# taz.de -- Ausschluss vom Buchhandlungspreis: Danke, Weimer!
       
       > Der Bremer Golden Shop wurde vom Buchhandlungspreis ausgeschlossen. Zwei
       > Tage in einem Buchladen, der sich wehrt – und dafür viel Solidarität
       > erfährt.
       
 (IMG) Bild: Das Telefon klingelt diese Tage fast ununterbrochen im Golden Shop. Meist sind es gute Nachrichten für Ausma Zvidrina
       
       Eine ältere Frau betritt den Golden Shop. „Ich wollte mal gucken, wie so
       ein linksextremer Buchladen aussieht“, sagt sie. Sie ist die erste Kundin
       an diesem Donnerstagvormittag; seit zwei Tagen ist klar, dass der kleine
       Golden Shop in Bremen den Kulturstaatsminister in Berlin beschäftigt: Am
       Dienstag hatte die Süddeutsche Zeitung berichtet, [1][dass Wolfram Weimer
       drei der ursprünglich 118 ausgezeichneten Buchhandlungen vom Deutschen
       Buchhandlungspreises ausgeschlossen hat] – weil es
       „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ gegen sie geben soll.
       
       [2][Der Golden Shop ist eine dieser drei Buchhandlungen.] Ein 24
       Quadratmeter kleiner Raum, Holzdielen, vollgestapelte Büchertische. Wer die
       knarzende Treppe hochgeht, kommt in einen weiteren, genauso kleinen Raum
       mit Platten, Graphic Novels, Zines, aber so weit kommt die ältere Kundin
       heute gar nicht. Sie wird schon unten fündig, kauft ein Buch von Marc-Uwe
       Kling und geht wieder.
       
       Ausma Zvidrina, die Inhaberin des [3][Golden Shop], telefoniert. Das
       Telefon hört seit gestern gar nicht mehr auf zu klingeln. Um sie herum
       türmen sich ungeöffnete Pakete, neben einem Stapel Notizzettel stehen
       Blumen. Die Zettel sind von Menschen, die irgendwas von ihr wollen,
       Zvidrina musste sie vertrösten. Die Blumen sind von einem Kunden.
       
       Zvidrina hat heute auch schon Kuchen bekommen und 700 neue
       Follower*innen auf Instagram. Verlage haben angeboten, ihr Bücher
       umsonst zu schicken, mehrere Autor*innen haben solidarische Lesungen
       angekündigt. Sie hat eine Spendendose aufgestellt, für die Anwaltskosten:
       Die drei linken Buchläden, der Golden Shop, die Rote Straße (Göttingen) und
       Zur schwankenden Weltkugel (Berlin) [4][wollen gegen die Entscheidung aus
       dem Kulturministerium klagen].
       
       ## Bücher kaufen aus Solidarität
       
       In dem kleinen Laden drängen sich mittlerweile zwölf Menschen. Zvidrinas
       einziger Kollege ist krank. „Wir sind nur zu zweit. Immerhin können sie uns
       keine kriminelle Vereinigung anhängen.“ Ein junger Mann kommt mit einem
       Bildband in der Hand: „Das kauf ich nur aus Trotz.“ „Das ist ein gutes
       Buch“, sagt Zvidrina, „das darfst du auch einfach so kaufen.“
       
       Eigentlich liebt Zvidrina Gespräche über Bücher. Sie ist schließlich
       Buchhändlerin geworden, weil sie „etwas Sinnvolles“ machen wollte. Doch
       momentan wollen die wenigsten Kund*innen über Bücher sprechen. „Ich weiß
       nicht, wie oft ich heute das Wort ‚[5][Radikalenerlass]‘ gehört habe“, sagt
       Zvidrina. Aber sie findet es gut, dass sich Menschen empören. Bücher und
       Politik, das waren nie getrennte Dinge, sagt sie.
       
       Vor dem Haus bauen Journalist*innen ihre Kameras auf, Zvidrina hatte
       sie am Telefon abgewimmelt, sie sind trotzdem gekommen. Auf der (natürlich)
       goldenen Fassade des Golden Shop stehen in schwarzer Schrift politische
       Slogans. „Deutschland verrecke bitte“, zum Beispiel, oder „Heimat ist
       Aufruf zum Mord“.
       
