# taz.de -- Mutterschaft und Care-Arbeit: Wo ist nur dieses Dorf?
> Nach der Geburt ihre Kindes bemerkt unsere Autorin, dass sie
> Unterstützung braucht. Es gibt Hilfsangebote, aber trotzdem bleibt sie
> allein. Warum?
(IMG) Bild: Wickeln, stillen, in den Schlaf begleiten, repeat: Ein Baby braucht viel Zuwendung. Manchmal mehr, als eine Person ihm geben kann
Meine Arme sind schwer, als hingen Gewichte an ihnen. Mit steifen Fingern
hebe ich Ole* aus dem Beistellbett – 115 Tage alt, 6 Kilo schwer. Ich gehe
zwei Schritte, stolpere, fange mich gerade so. Beinahe wäre Ole mir
entglitten. Zittrig stehe ich am Wickeltisch. Ole zappelt und ich habe
Angst. Was, wenn das nochmal passiert und mein träger Körper nicht schnell
genug reagiert? Ich verzweifle, ich weine. Mein Partner kommt, umarmt mich
und löst mich ab. Eine halbe Stunde später ist er weg, die Lohnarbeit ruft.
Ich setze mich mit Ole aufs Sofa, stille und starre. Ich bin keine Sekunde
allein aber fühle mich so einsam wie nie zuvor. Es wird ein zäher Tag, wie
gestern und wie morgen: wickeln, stillen, in den Schlaf begleiten, repeat.
Neben mir steht eine volle Müslischale, aber ich spüre keinen Hunger. Oles
Bedürfnisse haben meine verschluckt. Ich verliere Gewicht, als würde ich
mich in Zeitlupe auflösen. Die Verantwortung für ein Leben, das nicht
meines ist, lastet auf mir wie eine schwere Decke. Eine Frau, die
abwechselnd funktioniert und zusammenbricht.
Wie bin ich hier gelandet, in den Trümmern meiner neuen Identität, die doch
so viel Glück versprach? Ist da nicht ein Fehler im System, oder scheitere
ich an mir selbst? Mir fällt diese Binsenweisheit ein: Es braucht ein Dorf,
um ein Kind zu erziehen. Ja, wo ist es denn, das Dorf?
Gegen Ende meiner Schwangerschaft bin ich voller Zuversicht. Mein Freund
und ich lesen „Papa kann auch stillen“. Es geht um gleichberechtigte
Elternschaft. Easy, denken wir, wir geben dann auch mal die Flasche. In
Woche sechs dann die Generalprobe mit abgepumpter Milch. Und „Papa kann
stillen“, ja wirklich! Ein paar Tage später gehe ich abends in die
Philharmonie, vier Stunden bin ich weg, es geht alles gut. Euphorisch
teilen wir uns die Woche auf und ich mache Pläne: Klarinettenunterricht,
Essen gehen, Kino, endlich wieder Kino.
Neun Wochen nach der Geburt sitze ich mit einer Freundin beim Italiener.
Dann vibriert mein Handy. „Bitte kommen, Ole trinkt nicht.“ Ich zahle und
renne los. Es ist vorerst das Ende unserer gleichberechtigten Elternschaft.
Das Ende eines leichtfertig geträumten Traums.
## Im Krisenmodus
Ole geht in einen Stillstreik. Er verweigert die Flasche – und lässt sich
nicht mehr anlegen. Er schreit und wütet, jedes Mal, bis er irgendwann
trinkt, hastig, unter Stress. Oft muss ich ihn dabei stehend in den Armen
wiegen und wippen.
Meine Gedanken kreisen: Was, wenn wir Ole doch an die Flasche mit Premilch
gewöhnen, den Stillstreik brechen und abstillen? Doch schon nach der Geburt
hatte man mir im Krankenhaus klar gemacht, dass „eine gute Mutter ihr Kind
stillt“. Also klammere ich mich an unsere Stillbeziehung.
Nach ein paar Wochen ist der Spuk vorbei. Trotzdem bleibt die Erleichterung
aus. Mein Partner geht nun wieder voll arbeiten und ich frage mich: Wann
nur fühlen sich die Tage wieder leichter an? Einmal die Woche geht mein
Freund nach der Arbeit zum Sport. Ich liege im Bett, Ole an der Brust. Er
schlägt und strampelt – ah, jetzt schießt die Milch, jetzt ist Ruhe.
