# taz.de -- Vetternwirtschaft in der AfD: 16 Jobs bei einer Abgeordneten, 10 beim Spitzenkandidaten
> Dass AfD-Abgeordnete Verwandte mit Stellen versorgen, ist nicht alles. In
> Sachsen-Anhalt beschäftigen sie auf Staatskosten auch auffällig viel
> Personal.
(IMG) Bild: Hat derzeit viel Erklärungsbedarf: Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt (und Arbeitgeber für 10 Mitarbeiter)
Die AfD wird ihre [1][Vetternwirtschaftsaffäre] nicht los. Immer mehr Fälle
werden bekannt, in denen AfD-Abgeordnete Verwandte von Parteikollegen
einstellen, allen voran in Sachsen-Anhalt. Nun gerät auch die teils hohe
Zahl an Mitarbeitenden bei etlichen AfD-Abgeordneten in den Blick – und die
Frage, ob angesichts dieser Größe auch Scheinbeschäftigung stattfindet.
So beschäftigten die 23 AfD-Abgeordneten im Landtag Sachsen-Anhalt laut
einer Auflistung der Landtagsverwaltung, die der taz vorliegt, insgesamt
162 Mitarbeitende. Weit mehr als alle anderen Fraktionen: Die CDU – mit 40
Abgeordneten deutlich größer – stellt 125 Mitarbeitende, die SPD nur 28,
die Linke 21, die FDP 20 und die Grünen 9.
Auch die Spitzenreiterin im Parlament ist eine AfD-Abgeordnete: Nadine
Koppehel aus Oranienbaum-Wörlitz, [2][früher selbst Büroleiterin eines
AfD-Bundestagsabgeordneten], beschäftigt gleich 16 Mitarbeitende. Viele
ihrer Mitarbeitenden sind offenbar mit Minijobs angestellt, aber es stellt
sich die Frage, wie Koppehel diese Zahl an Personal koordiniert – und ob
alle von ihnen wirklich Parlamentsarbeit leisten.
Auf der Rangliste folgt Felix Zietmann aus Wolmirstedt mit 13
Mitarbeitenden. [3][AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund] und der
Partei-Rechtsaußen [4][Hans-Joachim Tillschneider] beschäftigen laut der
Liste immerhin jeweils zehn Mitarbeitende.
## Kumpels aus dem Fußballverein eingestellt
Zum Vergleich: Unter den Abgeordneten der demokratischen Fraktionen
beschäftigt die CDU-Abgeordnete Elke Simon-Kuch mit acht Mitarbeitenden am
meisten Personal – halb so viel wie Nadine Koppehel. Im Schnitt haben die
Abgeordneten der anderen Fraktionen zwei bis drei Mitarbeitende, die der
Grünen haben höchstens zwei. Im Landtag stehen jeder und jedem Abgeordneten
5.490,47 Euro als Kostenpauschale für Personal zu. Auf wie viele
Mitarbeitende man diese verteilt, ist nicht festgelegt.
Koppehel, Zietmann, Siegmund und Tillschneider ließen taz-Anfragen zunächst
offen. Unbeantwortet ließen sie, warum sie eine so hohe Zahl an
Mitarbeitenden beschäftigen, wie sie diese koordinieren und ob sie dabei
Scheinbeschäftigungen ausschließen können. Auch die Landtagsverwaltung ließ
eine Anfrage offen, ob sie die Mitarbeiterstäbe auf Scheinbeschäftigungen
geprüft habe.
Schon zuvor war bekannt geworden, dass Tobias Rausch, Parlamentarischer
Geschäftsführer der AfD in Sachsen-Anhalt, nicht nur seinen Schwager,
sondern [5][auch vier Fußballkumpels aus seinem Verein] geringfügig
angestellt haben soll. Seine drei Geschwister wiederum arbeiten für eine
Bundestagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt, seine Frau hat einen Job bei der
Landtagsfraktion. Rausch selbst beschäftigt im Landtag insgesamt sieben
Mitarbeitende. Sein Vater Daniel Rausch, ebenfalls Landtagsabgeordneter,
hat fünf Mitarbeiter.
Der Vater von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund wiederum ist Mitarbeiter
eines AfD-Bundestagsabgeordneten und soll dafür mehrere tausend Euro
monatlich erhalten. Ein AfD-Mitglied hatte der taz gesagt, [6][er habe
Siegmund Senior noch nie auf den Fraktionsfluren im Bundestag gesehen].
