# taz.de -- AfD Sachsen-Anhalt gegen Rundfunk: Radio Corax dreht weiter auf
       
       > Zu links und voller „Genderismus“: Die AfD möchte Geld beim Freien Radio
       > Corax streichen. Wie geht der Sender damit um? Es gibt schon eine
       > Strategie.
       
 (IMG) Bild: Funken auch mal von den Hausmannstürmen der Halleschen Marktkirche: Radio Corax, 2016
       
       Es ist kurz nach halb zwei an einem Montagmittag: wöchentliche Besprechung
       beim Freien Radio Corax in Halle an der Saale. Etwa zwanzig
       Mitarbeiter:innen des nicht kommerziellen Lokalradios rücken ihre
       Stühle zurecht und sprechen über kommende Veranstaltungen: ein Film über
       den Krieg in der Ukraine, ein Diskussionsabend darüber, wie man
       gemeinschaftlich Geld nutzen kann. Auffällig ist, worum es nicht geht:
       
       Die AfD in Sachsen-Anhalt möchte Radio Corax „den Geldhahn zudrehen“, so
       steht es im [1][Entwurf ihres Wahlprogramms]. In Umfragen für die
       Landtagswahl im September liegt die Partei mit mehr als 10 Prozentpunkten
       Vorsprung vorne.
       
       Draußen vor den Fenstern wechseln sich Regen und Sonnenschein ab. [2][Alex
       Körner führt Protokoll. Der Programmkoordinator] ist seit seiner Jugend bei
       Corax aktiv. Eine Stunde vor der Konferenz hat er noch gesagt, dass es ihm
       ganz lieb sei, nicht ständig über die AfD zu reden. „Es gibt so viele
       Themen, die bei uns im Radio eine Rolle spielen.“ Steigende Mieten,
       Preisentwicklung, soziale Gerechtigkeit, der gesellschaftliche Umgang
       miteinander, Klimakrise. Wer nur der AfD hinterherhechle, gehe ihr auf den
       Leim.
       
       Dass sich die AfD wiederum mit Radio Corax beschäftigt, überrasche Körner
       nicht. „Was wir hier machen, ist die komplette Antithese zu ihren
       völkischen Fantasien.“ Das sei nichts Neues. Allerdings: Neu ist, dass das
       lokale Radio namentlich im Entwurf des Wahlprogramms auftaucht. Dort steht
       es noch vor der Forderung, die Verträge mit dem öffentlich-rechtlichen
       Rundfunk zu kündigen. Neu ist auch die reale Chance, dass die AfD regiert.
       
       ## Fast alle bei Radio Corax arbeiten ehrenamtlich
       
       Schon im ersten Satz des Unterkapitels zum Radio erklärt die AfD, Corax
       biete „allen Spielarten des linken Fanatismus, der [3][perversen
       Regenbogenideologie und des Genderismus] eine Plattform“. Meinungen, die
       „sich nicht der herrschenden Ideologie anschließen“, werde der Zugang
       verwehrt. Pro Jahr fördert die Landesmedienanstalt Sachsen-Anhalt das Radio
       [4][mit etwa 200.000] Euro. Damit solle jetzt Schluss sein.
       
       Das werbefreie Programm von Radio Corax hat mehrere Geldquellen. Über die
       Landesmedienanstalt bekommt das Bürger:innen-Radio einen kleinen Teil des
       Rundfunkbeitrags. Das bilde die Grundfinanzierung, erklärt Körner. Hinzu
       kämen noch kommunale Förderung, beantragte Projektmittel von anderen
       Stellen sowie vergangenes Jahr 17.000 Euro über den [5][„Förder- und
       Freundeskreis Radio Corax“].
       
       So ausgestattet sendet das Freie Radio 24 Stunden lang, sieben Tage die
       Woche seit seinem Start im Jahr 2000. Wie üblich bei Bürger:innen-Radios
       arbeiten fast alle bei Radio Corax ehrenamtlich mit.
       
       An diesem Montagmittag sitzt Steffen Hendel im ersten Stock der
       Redaktionsräume. Er ist Vorstandsmitglied des Vereins, der den Sender
       trägt. Auf einem Computerbildschirm hinter Hendel steht „Corax Cut“,
       darüber hängt eine progressive Regenbogenflagge, die neben sexueller
       Vielfalt auf marginalisierte Gruppen aufmerksam macht.
       