Nur ich bin nicht ruhig, ich bin wütend. Auf unsere Gesellschaft, der ihre
Dörfer abhanden gekommen sind. Den Feminismus, der mir etwas versprochen
hatte, das sich nicht einlösen will. Und auf meinen Freund, der gerade beim
Sport seinen Kopf freimacht, während ich wie jeden Abend reglos unser Kind
in den Schlaf stille, weil Ole so nun mal am besten einschläft. Zugleich
soll wenigstens er einen Ausgleich haben. Wir sind uns einig: Niemandem ist
geholfen, wenn beide ausbrennen. Trotzdem bin ich wütend. Fühlen andere
Mütter auch so?
Ich habe nur wenig Kontakt zu anderen Müttern mit Kindern im gleichen
Alter. Dabei sehe ich jeden Tag, wie sie allein durch die Straßen
schlurfen, ein Baby vorm Bauch, tragend, schiebend. Ich sehe sie beim
Rückbildungskurs, beim Babyschwimmen, im Elterncafé. Aber Anschluss finde
ich nicht. Ich bin zu müde, beim Smalltalk nach Gemeinsamkeiten zu suchen,
die über das Muttersein hinausgehen.
Im Herbst 2025 ergab eine Umfrage unter 1.000 Frauen in Deutschland, die
seit 2020 Kinder bekommen haben, dass sich 67 Prozent von ihnen einsam
fühlen. Mehr als die Hälfte beschrieb die Einsamkeit als „tiefgreifend“.
Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH ergab im selben Jahr zudem: Fast 70
Prozent der befragten Eltern fühlten sich ausgebrannt.
## Zwischen Utopien und verpassten Gelegenheiten
Natürlich gibt es sie, die anderen Entwürfe von Elternschaft. Wir müssten
nicht mal aufs Dorf ziehen, um solche kollektiven, solidarischen Modelle zu
leben. So manche queere Familie macht es längst vor und erzieht [1][ein
Kind zu dritt], als gleichberechtigte Co-Parents. Co-Housing wiederum ist
ein Konzept, bei dem Familien in einer Lebensgemeinschaft die Sorgearbeit
auf viele Schultern verteilen.
Schon in den 1990er Jahren entwickelte die feministische Philosophin Nancy
Fraser das Universal Caregiver Model: Alle Menschen übernehmen Sorgearbeit
und gehen lohnarbeiten. Das ginge, wenn die Arbeitszeit stark verkürzt und
Sorgearbeit aufgewertet, also Wirtschaft, Sozialstaat und
Geschlechterverhältnisse so richtig umgekrempelt würden. Vier Stunden
Erwerbsarbeit, vier Stunden Sorgearbeit, vier Stunden Freizeit, wäre so
eine Idee zur Aufteilung. Dafür müssten wir die Komfortzone unserer
heimeligen Kernfamilien nicht einmal verlassen. Wenn wir dann noch SoMiWis
gründen würden, Solidarische Milchwirtschaften, würden auch stillende
Personen entlastet …
Schöne heile Welt. Ich brauche sie aber jetzt, die Hilfe im Alltag. Während
Ole schläft, scrolle ich mich durch Babysitting-Portale. Aber da ist ein
Störgefühl. In der Uni scanne ich das schwarze Brett nach einer netten
Studentin, die auf Ole aufpassen möchte, für einen bezahlbaren Stundenlohn.
Leider nichts.
An einem Gleis sehe ich eine Plakatwerbung: Ein „Wellcome Engel“ lacht mich
an. Eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt und Baby auf dem Arm. „Spende
Zeit, schenke Entlastung, gewinne Freude“ steht da. Das Projekt vermittelt
Ehrenamtliche – meist pensionierte Frauen – an Familien mit Babys, die sich
Hilfe mit der Sorgearbeit wünschen. Auf der Webseite ist sogar von dem
berühmten „Dorf“ die Rede. Wie maßgeschneidert für meine Not! Ich sollte
bald dort anrufen.
Ein paar Tage später brechen Ole und ich auf zu einer Krippe. Auf
Kleinanzeigen war ich auf die Annonce der beiden Tagesmütter gestoßen. Auf
dem Weg meldet sich mein Handy: „Wellcome Engel anrufen.“ Ich schiebe die
Erinnerung auf die nächste Woche.
