# taz.de -- Wolfram Weimer und die Buchbranche: Chronik eines Desasters
       
       > Ein Kulturstaatsminister, der zur Buchmesse die Buchbranche geschlossen
       > gegen sich aufbringt, hat ein Problem. Und ist selbst eines. Wie es dazu
       > kam.
       
 (IMG) Bild: Nicht nur er fasst sich an die Stirn: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer
       
       Ein Kulturstaatsminister, der auf einer Buchmesse nur pflichtschuldig
       empfangen wird – das ist in der Vergangenheit schon mal vorgekommen. Doch
       ein Kulturstaatsminister, der auf dieser Kulturveranstaltung mit solch
       massiven Protesten rechnen muss, dass er lieber gleich Veranstaltungen
       absagt und sogar streichen lässt, so wie das Wolfram Weimer bei der Vergabe
       des Buchhandlungspreises praktiziert – das gab es bislang noch nie.
       
       Es ist ein kulturpolitisches Desaster. Weimer hat es sich voll und ganz
       selbst zuzuschreiben.
       
       Wer sich vergegenwärtigen möchte, wie es zustande kam, sollte bei der
       Frankfurter Buchmesse des vergangenen Herbstes beginnen. Da stand die
       Vergabe der Verlagspreise an, wie die Verleihung der Buchhandlungspreise
       für Kulturpolitiker eigentlich ein schöner Routinetermin. Hände schütteln.
       Interesse zeigen. Wohlwollende Berichterstattung war garantiert.
       
       Doch in diesem Herbst fuhr das Rechtsaußen-Magazin Nius eine
       [1][unappetitliche Kampagne] gegen die linken Verlage Verbrecher sowie
       Edition Nautilus, die Preise bekommen sollten, und man wusste nicht, wie
       sich Weimer, der da noch nicht lange im Amt war, verhalten würde.
       
       Er hielt sich dann sogar ganz gut und stand zu den Juryentscheidungen.
       Hinterher gab es in der Szene Stimmen, ob man mit ihm nicht doch auskommen
       könnte, [2][trotz aller Bedenken.]
       
       ## Zweifel an Fachjurys
       
       Doch im Kulturstaatsministerium selbst scheint die Kampagne von Rechtsaußen
       Spuren hinterlassen zu haben. Es spricht jedenfalls einiges dafür, dass
       intern Zweifel am Prinzip der unabhängigen Fachjurys aufkamen. Zweifel, die
       bei der nächsten Gelegenheit, dem Buchhandlungspreis, dafür sorgten, die
       Auswahl der Jury noch einmal zu überprüfen. Mit dem Ergebnis, die drei
       linken Buchhandlungen Rote Straße, Zur schwankenden Weltkugel und The
       Golden Shop klammheimlich von der Preisträgerliste zu streichen.
       
       Zur Vorgeschichte des Desasters gehört aber auch die diesjährige Berlinale.
       Direkt hat die Debatte um die mögliche Entlassung ihrer Chefin Tricia
       Tuttle zwar nichts mit dem Buchhandlungspreis zu tun, aber mittelbar dann
       eben doch und atmosphärisch erst recht. Dass in Weimers Agenda die
       Unabhängigkeit kultureller Institutionen, gelinde gesagt, nicht
       allerhöchste Priorität hat, wurde spätestens nach der Berlinale sehr
       deutlich.
       
       So war die Gemengelage, als am 4. März der Bericht in der SZ erschien, der
       die Streichungen der drei Buchhandlungen publik machte, übrigens, auch das
       sollte gesagt werden, eine klassische Recherche der Kollegen, die in Zeiten
       der sozialen Medien bei aller Bestimmtheit etwas wohltuend Unaufgeregtes
       hatte. Um so brisanter konnte der Inhalt wirken.
       
       Möglicherweise hatte man im Kulturstaatsministerium geglaubt, es würde
       schon keiner merken. Möglicherweise hatte man auch gedacht, selbst wenn es
       öffentlich wird, sie könnten damit schon durchkommen. Schließlich geht es
       um drei kleine, linke Buchhandlungen, das würde nur die innere Szene
       interessieren.
       
       ## Folgen maßlos unterschätzt
       
       Auf jeden Fall haben sie maßlos unterschätzt, was dann tatsächlich geschah.
       Die einschlägigen Branchenvertreter protestierten heftig. Der PEN Berlin,
       der Börsenverein des Buchhandels, die Kurt-Wolff-Stiftung – die man
       allesamt ganz gewiss nicht als linke Sektierer abtun kann – schlugen Alarm.
       Viele Verlage schlossen sich an. Und was selten geschieht: Auch unter den
       Feuilletons herrschte Konsens. Selbst die Welt schlug sich, wenn auch mit
       einer guten Woche Verzögerung, auf die Anti-Weimer-Seite. Die Pressespiegel
       in seinem Haus müssen sich krass angefühlt haben.
       
