# taz.de -- Unterhalt für Kinder Alleinerziehender: Den Disco-Vätern auf der Spur
> Um mehr Geld von säumigen Vätern zurückzubekommen, schafft Hamburg ein
> neues Zentralamt für Unterhaltsvorschuss. Ziel sind 15 Prozent
> Rückholquote.
(IMG) Bild: Teuer für die Stadt: Fast die Hälfte der Väter von Kindern Alleinerziehender kann keinen Unterhalt zahlen
Im vergangenen Jahr hat Hamburg über 95 Millionen Euro ausbezahlt, um den
Unterhalt für rund 27.000 [1][Kinder von Alleinerziehenden] vorzuschießen.
Nur in 11,1 Prozent der Fälle gelang es, dieses Geld von den säumigen
Eltern – meistens den Vätern – einzutreiben. Das ist zu wenig, findet
Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD). Deshalb richtet die Stadt ein
[2][neues Zentralamt für den Unterhaltsvorschuss] ein. Die bisher auf die
sieben Bezirke verteilte Aufgabe wird dort gebündelt.
Ab April sollen sich 106 Mitarbeitende darum kümmern. Die Zentrale sitzt im
Bezirksamt Wandsbek, das sich bereits in der Vergangenheit durch eine
höhere „Rückholquote“ auszeichnete. Das Neue: Die Bewilligung und die
Rückholung der Gelder werden von derselben Person bearbeitet. Das Ziel ist
es, bis 2028 eine Rückholquote von 15 Prozent zu erreichen, so Dressel bei
der Vorstellung. Dies sei ein „ambitioniertes, aber mit den eingeleiteten
Maßnahmen machbares Ziel“.
Das würde rund 3,7 Millionen Euro mehr in die Kassen der Stadt spülen. Das
Ganze gilt als Pilotprojekt für eine effizientere Sozialverwaltung. Dabei
gehe es auch um eine „Torwächterfunktion“, die verhindern soll, dass der
Vorschuss unberechtigt gezahlt wird. Dieser beträgt für ein Kind bis 5
Jahren 227 Euro, für ein Kind von 6 bis 12 Jahren 299 Euro und für ein Kind
von 13 bis 18 Jahren 394 Euro pro Monat. Bis zum 18. Lebensjahr sind das
rund 66.000 Euro plus Zinsen.
Laut Dressel gibt es verschiedene Gründe, warum so wenig Geld von den
Vätern zurückzuholen ist. Das neue Zentralamt teilt diese in fünf Gruppen
ein. Fast die Hälfte der Väter – 48 Prozent – gilt als „nicht
leistungsfähig“, beispielsweise weil sie von staatlicher Hilfe leben,
bereits Rentner sind oder sich in Haft befinden. Weitere 10 Prozent gelten
als „nicht realisierbar“, da die Väter verstorben sind, sich im Ausland
aufhalten oder ihre Adresse unbekannt ist.
## Mehr Hinterhertelefonieren und Hausbesuche
Nur 7 Prozent sind „Vollzahlende“, die aber auch nach drei Monaten aus der
Zuständigkeit des Amtes verschwinden, da sie direkt an die Mütter zahlen.
Weitere 15 Prozent sind „teilweise leistungsfähig“, das heißt, sie haben
ein kleines Einkommen, von dem sie nur einen Teil des Unterhalts zahlen
können.
Interessant ist dabei, dass mit dem aktuellen Mindestlohn von rund 1.700
Euro netto im Monat in Hamburg kein Elternteil zum vollen Unterhalt
verpflichtet werden kann, wie die stellvertretende Projektleiterin Nicole
Eisert betont. Denn nach Abzug des Eigenbedarfs bleibe wegen der hohen
Mieten nichts übrig.
Weitere 20 Prozent der Väter gelten als „fiktiv leistungsfähig“ – diese hat
Dressel nun im Fokus. Die Stadt habe keine verlässlichen Informationen
darüber, ob sie zahlen können oder nicht, sagte er. Mit mehr Recherche und
„Hinterhertelefonieren“ gebe es jedoch die Chance, diesen Anteil zu
reduzieren.