Eine der beiden Tagesmütter empfängt mich im 1. OG eines Altbaus. Ich bin
nervös. Ole schaut sich neugierig nach den Kleinkindern um, die durch die
Wohnung wackeln. Es ist sauber und friedlich, die beiden Frauen herzlich
und kompetent. Ich frage, ob ich Ole auch nur gelegentlich und stundenweise
vorbeibringen könnte. Leider nein, aus finanziellen Gründen.
Draußen wundere ich mich: Anstatt enttäuscht zu sein, dass es nicht klappt,
bin ich erleichtert. Wieso bloß? Ich suche doch Unterstützung! Die Woche
drauf nervt mein Handy wieder: „Wellcome Engel anrufen.“ Ich deaktiviere
die Erinnerung. Warum fühlt sich keines dieser Angebote richtig an? Warum
dieser Selbstboykott?
## Scham, Schuld und Kapitalismus
Die Medizinische Hochschule Hannover hat im November Ergebnisse einer
Studie präsentiert: Mütter, die sich in ihrer Elternrolle weniger sicher
fühlen, leiden unter größerem psychischen Stress. Unsicher seien sie wegen
verinnerlichter Normen und Ideale, die sich nicht erfüllten.
Ja, ich fühle mich unsicher. Das passt nicht zu dem Bild, das ich von mir
als Mutter hatte. Ich dachte, ich würde das alles wuppen, ohne zu klagen,
selbstbewusst und leichtfüßig. Da ist dieser Ehrgeiz, den ich nicht mag:
Wenn alle anderen das schaffen – allein –, dann muss ich da mithalten
können. Hilfe anzunehmen, würde bedeuten, abhängig zu sein, Kontrolle zu
verlieren und Schwäche einzugestehen. Das Leistungsprinzip ist mir bis an
den Wickeltisch gefolgt und ich werde es einfach nicht mehr los.
In dieser Zeit denke ich oft an meine verstorbene Mutter. Sie fehlt nochmal
anders, seit es Ole gibt. Sie war die Alleinerziehende eines
Kuckuckskindes. Weil sie beruflich viel unterwegs war, gab sie mich oft in
die Obhut der Familien meiner Freund:innen, in den Ferien, an Wochenenden,
unter der Woche. Solidarisch nahmen sie mich auf.
Meine Mutter hat mir früh beigebracht, selbständig zu sein, aber wie man um
Hilfe bittet oder sie annimmt, habe ich nicht gelernt. Wann immer mir meine
Freunde eine Hand reichen wollen, lehne ich dankend ab. Warum würde ich die
Hilfe meiner Mutter annehmen, aber die meiner Freund:innen nicht? Auch
meine Freund:innen mit Kindern haben meine Betreuungsangebote selten bis
gar nicht angenommen, trotz großer Erschöpfung. Wir sehen uns als
Wahlverwandte, sind uns näher als mit den eigenen Cousins. Aber Hilfe
annehmen? Da würde man ja zur Last fallen, das fühlt sich an, wie zu viel
verlangt.
Dabei gab es diesen einen flüchtigen Moment. Kurz nach dem Vorfall am
Wickeltisch, als meine kraftlosen Arme drohten, Ole fallen zu lassen. Wir
verbringen ein Wochenende mit Freunden im Ferienhaus. Einer schaut mich
besorgt an: „Du siehst müde aus.“ Er nimmt mir Ole aus den Armen und läuft
mit ihm im Fliegergriff durch den Garten. Auch andere tragen mein Kind eine
Runde herum, ganz selbstverständlich.
Auf einer Bank vor dem Haus sacke ich zusammen. Wie gut es tut, die
Verantwortung loszulassen. Dann denke ich an nächste Woche: stillen,
wickeln, in den Schlaf begleiten, repeat. Immerhin spüre ich wieder ein
bisschen Kraft in meinen Armen. Eine Freundin gibt mir Ole zurück, schon
wieder vorbei die Pause. Aber da ist es ja, das Dorf. Zumindest für einen
Augenblick.
*Die Namen der Autorin und des Kindes sind Pseudonyme.
8 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Juno Sorge
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