv. Die IRGC (Islamische Revolutionsgarden, Anm. d. Red.)
       kontrolliert seither Wirtschaft, Universitäten, alles. Und das Wort
       „Shahid“ ist für uns zur Schande geworden, weil das Regime es sich
       angeeignet hat. Wenn heute 20.000 bis 30.000 Menschen ermordet werden,
       nennen die Iraner ihre Toten nicht „Shahid“. Sie sagen „Javid Nam“ – aus
       dem Altpersischen: unsterblich. Die Menschen distanzieren sich auch
       sprachlich vom Regime.
       
       taz: Seit dem Wochenende sind Bilder aus deutschen Städten zu sehen:
       jubelnde Iraner, Menschen, die den Tod von Chamenei feiern. Können Sie
       erklären, warum dieser Krieg bei vielen Exiliranern diese Gefühle auslöst –
       und keine Verurteilung?
       
       Kalhor: Wir müssen aufhören, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen. Kein
       Mensch kann sich über Krieg freuen. Militärische Interventionen führen
       nicht zwangsläufig zur Demokratie. Aber man muss den Standpunkt dieser
       Menschen verstehen. Meine Mutter hat mir kurz vor den Angriffen gesagt: Ich
       bevorzuge eine israelische oder amerikanische Bombe, als dass [1][mich das
       Militär der Islamischen Republik auf der Straße erschießt] – und danach
       meiner Familie Tausende Euros (ich weiß den Preis nicht genau!) abverlangt,
       um meinen Leichnam auszuhändigen. Das ist der Zustand, in dem die Menschen
       im Iran leben. Mein Schmerz ist ein anderer: Die Menschen, die jetzt gegen
       den Krieg laut werden, waren jahrelang still, wenn wir von den Toten auf
       den Straßen Irans erzählt haben, von den Hinrichtungen.
       
       taz: Der Krieg wird von den meisten Völkerrechtler*innen in
       Deutschland als völkerrechtswidrig eingeordnet. Wie stehen Sie zu dieser
       Debatte?
       
       Kalhor: Ich frage mich, wo diese Menschen waren, als es um das Völkerrecht
       im Iran ging. Ich lebe seit 17 Jahren im Exil. Ich bin 1984 geboren –
       mitten im Iran-Irak-Krieg, in dem über eine Million Menschen starben. Das
       Völkerrecht war das Letzte, was in meinem Land in den vergangenen 47 Jahren
       respektiert wurde. Die deutschen Bundespräsidenten haben dem islamischen
       Regime jahrelang die Hände geschüttelt. Wo waren da all jene Stimmen, die
       jetzt nach dem Völkerrecht rufen?
       
       taz: Was hören Sie gerade aus dem Iran – von Freunden, von Ihrer Familie?
       
       Kalhor: Seit der Niederschlagung der Aufstände herrscht tiefe Depression.
       Das Regime tut so, als ob das Leben einfach weitergeht. Die Raketen, die
       jetzt in Richtung verschiedener Länder verschossen werden, kommen aus den
       Steuergeldern der Bevölkerung – und aus dem Ölgeld, das nie bei ihr ankam.
       Viele haben gehofft, dass von außen Hilfe kommt. Doch niemand möchte in
       einem Land leben, das bombardiert wird. Man muss nur verstehen, wie weit
       ein Volk gekommen sein muss, um das zu bevorzugen. Wenn ich jetzt mit Ihnen
       spreche, zittere ich, obwohl ich in einem sicheren Land bin.
       
       taz: Sie haben berichtet, dass sich die IRGC in Schulen und Krankenhäusern
       verschanzt. Von welchen Praktiken erfahren Sie noch?
       