Dafür soll es einen neuen „Außendienst“ geben, der unklare Sachverhalte
aufklärt. „So etwas hatten bisher nur einige gut aufgestellte
Bezirksämter“, ergänzte der Sozialdezernent des Bezirks Wandsbek, Tom
Oelrichs. Da sehe man teils schon am Klingelschild, dass die Familien
zusammenleben. „Was uns erst mal freut.“
Das sei dann aber kein Fall für den Unterhaltsvorschuss. In einer
eheähnlichen Gemeinschaft leiste man gegenseitig Unterhalt. „Dann ist das
vielleicht sogar ein Fall für die Staatsanwaltschaft“, sagt Oelrichs. Auch
Dressel schließt Strafverfahren zur Abschreckung nicht aus. Dazu habe den
meisten Bezirksämtern bisher die Kapazität gefehlt.
## Mütter werden nach Erzeuger befragt
Auch bei der fünften Gruppe der unbekannten Vaterschaften, ämterintern auch
„Disco-Bekanntschaften“ genannt, verspricht sich Dressel mehr Erfolg. Am
häufigsten sei zu hören: „Hab’ ich in der Disco kennengelernt, kenne ich
nicht, und das Ganze hatte Folgen“, sagt Oelrichs.
Es gebe jedoch Bezirksämter mit 11 Prozent solcher Fälle und welche mit 0
Prozent. Da liege die Vermutung nahe, dass sich die Mütter bei näheren
Nachfragen doch daran erinnern können, wer für das Kind verantwortlich ist.
„Und das tun die Null-Prozent-Bezirksämter“, sagt Oelrichs.
Unterm Strich kostet das neue Amt zunächst 1,8 Millionen Euro jährlich an
Projektmitteln. Perspektivisch sollen 13 Stellen hinzukommen. Dressel
betont, dass es in erster Linie darum gehe, diese Leistung bei Bedarf zu
gewähren und Kinderarmut zu verhindern.
Mit dem neuen Zentralamt nehme man nicht nur Anregungen des Rechnungshofs
auf. „Wir wollen hier auch im Kleinen zeigen, wie [3][Sozialstaatsreform]
funktionieren kann“, sagt Dressel. So entspreche diese Zentralisierung der
14. Empfehlung der [4][„Kommission zur Sozialstaatsreform]“ (KSR) im Bund,
an der Hamburg fleißig mitarbeite.
## Bei Bürgergeld alles wieder abgezogen
Ein offenbar bekanntes Problem ist, dass Unterhaltsvorschuss auf
existenzsichernde Sozialleistungen wie das bald in „Grundsicherung“
umbenannte Bürgergeld komplett angerechnet wird. „Die Mütter müssen zum
Unterhaltsvorschuss-Amt, haben den ganzen Ärger mit den übergriffigen
Fragen dort und hinterher wird der ganze Vorschuss abgezogen und sie haben
keinen Cent mehr für ihr Kind“, fasst eine Sozialarbeiterin die Erfahrungen
zusammen.
Hierzu sieht die 13. Empfehlung dieser KSR vor, „den Parallelbezug von
Unterhaltsvorschuss und existenzsichernden Sozialleistungen zu beenden“, um
unnützen Verwaltungsaufwand zu sparen. Laut Dressel könnte es dazu kommen.
„Aber wer nicht geschont wird, sind die Unterhaltspflichtigen“, schränkt er
ein. „Die müssen natürlich trotzdem zahlen.“
Der familienpolitische Sprecher der Linken, Jan Libbertz, sagt: „Wir
glauben nicht an die viel zitierten ‚Disco-Väter‘ oder [5][Geschichten von
Betrügereien] von Unverheirateten, die eigentlich zusammenleben.“ Hamburg
habe eine ungewöhnlich hohe Quote von „sonstigen“ Gründen für nicht
eingetriebene Vorschüsse.
Er vermutet hinter den offenen Millionenbeträgen wohlhabende Väter mit
guten Anwälten, die nicht nachdrücklich genug verfolgt werden. Das neue Amt
müsse diese Beträge eintreiben, damit sie in der Jugendarbeit verbleiben.
Das sei der Topf, aus dem diese Vorschüsse kommen.
11 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Alleinerziehende-in-Armut/!6066447
(DIR) [2] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/senat/presseservice-des-senats/landespressekonferenz/finanzen-und-bezirke-unterhaltsvorschuss-1154832
(DIR) [3] /Reform-des-Sozialstaats/!6148059
(DIR) [4] https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Soziales/Modernisierung-Sozialstaat/abschlussbericht-sozialstaatskommission.html
(DIR) [5] /Sozialverband-zu-Sozialstaatsreform/!6149005
## AUTOREN
(DIR) Kaija Kutter
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