       Der Punkt: Es geht eben keineswegs nur um die drei Buchhandlungen. Vielmehr
       stellt Weimer das bislang gültige kulturpolitische Modell insgesamt in
       Frage. Dass staatliche Gelder von unabhängigen Jurys, die nach fachlichen
       Gesichtspunkten zusammengesetzt werden, verteilt werden, und zwar nach
       kulturellen Kriterien, bildet das Fundament dieses Modells. Der
       Kulturstaatsminister hat es nun beschädigt.
       
       Er hat die Jury des Buchhandlungspreises beschädigt. Welcher seriöse
       Kulturmensch soll sich jetzt noch in so eine Jury setzen? Und er hat auch
       den Preis beschädigt. Er verliert seinen kulturellen Wert. Er wird zu einem
       Instrument in der politischen Auseinandersetzung. Und das bei einem
       Staatsminister, der sich selbst als konservativ im guten Sinne sehen mag,
       der aber tatsächlich antilinke Ressentiments bedient.
       
       Von da an gab es im Vorfeld der Buchmesse immer wieder neue Ereignisse, die
       Meldungen produzierten und die Sache am Köcheln hielten. Die Jury des
       Preises knickte keineswegs ein, sondern [3][beharrte auf ihrer Liste,] die
       auch die drei ausgesonderten Buchhandlungen umfasste.
       
       ## Parolen wie „Deutschland verrecke“
       
       Dann verteidigte Weimer deren Streichung außerordentlich ungeschickt.
       „Meine Position dazu ist klar: keine Steuergelder für Extremisten“, lässt
       er sich zitieren und erläuterte das damit, dass, wer Parolen wie
       „Deutschland verrecke“ verbreite, nicht preiswürdig sein könne.
       
       Nun findet sich dieser Spruch, mit dem Zusatz „bitte“, tatsächlich neben
       anderen auf der Fassade der Buchhandlung [4][The Golden Shop:] „Deutschland
       verrecke bitte“ steht da. Im Bremer Szeneviertel vermitteln diese Graffiti
       aber zuallererst das Signal, dass die Gentrifizierung hier noch nicht
       angekommen ist. Außerdem zitiert der Spruch einen Song der Punkband Slime,
       der seinerseits auf die reaktionäre Wendung „Deutschland muss leben, auch
       wenn wir sterben müssen“, die am Kriegerdenkmal in Hamburg-Dammtor prangt,
       reagiert.
       
       Die 2. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts hat am 3.
       November 2000 entschieden, dass der Song unter die Kunstfreiheit fällt.
       Ausdrücklich heißt es in der Urteilsbegründung: „Das Lied ‚Deutschland muss
       sterben‘ ist Kunst im Sinne dieses Grundrechts.“ Das nährt den Verdacht,
       dass das Kulturstaatsministerium willkürlich und nach eigenem Gutdünken
       entscheiden zu können meint, was extremistisch ist. Das Verfassungsgericht
       sieht es anders.
       
       Dann zog das Kulturstaatsministerium [5][die Notbremse.] Es sagte die
       Verleihung des Buchhandlungspreises ab, die für den 19. März, den
       Donnerstag der Leipziger Buchmesse, angesetzt war. Begründung: Eine
       „angemessene Würdigung“ der Preisträger sei nicht mehr möglich.
       
       ## Zu erwartender Protest
       
       So etwas schreiben Kommunikationsprofis, wenn sie krampfhaft eine
       Formulierung suchen, um möglichst ungeschoren aus einer verfahrenen Sache
       herauszukommen. Tatsächlich aber ist anzunehmen, dass sich Weimer nicht dem
       zu erwartenden Protest von Buchhändlerinnen und Buchhändlern sowie
       Branchenvertretern aussetzen will. Ein Kulturstaatsminister, der auf einer
       Buchmesse ausgepfiffen wird, so was produziert keine guten Bilder.
       
       Und wieder hat Weimer aber offenbar die Reaktionen unterschätzt. Als die
       Absage publik wurde, ging ein kollektives empörtes Aufstöhnen durch die
       sozialen Medien. Die Vertreter der Buchbranche fühlten sich jetzt nicht nur
       herausgefordert, sie fühlten sich von der Kulturpolitik missachtet.
       
