# taz.de -- Ausschluss vom Buchhandlungspreis: Gesinnungsschnüffelei im Buchladen
> Wolfram Weimer schließt drei linke Buchläden vom Preis aus – mit Hilfe
> des Verfassungsschutzes. Damit könnte er selbst gegen das Grundgesetz
> verstoßen.
(IMG) Bild: Einer der drei Buchläden die von Weimer gecancelt werden: Blick in den Buchladen „Rote Straße“ in Göttingen
Es ist eigentlich eine Formalie, wenn jährlich der Deutsche
Buchhandlungspreis vergeben wird. Die Verdienste unabhängiger
Buchhandlungen, meist über 100 Läden, werden ausgezeichnet, sie erhalten
Preisgelder von bis zu 25.000 Euro. Es stimmt, was Kulturstaatsminister
[1][Wolfram Weimer über diese Buchhandlungen sagt: „Mit Kompetenz, Neugier
und Herzblut geben sie Orientierung, machen auch unbekannte Stimmen
sichtbar.“]
Genau dies trifft auch auf die Buchhandlungen, „[2][The Golden Shop]“
(Bremen), „[3][Rote Straße]“ (Göttingen) und „[4][Schwankende Weltkugel]“
(Berlin) zu. Sie sollten 2026 zu den 118 ausgezeichneten Buchhandlungen
gehören, die sechsköpfige Jury hatte dies so vorgesehen. Doch Weimer als
Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) schloss diese
drei Buchhandlungen von der Ehrung aus. [5][Grund seien
„verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“, wie die SZ zuerst berichtete].
Die drei Buchläden sind allesamt politisch links zu verorten, es ist
offensichtlich, dass Weimer einen Kulturkampf nach dem Playbook
internationaler Rechter (fort)führt, indem er linke Läden cancelt. Das
Kulturstaatsministerium lässt dagegen wissen, es gehe nur darum,
„Extremismus in jeder Form entschlossen und konsequent zu begegnen“.
Ausma Zvidrina, Geschäftsführerin des Golden Shop in Bremen, sieht das
Handeln des BKM in einem größeren Kontext: „Es geht ja nicht nur um den
Ausschluss dreier linker Buchhandlungen von einem Preis“, sagt die
46-Jährige der taz am Telefon, „es ist für mich ein weiteres Zeichen eines
allgemeinen Rechtsrucks, den man nun eben am eigenen Leib erfährt.“
Zvidrina betreibt den Golden Shop in Bremen seit 2007, sie verkauft unter
anderem Belletristik, antifaschistische Literatur, Literatur über den
Holocaust und zum Thema Antisemitismus, Comics, Graphic Novels. Sie
organisiert Lesungen, Veranstaltungen und Konzerte, ist Teil der
subkulturellen DNA Bremens. Wie die beiden anderen Läden auch hat der
Golden Shop den Deutschen Buchhandlungspreis in der Vergangenheit schon
erhalten.
„Bislang bekomme ich vor allem Solidaritätsbekundungen von Verlagen und
Freund:innen“, sagt Zvidrina, auch Glückwünsche erhalte sie, „das ist ja
auch eine Art Adelung“, sagt sie und lacht. „Aber vielleicht schreckt
dieser Ausschluss manche Menschen nun auch ab, bei uns zu kaufen. Das wäre
dann geschäftsschädigend.“ Zvidrina hat die Nicht-Nominierung erst aus den
Medien erfahren. Befragt zu den „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen“
vom BKM wurde sie nicht.
## Das BKM im Unklaren
Was genau vorliegt, das weiß nicht mal das BKM. Das Kulturstaatsministerium
hat vom sogenannten Haber-Verfahren Gebrauch gemacht, nach dem eine Anfrage
einer Behörde beim Verfassungsschutz (VS) erfolgen kann, wenn der Verdacht
besteht, dass extremististische Institutionen staatlich gefördert werden.
Das BKM bekommt dann lediglich eine Meldung, dass dem VS Hinweise vorliegen
– welcher Art diese sind, bleibt völlig unklar.
Mit seiner Anfrage könnte Wolfram Weimer selbst nicht verfassungskonform
agiert haben. Denn, so die SZ weiter, „eine Übermittlung von
Geheimdienstinformationen an eine Stelle, die nicht die Polizei oder eine
andere Strafverfolgungsbehörde ist“, könne laut einem Urteil des
Bundesverfassungsgerichts 2022 nur dann zulässig sein, „wenn es um den
Schutz eines besonders gewichtigen Rechtsgutes gehe.“ Das ist hier
erkennbar nicht der Fall. Zvidrina sagt, der Golden Shop prüfe bezüglich
des Ausschlusses rechtliche Schritte.
## Irritation und Kritik
[6][Der PEN Berlin zeigt sich in einer Pressemitteilung irritiert von dem
Vorgang]. „Bei der Vergabe eines Buchhandlungspreises sollte man auf
Anfragen beim Verfassungsschutz verzichten, sowieso sollte man auf den
Verfassungsschutz nur in Ausnahmefällen zurückgreifen“, sagt Deniz Yücel,
PEN-Berlin-Vorsitzender, der taz. „Gerade bei Linken hat der
Verfassungsschutz in den vergangenen Jahren einen Reputationsgewinn
erfahren, den ich schon immer befremdlich fand. Gesinnungsschnüffelei bei
Buchhandlungen gehört nicht zu den eigentlichen Aufgaben dieser Behörde.“
Auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Partner des Preises,
kritisiert die Entscheidung. „Die Würdigung der kulturellen Leistung einer
Buchhandlung von einer etwaigen politischen Ausrichtung ihres Sortiments
abhängig zu machen, lehnen wir grundsätzlich ab“, sagt
Börsenverein-Vorsteher Sebastian Guggolz in einer Mitteilung. Bei dem
Verfahren des BKM seien „erhebliche Zweifel angebracht“.
Die Kurt Wolff Stiftung, die sich einer vielfältigen Verlags- und
Literaturszene verpflichtet sieht, ist ebenfalls Partner des
Buchhandlungspreises. Die Stiftung gab am Mittwochnachmittag bekannt, man
sei „höchst irritiert und beunruhigt über die Revidierung der
Jury-Entscheidung zum diesjährigen Buchhandlungspreis“, dies könne als
„politische Einflussnahme wahrgenommen werden.“ Gerade die verfemten drei
Buchhandlungen stünden „mit ihrem Angebot abseits des Mainstreams
exemplarisch für die Sichtbarkeit von Vielfalt“ und hätten die Auszeichnung
„mehr als verdient“.
Buchläden zu inkriminieren, das kennt man aus autoritären Staaten. Welchen
Weg das Kulturstaatsministerium unter Wolfram Weimer einschlägt, zeigt sich
in dieser Sache einmal mehr.
Transparenzhinweis: Der Autor hat vor über 15 Jahren gelegentlich als
Aushilfe im Bremer Buchladen The Golden Shop gearbeitet.
4 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.deutscher-buchhandlungspreis.de/pressemitteilung-buchhandlungspreis-2026-02-10/
(DIR) [2] https://thegoldenshop.org/
(DIR) [3] https://www.roter-buchladen.de/
(DIR) [4] https://buchladen-weltkugel.de/
(DIR) [5] https://www.sueddeutsche.de/kultur/wolfram-weimer-deutscher-buchhandlungspreis-verfassungsschutz-haber-verfahren-kulturfoerderung-extremismus-li.3396299
(DIR) [6] http://penberlin.de/
## AUTOREN
(DIR) Jens Uthoff
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