       Laut einem Beitrag des Regionalmagazins buten und binnen von Radio Bremen
       sollen es unter anderem diese Parolen sein, die dem Verfassungsschutz
       „Bezüge zur linksextremistischen Szene“ lieferten. Auf Nachfrage der taz
       wollte der Verfassungsschutz dies weder bestätigen noch dementieren. Auch
       einige Verlinkungen auf der Website des Golden Shop sollen
       „verfassungsschutzrelevant“ sein. Man findet dort unter anderem Links auf
       veraltete antifaschistische Blogs, auf Veranstaltungsräume und eine
       Hundeschule.
       
       Die Kriminalisierung des Golden Shop als „linksextrem“ passiert zu einem
       Zeitpunkt, zu dem in Bremen nicht nur der Verfassungsschutz, sondern
       [6][auch ein Großteil der lokalen Medien- und Parteienlandschaft fast
       täglich vermeintliche „Linksextremist*innen“ angreifen.] Zuletzt forderte
       die CDU, einem [7][Kulturzentrum die Förderung zu entziehen,] weil dort
       2024 eine Veranstaltung der Roten Hilfe stattgefunden hatte.
       
       Zvidrina wird in diesen Tagen öfter gefragt, was an ihr, ihrer Arbeit oder
       dem Golden Shop „linksextrem“ sein könnte. Die falsche Frage, findet sie,
       „aber ich kann nicht irgendwelchen Journalist*innen in 30 Sekunden
       erklären, warum der Begriff ‚linksextrem‘ bescheuert ist“. Sie hat ein paar
       Bücher zu dem Thema: „Extrem unbrauchbar“ zum Beispiel, 2020 im Verbrecher
       Verlag erschienen.
       
       Auch auf der anderen Straßenseite, im Buchladen Ostertor, ist man empört.
       „Das ist Kulturkampf von rechts“, findet dort Buchhändlerin Tatjana Vogel.
       Viele Buchläden, aber auch Verlagsvertreter*innen und Autor*innen
       haben sich bereits solidarisch gezeigt. Die Hallesche Buchhandlung „heiter
       bis wolkig“ hat zum Beispiel vorgeschlagen, das Preisgeld zu teilen: Wenn
       jede der 115 ausgezeichneten Buchhandlungen 210 Euro von ihrem Preisgeld
       abgeben würde, könnte man den drei Buchhandlungen die jeweils 7.000 Euro
       Preisgeld auszahlen.
       
       Zvidrina freut sich sehr über die Solidarität: „Wie scheiße wäre es, wenn
       wir jetzt alleine wären“. Aber: „Scheiß auf die 7.000 Euro. Wir waren noch
       nie von Staatsknete abhängig. Es geht hier doch um etwas viel Größeres! Um
       Kunst-, um Kulturfreiheit!“ Es ist kurz nach Feierabend, zwei ehemalige
       Kolleg*innen bringen ihr alkoholfreies Bier vorbei, Zvidrina fällt auf,
       dass sie heute noch nichts getrunken hat. Sie schließt die Kasse, guckt auf
       den Tagesumsatz: „Weihnachtsgeschäft“.
       
       Eine Klage für alle 
       
       Freitagvormittag. Die Paketstapel sind größer geworden, die Anzahl der
       unbearbeiteten Mails auch, 2.000 neue Follower*innen auf Instagram.
       Zvidrina ist nicht mehr allein im Laden, ihre Familie sitzt auf dem Boden
       und sortiert Bücher.
       
       Mittlerweile hat sich eine kleine Unterstützungsgruppe gegründet, es gibt
       die Idee, ein Literaturfestival auf die Beine zu stellen, oder ein paar
       Konzerte, um die Anwaltskosten zu zahlen. Schließlich ist die eingereichte
       Klage eigentlich eine Klage für den gesamten Kulturbetrieb. Oder für die
       gesamte linke Szene, je nachdem wen man fragt. Eine Homepage wurde schon
       erstellt, auf der man für die [8][Anwaltskosten der drei Buchläden spenden]
       kann.
       