## Parteienforscher: AfD nutzt „Graubereich“ aus
Der Parteienforscher Benjamin Höhne spricht von einem „Graubereich“, den
die AfD bei ihren Mitarbeitenden „offenbar in einer bis dato nicht
bekannten Art und Weise für sich ausgenutzt hat“. Bei der Vetternwirtschaft
werde Personal nicht in erster Linie nach Qualifikation und fachlicher
Eignung rekrutiert, so Höhne zur taz. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass
für die Mitarbeitenden in den Abgeordnetenbüros und Fraktionen keine feste
Laufbahn oder ein bestimmter Hochschulabschluss notwendig seien.
Die AfD Sachsen-Anhalt tut die Vorwürfe bisher einerseits als Kampagne ab,
zugleich berichten aber auch rechtsradikale Medien darüber und fordern,
[7][wie der rechtsextreme Vordenker Götz Kubitschek, „aufzuräumen“]. Zumal
das Bekanntwerden immer neuer Fälle auf interne Grabenkämpfe zurückgeht und
AfD-Wähler*innen entsprechend schwer zu vermitteln sein dürfte.
Entsprechend ist man in der Partei derzeit sehr nervös und sieht
Handlungsbedarf.
Die AfD Sachsen-Anhalt hat nun eine Kommission für Verhalten im
parlamentarischen Betrieb angekündigt. Dabei gibt es die interne Kritik,
dass diese von exakt den Leuten aufgesetzt werden soll, die das
Vetternwirtschaftssystem im Landesverband erst installiert haben. Und so
klingen Siegmunds Social-Media-Videos in jüngster Zeit eher verzweifelt bis
defensiv, wenn er appelliert, die Reihen zu schließen oder erklärt, dass
sein Vater im Bundestag nur zeitweise 7.700 Euro verdient hat und jetzt
„nur“ 5.500 Euro bekommt.
Hinzu kommen bei Siegmund nun auch noch Vorwürfe, dass er seine Tätigkeit
für eine Firma nicht ordnungsgemäß beim Landtag angemeldet habe. Die
Landtagsverwaltung prüft derzeit, ob ein Verstoß gegen die Anzeigepflicht
vorliegt aufgrund fehlender Angaben, wie [8][die Bild berichtet]. Siegmund
weist Vorwürfe zurück und behauptet, alles angegeben zu haben. Die
betreffende [9][Firma] hat ihren Sitz an einer Adresse in Prenzlauer Berg –
wo über 600 weitere Firmen sitzen und man sich unkompliziert einen
Briefkasten („virtuelles Büro“) anmieten kann.
## Schlammschlacht mit früherem Generalsekretär
Mittlerweile gibt es in Sachsen-Anhalt wegen der Vetternwirtschaftsvorwürfe
bereits mehrere Briefe von der Basis, unterzeichnet von dutzenden
Mitgliedern. Ihre Forderung: Ein außerplanmäßiger Sonderparteitag. Und am
Montag soll Landesvorstand Martin Reichardt sich erneut vor dem
Bundesvorstand erklären. Und da Sitzungswoche im Bundestag ist, können sich
dann auch Alice Weidel und Tino Chrupalla nicht weiter verstecken – beide
reagieren seit Tagen nicht auf Anfragen.
Viele Enthüllungen gehen auf eine Schlammschlacht mit [10][Jan Wenzel
Schmidt] zurück, ehemals Generalsekretär der AfD Sachsen-Anhalt und heute
Bundestagsabgeordneter. Nach Medienberichten über dessen dubiose
Geschäftsreisen mit Jian G., [11][verurteilter chinesischer Spion und
einstiger Mitarbeiter von Maximilian Krah,] wurde er mit einem
Parteiausschlussverfahren belegt. Daraufhin drohte Schmidt, seinen
Giftschrank zu öffnen. Viele seiner Vorwürfe bestätigen sich nun.
Der Bundesvorstand hat sich dem Parteiausschlussverfahren gegen Schmidt
mittlerweile angeschlossen. In der anstehenden Sitzungswoche soll er wohl
auch aus der Fraktion geschmissen werden, dafür bräuchte es eine
Zwei-Drittel-Mehrheit. Schmidt selbst will das nicht hinnehmen: „Ich stehe
inhaltlich weiterhin klar zur AfD“, teilte er per Pressestatement mit. Dass
die AfD-Spitze sich seinem Ausschlussverfahren anschließe, sei ihm
unverständlich. Er spricht von einem inszenierten Verfahren, bei dem auch
sein Fahrzeug widerrechtlich durchsucht worden sei.
