# taz.de -- Weimer und die Nationalbibliothek: Plötzlich voll digital
> Bevor er Kulturstaatsminister wurde, liebte Weimer Print. Das gedruckte
> Wort sei wie ein Kuss, schrieb er. Das scheint sich radikal geändert zu
> haben.
(IMG) Bild: Wolfram Weimer, ehemals Chefredakteur des Cicero, damals war für ihn das gedruckte Wort noch wie ein Kuss
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat einen geplanten Erweiterungsbau der
[1][Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig] gestoppt. Der Anbau war für
die Aufbewahrung physischer Medienwerke vorgesehen. Weimer begründet seine
Entscheidung damit, dass die Sammlung gedruckter Werke angesichts der
Digitalisierung der Lebenswelt nicht mehr zeitgemäß sei. Diese Erklärung
überrascht. In seiner Zeit als Chefredakteur bei Cicero und danach beim
Focus war Weimer [2][deutlich kulturkonservativer] aufgetreten.
Weimers ehemalige Haltung zum Wert des Gedruckten stammt aus den späten
Nullerjahren, als E-Books und Onlinejournalismus den klassischen
Printmedien zunehmend klare Konkurrenz machten. Zur Deutschlandpräsentation
von Amazons Kindle im Jahr 2008 erschien unter Weimers Leitung im Cicero
etwa ein „Plädoyer fürs Umblättern“, flankiert von einer Reportageserie
über die analogen Privatbibliotheken bekannter Persönlichkeiten wie Elke
Heidenreich, Rüdiger Safranski oder Juli Zeh.
Seine früheren Ansichten treten besonders in einem Essay hervor, den Weimer
2010 für das Jahrbuch des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ)
schrieb. Ironischerweise findet man dieses Medium heute nur noch in großen
deutschen Bibliotheken, die selbst noch Platz für Printpublikationen haben.
Die damalige Ausgabe des VDZ-Jahrbuchs beschäftigte sich allgemein mit den
Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung für das Presse- und
Verlagswesen. Weimers Text trug den Titel: „Das gedruckte Wort ist wie ein
Kuss.“ Er war durchaus programmatisch für den Rest des Artikels zu
verstehen. Weimers Argumentation zielte weniger auf Nostalgie ab als auf
die Erfahrungsqualitäten gedruckter Medien.
Gedruckte Texte besaßen für Weimer eine fast erotische Haptik. Sein Essay
begann mit Fragen wie: „Riechen Sie lieber an einer Blume oder am Bild
einer Blume?“ Und: „Lieben Sie lieber, ohne zu küssen?“ Weimers Antwort:
„Man kann lieben, ohne zu küssen, aber warum sollte man. Die Blume und der
Kuss sind wie das gedruckte Wort.“
## Heimstatt der Eigentlichkeit
Mit einem Blick in die Vergangenheit warnte Weimer vor Utopisten, die ein
Ende von Printerzeugnissen versprachen. Schon „in den sechziger Jahren“
habe es „Science Fictions“ gegeben, die fälschlicherweise „das Ende des
herkömmlichen Essens vorhersagten“.
Auch könnte man Printinhalten eher glauben als digitalen. Weimer zufolge
seien Printmedien als eine „Heimstatt der Eigentlichkeit“ zu verstehen,
denn Print sei „wirklicher als elektronische Medien“ und „auch dem
Print-Inhalt wird die Wirklichkeitsnähe stärker zugesprochen“.
Zum Erscheinungszeitpunkt seines Essays war Weimer gerade zum neuen
Focus-Chef ernannt worden. Speziell über den Printjournalismus meinte er in
Übernahme eines Zitats von Ernst Jünger, die „Intelligenz ist unsere
glitzernde Uniform“. Print stehe nach Weimer für Seriosität und
Intellektualität, Digitalität dagegen für Oberflächlichkeit und
Flüchtigkeit.
Generell äußerte sich Weimers ehemalige Printliebe in Verweisen auf die
Unbeständigkeit elektronischer Medien. Auf Datingwebsites könnte man zwar
virtuelle Umarmungen bekommen, das würde menschliche Bedürfnisse nach
Dauerhaftigkeit aber nicht befriedigen. Weimer plädierte bei seinen
Verlegerkollegen schließlich für „mutige Investitionen“ ins Printsegment.
Offenbar hat Weimers Beziehung zum gedruckten Wort nun trotzdem nicht
gehalten. Ob das ein bloßes Ergebnis der aktuellen Haushaltslage ist oder
ob dahinter ein neuer Glaube an die Allmacht der Digitalisierung steht,
muss vorerst offenbleiben. Zumindest zeigt sich einmal wieder die
ideologische Wandelbarkeit eines [3][rechtskonservativen Kulturkritikers.]
18 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Peter Hintz
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