       Im Fünf-Minuten-Takt kommen Bestellungen aus dem gesamten deutschsprachigen
       Raum rein, in einem ähnlichen Rhythmus die Kund*innen. „Danke, Weimer“,
       heißt es immer wieder, irgendwie ist es der Slogan dieser Soli-Aktionen
       geworden. „Nur Bovenschulte könnte noch vorbeikommen und die neue
       Kim-Gordon-Platte kaufen“, sagt Zvidrina über den Bremer Bürgermeister. Als
       sie 2022 den Bremer Buchhandelspreis gewonnen hatte, habe Andreas
       Bovenschulte zu ihr gesagt: „Wer mit Sonic-Youth-Shirt zur Preisverleihung
       kommt, kann ein so schlechter Mensch nicht sein.“
       
       Freitagabend, 22:30 Uhr. Draußen füllen sich die Kneipen. In dem Club
       „para“ bekommt man gegen Vorlage eines Golden-Shop-Gutscheins freien
       Eintritt. Zvidrina und zwei Freunde legen eine Nachtschicht ein. Endlich
       können sie anfangen, die unbeantworteten Mails und Bestellungen zu
       bearbeiten. Die Regale sind leer, die Spendendose voll. An der Wand hängt
       seit ein paar Stunden eine gerahmte Urkunde: „für die beste vom
       Verfassungsschutz beobachtete Buchhandlung“.
       
       8 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Deutscher-Buchhandlungspreis/!6159761
 (DIR) [2] /Buchlaeden-von-Buchpreis-ausgeschlossen/!6159819
 (DIR) [3] https://thegoldenshop.org/
 (DIR) [4] /Gecancelte-Buchhandlungen-wehren-sich/!6160324
 (DIR) [5] /Gesinnungscheck-fuer-Staatsdiener/!6151785
 (DIR) [6] /Angeblich-linksextreme-Buchlaeden/!6160082
 (DIR) [7] https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/rote-hilfe-kulturressort-foerderung-100.html
 (DIR) [8] http://lesen-hilft.org/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Amanda Böhm
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kulturkampf
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) Bremen
 (DIR) Verfassungsschutz
 (DIR) Kulturpolitik
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Wolfram Weimer
 (DIR) Buchhandel
 (DIR) Immanuel Kant
 (DIR) Schwerpunkt Leipziger Buchmesse
 (DIR) Wolfram Weimer
 (DIR) Buchhandel
 (DIR) Verfassungsschutz
 (DIR) Bremer V-Mann-Skandal
 (DIR) Wolfram Weimer
 (DIR) Bremen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Hoher Besuch in Lüneburg: Weimer für die Redefreiheit
       
       In Lüneburg gibt es ein neues Kant-Museum, der Kulturstaatsminister darf
       eine Eröffnungsrede halten – und meint „autokratische Züge“ zu erkennen.
       
 (DIR) Wolfram Weimer und die Buchbranche: Chronik eines Desasters
       
       Ein Kulturstaatsminister, der zur Buchmesse die Buchbranche geschlossen
       gegen sich aufbringt, hat ein Problem. Und ist selbst eines. Wie es dazu
       kam.
       
 (DIR) Debatte um Kulturstaatsminister Weimer: Wer Weimer kritisiert, darf den VS nicht schonen
       
       Der Fokus muss von Weimer weg und auf den Verfassungsschutz. Denn es gibt
       eine dringende Frage: Schützt der Geheimdienst wirklich das Grundgesetz?
       
 (DIR) Buchhandelspreis ohne Verleihung: Ein unwürdiges Ende
       
       Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat die Veranstaltung zum Deutschen
       Buchhandlungspreis abgesagt. Nicht nur dem Preis hat er nachhaltig
       geschadet.
       
 (DIR) Ausschluss vom Buchhandlungspreis: Die Jury steht zu allen 118 Buchhandlungen
       
       Die Fachjury des Buchhandlungspreises hat sich zu Wort gemeldet. Sie
       kritisiert Weimers Entscheidung vehement, drei linke Buchhandlungen zu
       streichen.
       
 (DIR) Angeblich linksextreme Buchläden: SPD und Grüne lassen Gegenwehr vermissen
       
       In Bremen verteidigen SPD und Grüne den Buchladen, den der
       Kulturstaatsminister des Linksextremismus für verdächtig hält. Leider nur
       halbherzig.
       
 (DIR) Ausschluss vom Buchhandlungspreis: Kulturpolitischer Albtraum
       
       Wolfram Weimer aktiviert den Verfassungsschutz und verwehrt linken
       Buchläden einen Preis. Das bedeutet einen Angriff auf die unabhängige
       Kulturszene.
       
 (DIR) Buchläden von Buchpreis ausgeschlossen: Von Bremen geliebt, vom Kulturstaatsminister gecancelt
       
       Der „Golden Shop“ in Bremen ist eine Institution. Den Buchhandlungspreis
       bekommt er wegen Extremismusgefahr nicht. Das sorgt vor Ort für Irritation.