       Dazu muss man wissen, wozu der Buchhandlungspreis da ist. Es geht um Geld,
       klar. Es geht aber auch um Anerkennung. Ausgezeichnet werden damit kleine,
       inhabergeführte, inhaltlich engagierte Buchhandlungen. Dahinter stehen
       Menschen, die sich mit ihrem Beruf identifizieren, die fürs Lesen und für
       Bücher brennen. Und sie sollen jetzt mit einer per Post zugestellten
       Urkunde und einem schnöde überwiesenen Preisgeld abgespeist werden? Was
       wohl in der Betreffzeile der Überweisung steht? Herzliche Grüße, Ihr W.
       Weimer?
       
       Der Solidarisierungseffekt innerhalb der Branche war spätestens jetzt groß.
       Die drei gecancelten Buchhandlungen meldeten sowieso schon Umsätze wie
       sonst nur im Weihnachtsgeschäft. Nun flogen ihnen von allen Seiten die
       Solidaritätsadressen zu. Der Hanser-Verlag, der ja nun wirklich so seriös
       ist wie nur irgendwas, kündigte an, auf der Messe eine Party zu
       organisieren und dazu ausdrücklich alle 118 Buchhandlungen einzuladen, die
       auf der ursprünglich Preisliste standen.
       
       ## Die Unwahrheit verbreitet
       
       Mit alledem noch nicht genug. Zu guter Letzt kam noch heraus, dass das
       Kulturstaatsministerium auch noch [6][die Unwahrheit verbreitet hat.] In
       den Absagemails an die drei Buchhandlungen behauptete es, sie seien von der
       Jury des Preises „leider“ nicht berücksichtigt worden. Das ist schlicht
       eine Lüge. Die Buchhandlungen wurden nachträglich aussortiert. Selbst wenn
       das nur eine Ungeschicktheit seitens des Kulturstaatsministeriums gewesen
       sein sollte – was soll man dem Haus jetzt noch glauben?
       
       Spätestens jetzt hagelte es Rücktrittsforderungen. Wie man mit diesem
       Kulturstaatsminister im Kulturbereich vertrauensvoll zusammenarbeiten soll,
       ist tatsächlich unklar. Die Bundesregierung wies einen Rücktritt aber von
       sich. „Herr Weimer nimmt seine Aufgabe mit der vollen Unterstützung der
       Bundesregierung wahr“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher
       Steffen Meyer.
       
       Da stellt sich die Frage, worin diese Aufgabe eigentlich besteht. Soll
       Wolfram Weimer die Kulturszene fördern? Oder soll er sie unter Kontrolle
       bringen? Eine weitere Recherche der SZ legt letzteres nahe. Ihr zufolge rät
       das Bundesinnenministerium unter dem Minister Alexander Dobrindt, das
       umstrittene Haber-Verfahren, das bei staatlichen Geldern eine Anfrage beim
       Verfassungsschutz vorsieht, obligatorisch zu nutzen.
       
       Und nicht nur das. Das Ganze soll auch heimlich ablaufen. Die SZ schreibt:
       „Unter allen Umständen – darauf drängt Dobrindts Haus ausdrücklich – soll
       vor ‚Förderempfängern‘ verheimlicht werden, dass es eine Abfrage beim
       Verfassungsschutz gab.“ So wie es das Kulturstaatsministerium ja auch
       versucht hat.
       
       ## Auch Bibliotheken in Aufruhr
       
       Wolfram Weimer dagegen versichert, dass solche Abfragen nur in
       Ausnahmefällen stattfinden werden. Vielleicht glaubt er sich solche
       Aussagen in dem Moment, in denen er sie sagt, sogar selbst. Aber wird er
       sich nächste Woche daran erinnern? Und weiß er eigentlich, was er da sagt?
       
       Das Desaster jedenfalls ist perfekt, die Schlusspointe aber kommt noch.
       Denn Weimer setzt in dieser Situation sogar noch einen drauf und versetzt
       auch noch die Bibliothekenszene in Aufruhr. Den lange geplanten
       Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig kippt er, weil
       bald sowieso nur noch digitale Medien zählen.
       
       Ein weiteres fatales Signal – und das nicht nur vor der Leipziger
       Buchmesse. Die Frage ist: Interessieren Weimer nur seine eigenen Bücher?
       
       13 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Verlagspreisverleihung-in-Frankfurt/!6117769
 (DIR) [2] /Kommender-Kulturstaatssekretaer-Weimer/!6085041
 (DIR) [3] /Ausschluss-vom-Buchhandlungspreis/!6160945
 (DIR) [4] /Ausschluss-vom-Buchhandlungspreis/!6160382
 (DIR) [5] /Buchhandelspreis-ohne-Verleihung/!6161306
 (DIR) [6] /Affaere-um-Buchhandlungspreis/!6161668
       
       ## AUTOREN
       
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