# taz.de -- Internationale Anwältin zu Empowerment: „Gesetzentwürfe, die auf dem Papier bleiben, reichen nicht“
> Wie kann man Menschen in Konfliktregionen rechtlich beistehen? Unsere
> Autorin gibt einen Einblick in ihre Arbeit als Anwältin für Frauenrechte.
(IMG) Bild: Natasha Latiff
Ich sehe mich als internationale Anwältin an der Schnittstelle von Gender,
Justiz und institutionellen Reformen, meist in Konflikt- oder
Krisenländern.
Dort arbeite ich seit fast zwei Jahrzehnten mit lokalen Akteur:innen, die
unter extrem schwierigen Bedingungen versuchen, die Justiz
aufrechtzuerhalten. Ich unterstütze sie bei Rechtsreformen, vertrete
weibliche Überlebende in komplexen Fällen und entwickele Programme, die
Frauen den Zugang zur Justiz erleichtern.
Ich habe Initiativen gegründet und geleitet, die Rechtshilfe anbieten,
Ressourcen für Justizarbeit mobilisieren und Fachkräfte im Umgang mit
geschlechtsspezifischer Gewalt stärken.
Oft sind es Frauen in fragilen Staaten, deren Erfahrungen jedoch selten
Eingang in globale Debatten finden. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit
besteht deshalb darin, solche Frauen mit politischen Plattformen und
Netzwerken zu verbinden, damit ihr Wissen in internationale Diskurse
einfließt.
## In der Praxis ankommen
Viele der Frauen, mit denen ich arbeitete, standen unter massivem
politischem Druck. Sie mussten gesellschaftlichen Widerstand aushalten und
gingen nicht selten ein persönliches Risiko ein. Trotzdem setzten sie ihre
Arbeit fort, unterstützten Überlebende, hielten Institutionen
funktionsfähig oder bauten neue auf.
Eine von mir mitgegründete Organisation unterstützt [1][Frauen in
Afghanistan] mit psychosozialer Hilfe und Fortbildungen für Fachkräfte.
Ziel ist es, Frauen Orientierung zu geben und Frauen darin zu bestärken,
diese Arbeit lokal fortzuführen.
Mein Weg wurde früh von Anwältinnen und Reformerinnen geprägt, die sich in
Kontexten instabiler Institutionen und widriger Machtverhältnisse für
Gerechtigkeit einsetzten.
Die enge Zusammenarbeit mit ihnen veränderte mein Verständnis von Justiz
grundlegend: Gesetzentwürfe, die auf dem Papier bleiben, reichen nicht.
Entscheidend sind Führungsstärke, belastbare Beziehungen und
Beharrlichkeit, damit rechtliche Veränderungen tatsächlich in der Praxis
ankommen.
## Fortschritt ist nicht linear
Was mich heute antreibt, ist die Überzeugung, dass diese Akteurinnen nicht
isoliert bleiben dürfen. Ihre praktischen Kenntnisse, Wissen und ihre
Analyse komplexer Systeme sind unverzichtbar, um Gerechtigkeit zu
realisieren. Durch die Arbeit habe ich gelernt: Fortschritte verlaufen
selten linear. Reformen entstehen meist schrittweise, durch zähe
Verhandlungen und kreative Lösungen innerhalb stark begrenzter Systeme.
Um diese Arbeit über lange Zeit leisten zu können, muss man körperlich und
emotional gut aufgestellt sein. Sonst verliert man schnell die Hoffnung.
Wichtig ist: die Belastung nicht zu individualisieren. Die Menschen, die am
nächsten dran sind, können sich nicht einfach zurückziehen, sondern leben
dauerhaft in diesen Realitäten.
Es gibt Situationen, in denen Rückzug keine Option ist. Manche Krisen
dauern Jahre. Dann heißt es, zu akzeptieren, über lange Zeit im Krisenmodus
zu arbeiten.
Zwischen diesen Phasen versuche ich, das zu tun, was viele tun, um geerdet
zu bleiben: Sport, Zeit im Freien, lesen und bewusst nach Momenten von
Humor und Freude im Alltag suchen. Diese Routinen helfen mir, inmitten
anhaltender Belastungen handlungsfähig zu bleiben, ohne den Kontakt zu mir
selbst und zu den Menschen, mit denen ich arbeite, zu verlieren.
## Roopa als Beispiel
[2][Solidarität ist keine symbolische Idee], sondern eine langfristige
Verpflichtung. Wer Gerechtigkeit in schwierigen Umgebungen fördern will,
muss bereit sein, sich über Jahre – manchmal Jahrzehnte – zu engagieren,
weil echte Veränderungen selten schnell geschehen.
Solidarität heißt für mich, in langen Zeiträumen zu denken: Beziehungen
aufzubauen, die auf Vertrauen beruhen, verlässlich präsent zu bleiben und
Partner auch dann zu unterstützen, wenn Fortschritte stocken oder
Rückschläge eintreten. In der Praxis bedeutet das, auch anzuerkennen, dass
jene, die einem Problem am nächsten sind, meist am besten wissen, wie
Systeme verändert werden müssen – ihre Führungsrolle zu stärken, statt sie
zu ersetzen, ist für mich Kern gelebter Solidarität.
Roopa lernte ich über die [3][Young Global Leaders Community] des
Weltwirtschaftsforums kennen. Wir nahmen an einem Programm zu
Führungsfragen teil, wo wir erstmals Zeit miteinander verbrachten und
gemeinsame Interessen entdeckten. Roopa engagiert sich für den besseren
Zugang von Frauen zur Gesundheitsversorgung – ein Feld, das eng mit meiner
eigenen Arbeit an Gender und Justiz verknüpft ist.
Besonders beeindruckt hat mich, wie früh Roopa ihre Berufung fand: Bereits
mit neun Jahren wusste sie, wofür sie ihr Leben einsetzen wollte. Roopas
Stärke liegt in ihrer Fähigkeit, sich in verschiedenen Welten zu bewegen –
Wissenschaft, Praxis und Bewegungsaufbau – und Brücken zwischen Ideen,
Institutionen und Menschen zu schlagen.
Noch eindrucksvoller ist jedoch, wie authentisch Roopa ihre Werte lebt.
Einmal waren wir auf einer Party, auf der Roopa spontan mit einer jungen
Frau ins Gespräch kam. Obwohl sie sich nicht kannten, ermutigte Roopa sie,
über ihre Ziele nachzudenken und größere Träume zu wagen. Auch in
alltäglichen Begegnungen jenseits des Berufs bleibt sie konsequent integer
und inspirierend.
6 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /IFFF-Dortmund-Koeln-goes-Berlinale/!6155599
(DIR) [2] /Zusammenleben-in-Israel/!6155624
(DIR) [3] https://www.younggloballeaders.org/home
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