       Kalhor: Diese Informationen stammen aus direkten Gesprächen. Menschen rufen
       aus den Fenstern „Nieder mit dem Diktator“ – und werden erschossen. Viele
       haben keinen Internetzugang und wissen nicht, welche Stadtteile gerade
       bombardiert werden. Krebskranke wissen nicht, in welches Krankenhaus sie
       gehen sollen, weil einige Kliniken als Schutzräume für das Regime dienen.
       Viele bleiben zu Hause und hoffen, dass ihr Nachbar kein IRGC-Mitglied ist
       und keine Rakete in ihr Heim einschlägt.
       
       taz: Ist der Wille der Bevölkerung nach all dem noch ungebrochen?
       
       Kalhor: Wir haben keine andere Wahl. 2009 wollten viele von uns noch keinen
       Regimewechsel, wir wollten nur, dass unsere Stimmen zählen. Im Rückblick
       waren wir naiv. Und wenn man bedenkt, dass dieses Regime noch keine
       Atombombe besitzt, … man muss nur einen Moment darüber nachdenken, was
       wäre, wenn es eine hätte. Für uns gibt es keinen Weg zurück.
       
       taz: Kritiker sagen, es gibt keine kohärente Oppositionsbewegung, keinen
       Plan für den Tag danach.
       
       Kalhor: Die Menschen im Iran wissen sehr wohl, was sie wollen. Das Regime
       hat 47 Jahre daran gearbeitet, dass keine Opposition entsteht. Zu sagen:
       Zeigt uns euren Plan – das ist eine Falle. Wir wissen etwa nicht einmal
       genau, wo eine wichtige Persönlichkeit wie die [2][Menschenrechtsaktivistin
       Narges Mohammadi] gerade inhaftiert ist. Viele wichtige Stimmen existieren.
       Wir hören sie nur nicht. Das wird sich ändern, wenn das Regime weg ist.
       
       taz: Gibt es einen Konsens in der iranischen Diaspora – zwischen
       Demokraten, Monarchisten, den verschiedenen politischen Lagern?
       
       Kalhor: Ich habe gelernt, meine eigene politische Überzeugung
       beiseitezulegen. Die Priorität liegt bei den Menschen im Iran, bei denen,
       die das Land nie verlassen konnten. Unabhängig davon, aus welcher Richtung
       wir kommen, teilen wir dieselbe Sorge. Das verbindet uns. Der Grund, warum
       wir hier sind – abgesehen von jenen, die Kinder des Regimes sind, die jetzt
       ebenfalls unter uns leben, man kann sie nicht immer erkennen –, ist
       derselbe: Wir hatten kein wirkliches Heimatland, in dem wir hätten leben
       können. Sonst wären wir nicht hier. Ich müsste keine Drehbücher auf Deutsch
       schreiben. Unser gemeinsames Ziel ist, dass dieses Regime nicht mehr
       existiert. Was die Menschen im Iran sich für ihre Zukunft wünschen, ist
       ihre Entscheidung. Ich maße mir nicht an, das von hier aus festzulegen. Ich
       habe einen deutschen Pass, ich habe immer einen Ausweg. Das ist ein
       Privileg, das ich mir bewusst machen muss.
       
       taz: Was wäre der beste Fall, den Sie sich für den Iran vorstellen? 
       
       Kalhor: [3][Dass die IRGC so bald wie möglich aufgibt] und nicht die
       gesamte Region mit sich in den Abgrund zieht. Und danach: dass der
       solidarische Zusammenhalt, den ich mit meinen eigenen Augen sehe –
       Nachbarn, die aufeinander aufpassen –, bleibt, trotz aller politischen
       Unterschiede. Dass die Menschen nach so viel Trauer gemeinsam über ihre
       nächste Regierung entscheiden können. Eine Freundin im Iran hat mir etwas
       gesagt, das mir sehr im Gedächtnis geblieben ist: Sie wünscht sich, dass,
       wenn eine neue Regierung kommt, Kritik nicht wieder mit Gewalt beantwortet
       wird. Dass niemand mehr erschossen wird, nur weil er widerspricht. Und dass
       es keine weitere Revolution mehr braucht – das wäre zu viel für ein Volk in
       einem Jahrhundert.
       
       11 Mar 2026
       
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