# taz.de -- Berufswahl bei Jugendlichen: Wenn du deinen Traumjob nicht machst, macht ihn wer anders
> Studier was Richtiges, hören junge Personen oft und damit sind selten
> Geisteswissenschaften gemeint. Obwohl man da kritisch denken lernt. Ein
> Plädoyer.
(IMG) Bild: Wer zu spät kommt, der verpasst das Beste, auch bei der Arbeit
Wenn du schon studieren willst, dann studier was Vernünftiges. Eine
Geisteswissenschaft zum Beispiel. Oder bewirb dich an einer
Kunsthochschule. Gib deinem Leben einen Sinn. Investment-Banking ist es
nicht.
Ich habe schon einiges bereut. Aber mein Studium der Kulturwissenschaften?
Niemals. Es war so breit, dass ich mein Arbeitsleben immer wieder an meine
Interessen anpassen konnte, aber konkret genug, dass ich weiß, was ich
gelernt habe und wie ich es in Beruf und Alltag einsetzen kann.
Vor allem habe ich viel von dem gelernt, was ich zum Glücklichsein und für
ein selbstbestimmtes Leben brauche. Keine*r meiner Kolleg*innen hat
eine Midlife-Crisis. Nicht nur, weil sich kaum jemand einen Sportwagen
leisten könnte, sondern weil es keine Vorhersehbarkeit oder Routine gibt,
aus der man ausbrechen müsste.
## Brotlosigkeit der Kunst ist keine Regel
Immer, wenn es der Wirtschaft schlecht geht, sollen junge Leute dazu
verführt werden, gegen ihre Interessen zu handeln, ihre Träume zu opfern
und einen Beruf zu ergreifen, der nicht ihrer Leidenschaft entspricht. Das
ist ein schlechter Rat. Macht lieber euer Hobby zum Beruf. Aber sucht euch
dann ein neues Hobby. Man braucht ein Hobby, egal wie erfüllend der Job
ist. Arbeit muss ausgeglichen werden, denn Arbeit bleibt Arbeit und nur
Freizeit ist Freizeit.
Die angebliche Brotlosigkeit der Kunst ist keine Regel. Sie ist eine sich
selbst erfüllende Prophezeiung, die ihre Gültigkeit verliert, sobald wir
aufhören, die Künste nach irgendeiner ausgedachten Verwertungslogik zu
bemessen, die Menschen in das Schneeballsystem des Kapitalismus zwingen
soll. Je unglücklicher dich dein Job macht, desto mehr kaufst und
konsumierst du. Wer sich für das Literaturstudium und gegen den
vermeintlichen Geldjob entscheidet, hat das nicht nötig.
Künstler*innen werden nicht durch KI ersetzt werden. Höchstens
Programmierer*innen. Denn KI kann zwar Bilder generieren, aber [1][keine
Kunst erschaffen]. Du willst das diskutieren? Bildung in Philosophie und
Kunstgeschichte hilft.
Es wird nicht nur Armutsangst geschürt, um zukünftige Studierende davon
abzuhalten, einen Weg einzuschlagen, der für sie sinnvoll ist.
Geisteswissenschaften werden zunehmend abgewertet, als etwas, das uns als
Gesellschaft nicht weiterbringt. Wer sagt das?
## Big MINT is scamming us
Nichts gegen Chemiker*innen, aber wir können nicht alle im Labor stehen und
die nächste Antifaltencreme entwickeln. Irgendwer muss auch in der Bib
sitzen und im Flüsterton Adorno diskutieren. Ingenieure werden gebraucht?
Okay Jannis, aber wenn du Bauingenieur wirst, wer modelt dann? Wer reist um
die Welt und sieht cute aus auf Fotos? Du nicht. Du bauingenieurst dann.
Auch cool, aber nicht das, was du wolltest. Wenn du deinen Traumjob nicht
machst, dann macht ihn wer anders.
Jeder Taschenrechner kann Mathe. Auf einen Master in Gender Studies kann
man wirklich stolz sein. Wenn alle etwas im Bereich Mathematik, Informatik,
Naturwissenschaften und Technik studieren, nutzt das vor allem
Pharmafirmen, Chemiekonzernen und der Autoindustrie. Big MINT is scamming
us. Bildung an sich ist ein Wert. Wer profitiert davon, wenn niemand mehr
kritisch denken lernt?
Wenn die Kultur nicht das Leben normaler Menschen verbessern, sondern nur
den Reichen dienen würde, würden rechte Parteien nicht alles dafür tun, die
[2][Künste kaputt zu sparen] und in ihrem Sinne in Kultur und Wissenschaft
einzugreifen.
16 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Simone Dede Ayivi
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