# taz.de -- Iranischer Rapper Konari im Exil: „Die Stimmung könnte kippen, wenn es mehr zivile Opfer gibt“
       
       > Der Rapper Behrad Ali Konari konnte Iran 2026 verlassen. Er war dort
       > mehrfach im Gefängnis – auch, weil Rap oft Slogans für die
       > Protestbewegung liefert.
       
 (IMG) Bild: Empfindet das Exil in Deutschland als Niederlage: der iranische Rapper Behrad Ali Konari
       
       taz: Behrad Ali Konari, in Ihrem Video ‚Mr. President‘ reimen Sie: „Im
       Namen Gottes. Ich bin der Präsident. Und Ihr werdet alle reich. Durch
       Diebstahl. Gib mir deine Stimme. Ich geb dir gratis Wasser und Strom. Und
       gründe ein Rap-Ministerium. Dann gehst du bei den Fans für mich sammeln.“
       Hat dieser Song das Mullahregime dazu veranlasst, Sie mehrmals zu
       verhaften?
       
       Behrad Ali Konari: Als das Video 2020 viral ging, machte es mich auch über
       die Grenzen Irans hinaus bekannt. Auch wegen anderen Songs war ich
       verhasst. In „Mr. President“ karikiere ich die Mächtigen im Land: Wie sie
       Menschen wegen Lappalien hinter Gitter bringen. Wie sie Brot, Reichtum und
       Wohlstand versprechen, ohne dass dies die Menschen bis heute erreicht.
       Neben den Rapvideos bin ich ab 2017 auch auf die Straße gegangen und habe
       demonstriert. Wegen beidem bin ich mehrmals verhaftet und gefoltert worden.
       Und, weil Rapmusik immer Slogans für die Protestbewegung lieferte.
       
       taz: Um welche Slogans handelt es sich denn? 
       
       Konari: Rapper sind seit langem ein aktiver Teil der iranischen
       Protestbewegung. Wichtiger als die eigene Popularität auf Social Media ist
       mir persönlich, wofür ich meine Beliebtheit als Künstler einsetze. Das
       Regime verbietet Rap nicht grundsätzlich. Aus ihrer Sicht unterscheiden sie
       zwischen zwei Fraktionen. Probleme bekommen jene Rapper, die Missstände
       offen in ihren Reimen anprangern. Ihre Texte sind es, die wiederum Slogans
       bei den Demonstrationen der letzten Jahre beeinflusst haben. Viele Parolen,
       die aktuell auf den Demos gerufen werden, stammen aus Rapsongs. Manche
       werden sogar zu Graffitis an Hauswänden. So haben wir Rapper die
       Protestkultur beeinflusst.
       
       taz: Wie sind Sie zum Rap gekommen und was daran hat sie beeinflusst? 
       
       Konari: Als Teenager in Iran haben mich Poesie und Literatur zunächst mehr
       angezogen. Musik kam erst später. Zuerst waren es da die Songs von
       US-Rapper Tupac. Kurz darauf gab es die ersten persischen Rapper, Künstler
       wie Hietschkas. Ihre Texte beeinflussten auch mein künstlerisches Denken.
       Von ihnen habe ich gelernt, feste Regeln und starre Strukturen nicht zu
       beachten, wenn ich mich eigenständig ausdrücken wollte. Ich begann dadurch,
       freier und ungezwungener über mich selbst zu reden und auch
       gesellschaftliche Umstände in meinen Texten offen anzusprechen. In vielem
       war ich ein Autodidakt: ob bei der Produktion mit Musiksoftware oder
       stilistisch, in meinem Sound. Er ist melodiös, klassische Gitarren sind für
       mich kein Tabu. Mein Stil verleugnet seine Herkunft nicht. Ich habe mich
       bei meinem Do-it-yourself schrittweise professionalisiert. Ein Song und
       Video ist eine Koproduktion mit dem italienischen Rapper Shark. Inzwischen
       ist Rap für mich ein Werkzeug im Kampf für Gerechtigkeit. Und als Stimme
       für jene, die keine Stimme haben können unter den aktuellen Umständen.
       
       taz: Sie sind wegen Ihrer Musik insgesamt mehr als zwei Jahre in Haft
       gewesen. Zwei Ihrer Freunde, die mit Ihnen im Knast waren, wurden 2022
       gehängt. Was hat das mit ihnen gemacht? 
       
       Konari: Es waren meine besten Freunde, die ermordet wurden. Man zwang mich
       immer wieder, ihre Leichen anzusehen. Sie sollten ein falsches Geständnis
       unterschreiben, haben sich aber bis zuletzt standhaft geweigert. Ihre
       Furchtlosigkeit bewundere ich. Auch ich war in der Haft Psychoterror
       ausgesetzt. „Du bist als nächstes dran“, bekam ich zu hören. Vom
       Geheimdienst wurde ich während 35 Tagen gefoltert. Bei den Verhören, zu
       denen man mich zerrte, war es Standard, dass man mich und die anderen
       Häftlinge auf den Boden zwang, Hände auf dem Rücken gefesselt. Die Füße
       waren in Ketten gelegt und dann zogen sie uns die Decke hoch, wie
       Schlachtvieh. Nur unser Gesicht hatte noch Kontakt zum Boden. Das war eine
       besonders brutale Methode. Folter bedeutet für die Opfer jeden Tag
       Überlebensmodus. Es ist ein Kampf. Du musst schauen, dass du bis zum
       nächsten Morgen überlebst.
       
       taz: Der Krieg zwischen USA, Israel und Iran hat auch die Lage in den
       iranischen Gefängnissen verschärft, in denen weitere Rapper einsitzen. Was
       hören Sie aus Ihrer Heimat? 
       