       Klar schließe das Redaktionsstatut bestimmte Positionen aus, erklärt
       Hendel. Sexismus, Homophobie, Transphobie, Rassismus, Antisemitismus,
       Chauvinismus, Nationalismus, religiösen Fundamentalismus und
       Gewaltverherrlichung. „Das sind alles Standpunkte, die eine Offenheit und
       Pluralität einschränken wollen“, sagt Hendel. Sie nicht im Programm zu
       haben, sei ein „Ausschluss von Leuten, die ausschließen wollen“.
       
       Neben ihm nickt Johanna Fischer, die Teil des geschäftsführenden Gremiums
       ist. „Als Verein sind wir ein Ort mit Leuten, die von der AfD angegriffen
       werden und vulnerabler sind.“ Queere, Geflüchtete und Menschen mit
       Rassismuserfahrung etwa. So startete 2016 die Redaktion Common Voices als
       Geflüchteten-Redaktion und sendet bis heute in verschiedenen Sprachen. „Die
       Leute entscheiden selbst, über welche Themen sie im Radio sprechen wollen“,
       erklärt Fischer, die selbst zu Common Voices gehört. Dass diskriminierte
       Menschen selbst beim Programm mitwirken, passe der AfD nicht.
       
       Beim Programm mitzumachen, sei im Prinzip ganz einfach, sagt
       Programmkoordinator Körner. „Wer eine Idee hat, stellt sie in der
       Redaktionskonferenz vor – demokratisches Medium – und nach einem
       Einstiegsworkshop unter anderem zur Mikrofontechnik kann es losgehen.“ Der
       Verein Corax hat laut Körner rund 400 Mitglieder, die 175 Sendungen auf die
       Beine stellen. „Bei neuen Sendungsideen müssen wir gucken, wo wir die im
       Programm unterkriegen.“ Die Woche habe halt nur sieben Tage.
       
       Zum AfD-Programmentwurf äußert sich die Landesmedienanstalt Sachsen-Anhalt
       auf Anfrage der taz nicht. Anstaltsdirektor Martin Heine sagt, man sei als
       „staatsfern organisierte Medienaufsicht dem Neutralitätsgebot
       verpflichtet“.
       
       ## Lokal geprägte Vielfalt
       
       Zu Radio Corax sagt Heine, da werde regelmäßig die Zugangsoffenheit, die
       „ordnungsgemäße Fördermittelverwendung“ sowie stichprobenartig das Programm
       geprüft, „von Amts wegen“. Bisher habe es keine Anhaltspunkte gegeben, „die
       einer Förderung von Radio Corax entgegenstanden“. Die erfolge auf Grundlage
       des Mediengesetzes in Sachsen-Anhalt.
       
       Ein Blick ins Programm von Radio Corax zeigt die lokal geprägte Vielfalt,
       jenseits von massentauglichem Rundfunk. Wer montags um 20 Uhr einschaltet,
       hört je nach Woche entweder die Berliner Hitparade oder Rock ‚n‘ Roll. Im
       Anschluss läuft „deliziösester Punk-Funk“. Am Donnerstagnachmittag geht
       „Widerhall“ auf Sendung, das Infomagazin für Halle, danach informieren die
       „[6][Antifanews]“, gefolgt vom Russlandmagazin „Radio Kompass“. Die
       Einschaltquoten spielen keine Rolle, liegen unter denen des ÖRR. Und
       dennoch steht das Lokalradio noch vor dem [7][öffentlich-rechtlichen
       Rundfunk im Entwurf des AfD-Wahlprogramms]. Warum?
       
       Alex Körner meint, die Partei nehme sich ein Vorbild an Ungarns
       Ministerpräsidenten Viktor Orbán. „Da gab es aus der 89er-Bewegung heraus
       eine reichhaltige Radiolandschaft. Das war nicht ohne Grund mit das Erste,
       was Orbán plattgemacht hat.“ Heute gilt Ungarn als Beispiel für eine
       illiberale Demokratie.
       
       Außerdem sei eine juristische Auseinandersetzung mit dem
       öffentlich-rechtlichen Rundfunk komplexer, Radio Corax das einfachere Ziel,
       vermutet Körner. Eine Strategie für den Umgang damit gebe es auch schon:
       Die Idee von Radio Corax weiter stärken. Körner erklärt: „Wir fangen nicht
       an, uns zu ändern, sondern sagen klar, wir sind das demokratischste Medium
       in diesem Bundesland.“
       
       Und wenn die AfD gewinnt, was macht Radio Corax dann? „Radio“, antwortet
       Alex Körner knapp. Dann ergänzt er: „Die Relevanz des Radios würde in
       diesem Moment nicht kleiner werden.“
       
       6 Mar 2026
       
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