Schmidt fordert, interne Missstände transparent aufzuklären, und erklärt,
er stehe jederzeit für direkte Gespräche zur Verfügung: „Ich bin zudem
verwundert darüber, dass ausgerechnet derjenige, der sich für Ordnung in
der Partei einsetzt und den Mut hat, auf Missstände hinzuweisen (…), nun so
rigoros sanktioniert werden soll. Das halte ich einer Partei, die für
Rechtsstaatlichkeit eintritt, nicht für würdig.“
Was Schmidt nicht sagt: Er war selbst als Generalsekretär Teil dieses
Systems und einer der Mitgründer der „Pokerrunde“ in Sachsen-Anhalt, die
sich als informeller Machtzirkel Personal und Stellen zugeschustert haben
soll. Die Schlammschlacht dürfte jedenfalls weitergehen. Schmidt hat
weitere Enthüllungen angekündigt, falls das Ausschlussverfahren nicht
zurückgenommen werde. Er dürfte auf dem Weg nach draußen noch jede Menge
Porzellan zerschlagen.
Hinweis, 22.2.: Der Text wurde ergänzt um die Vorwürfe zu Siegmunds
fehlenden Angaben zu seiner Firma, d. Red.
20 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Vetternwirtschaft-in-der-AfD/!6156203
(DIR) [2] https://www.mz.de/lokal/dessau-rosslau/nadine-koppehel-afd-buroleiterin-will-sprung-in-den-landtag-schaffen-3172885
(DIR) [3] /Landtagswahl-in-Sachsen-Anhalt/!6148107
(DIR) [4] /Landtagsabgeordneter-in-Sachsen-Anhalt/!6008359
(DIR) [5] /Vetternwirtschaft-in-der-AfD/!6156203
(DIR) [6] /Vetternwirtschaft-in-der-AfD/!6156203
(DIR) [7] /Vorwuerfe-von-Vetternwirtschaft-in-AfD/!6152612
(DIR) [8] https://www.bild.de/leben-wissen/job-karriere/verstoss-gegen-verhaltensregeln-aerger-fuer-afd-spitzenkandidaten-6994b7496e842744e5c58b79
(DIR) [9] https://www.northdata.de/REIMA%20Beteiligung%20und%20Verwaltung%20GmbH,%20Berlin/Amtsgericht%20Charlottenburg%20(Berlin)%20HRB%20186149%20B
(DIR) [10] /Streit-in-AfD-Sachsen-Anhalt-eskaliert/!6139626
(DIR) [11] /Urteil-gegen-Ex-Bueromitarbeiter-von-Krah/!6112895
## AUTOREN
(DIR) Konrad Litschko
(DIR) Gareth Joswig
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Rechtsextremismus
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Sachsen-Anhalt
(DIR) Vetternwirtschaft
(DIR) Landtag
(DIR) GNS
(DIR) Rechtsextremismus
(DIR) Rechtsextremismus
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Schwerpunkt AfD
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Personal von AfD-Abgeordneten: Verdacht auf Scheinbeschäftigung
Eine taz-Umfrage zeigt: AfD-Abgeordnete beschäftigen in Landtagen auffällig
viel Personal – bis zu 16 Personen. Das soll mancherorts eingedämmt werden.
(DIR) Vetternwirtschaft in der AfD: Landtag von Sachsen-Anhalt will Überkreuzjobs verbieten
In Sachsen-Anhalt sollen wegen der AfD Überkreuzbeschäftigungen verboten
werden. Geplant sind neue Regeln für Abgeordnete und deren Mitarbeiter.
(DIR) Vetternwirtschaft bei der AfD: Der Staat als Beute
AfD-Abgeordnete beschäftigen Familienangehörige und bedienen sich dafür am
Gemeinwohl. Kritik in den eigenen Reihen dreht sich nur ums Eigene.
(DIR) Vetternwirtschaft bei der AfD: Ein mafiöses Patronagesystem
Die AfD gibt sich als Partei der kleinen Leute – und handelt gegenteilig.
Das ist eine Verhöhnung der eigenen Wählerschaft.
(DIR) Rechtsextreme gegen Zivilgesellschaft: AfD will mit Leitfaden Demokratie-Programm lahmlegen
Die AfD wirbt per Leitfaden dafür, das Programm „Demokratie Leben“
auszutrocknen oder für sich zu nutzen. Vorbild: eine Blockade in
Bitterfeld-Wolfen.
(DIR) Vetternwirtschaft in der AfD: Rechtsextreme Beutegemeinschaft
Verwandte und Vertraute von AfD-Politikern arbeiten auf Staatskosten bei
Abgeordneten – laut einem Insider gängige Praxis, auch wegen „mangelnder
Führung“.