       Konari: Die Häftlinge bekommen die prekäre Lage im Land besonders zu
       spüren. Wenn ein Gefängnis bisher Platz für 5.000 Insassen hatte, ist es
       jetzt mit 15.000 Insassen überfüllt. Alle müssen sich die Essensrationen
       teilen.
       
       taz: Kurz bevor die landesweiten Proteste am 8. Januar 2026 blutig
       niedergeschlagen wurden, konnten Sie das Land verlassen. Wie ist Ihnen dies
       gelungen? 
       
       Konari: Ich konnte mit einem Visum über Istanbul nach Deutschland
       ausreisen. Dank einer humanitären Intervention durch eine deutsche
       Hilfsorganisation in Berlin. Sie hatte mir das bereits vor drei Jahren
       angeboten. Damals lehnte ich ab, weil ich überzeugt war, ich könne in Iran
       die nötige Veränderung bewirken. Zuletzt wurde der Druck auf meine Familie
       wegen meiner Bekanntheit als Rapper so groß, dass ich mich entschlossen
       habe, das Visum anzunehmen. Damit wenigstens der Terror gegen meine Familie
       endet.
       
       taz: Es gab bereits 2023 Solidaritätsveranstaltungen für Ihre Musik in
       Deutschland. Damals saßen Sie in Iran im Gefängnis. Hat Ihnen das geholfen? 
       
       Konari: Deutsche Medien und die Zivilgesellschaft haben damals meinen Fall
       öffentlich gemacht. Das hat mich vor Schlimmerem bewahrt. Öffentlichkeit
       schaffen ist mit das Sinnvollste, was man jetzt von hier aus tun kann. Es
       kann unter Umständen sogar helfen, Todesurteile zu verhindern, weil Druck
       auf das Regime ausgeübt wird.
       
       taz: Bei einem Ihrer ersten Auftritte in Deutschland Anfang März in Köln
       sollten Sie vier Songs singen, haben aber nur zwei geschafft. Warum? 
       
       Konari: Bereits vor dem Konzert hatte ich 90 Minuten ausführlich über meine
       [1][Foltererfahrungen in Iran] berichtet. Das hat mich sehr mitgenommen.
       Die Anspannung übertrug sich auch auf einen Teil des Publikums. Es flossen
       Tränen. Und auch bei mir. Ich habe auch aus meinem neuen Gedichtband
       gelesen. Es war der Abend des 28. Februar, als der Angriff der USA und von
       Israel auf Iran begann. Ich hätte mir gewünscht, dass wir keine
       Intervention von außen brauchen, um Veränderungen im Inneren
       herbeizuführen. Aber das steht jetzt nicht mehr zur Debatte.
       
       taz: Glauben Sie denn weiterhin an einen Regime-Change in Iran, oder wird
       der Krieg, je länger er dauert, das Mullahregime eventuell wieder stärken? 
       
       Konari: Meine [2][Hoffnung ist unverändert, dass die Bomben am Ende doch
       einen Regime-Change] erwirken könnten. Momentan herrschen Chaos und
       Unsicherheit. Die unsichere Lage macht die Menschen verrückt, es ist ein
       Bangen zwischen Hoffnung und Angst.
       
       taz: Wie erlebt die eh schon geschundene Bevölkerung die Bombenangriffe,
       wodurch weitere zivile Opfer zu beklagen sind? 
       
       Konari: Die Stimmung in Iran könnte deshalb durchaus kippen, wenn es immer
       mehr zivile Opfer gibt. Ein Leben in Würde ist so erschwert.
       
       taz: Im Moment leben Sie im bayerischen Dillingen. Bis vor wenigen Tagen
       waren Sie als einziger Bewohner in einem Flüchtlingsheim untergebracht. Wie
       kam es dazu? 
       
       Konari: Ab und an hat sich das wie Einzelhaft angefühlt. Ich habe gefühlt
       ein halbes Leben in Haft verbracht. In der Unterkunft fing ich deshalb an,
       mit mir Selbstgespräche zu führen. Um sicherzugehen, dass meine Stimmbänder
       noch funktionieren und dass ich noch rappen kann. Mittlerweile habe ich
       aber eine Bleibe in Dillingen gefunden. Das Exil in Deutschland empfinde
       ich als eine Niederlage. Lieber wäre ich zu Hause in Iran und würde neue
       Songs schreiben. Aber die Rückkehr ist nur denkbar, wenn es kein Haftrisiko
       gibt. Bis dahin versuche ich, von Deutschland aus Konzerte zu machen und
       neue Musik zu komponieren.
       
       8 Apr 2026
       
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