# taz.de -- Alternativen zum Patriarchat: Eine Welt der FLINTA*s
> Viele Feminist:innen träumen vom Matriarchat. Hilfreicher könnte ein
> Konzept aus Mailand sein, das über Generationen hinweg verbindet.
(IMG) Bild: Gelebtes Matriachat: Frauen der Mosuo-Ethnie am Lugu See in Yunnan, China
Die Mosuo, ein indigenes Volk in China, leben in einer gesellschaftlichen
Organisation, die man als Matriarchat beschreiben kann. Dort leben die
Menschen in Großfamilien mit Haushaltsvorsteherinnen. Land und Eigentum
werden über die mütterliche Linie an die Töchter vererbt. Männer wohnen ihr
Leben lang im Haus ihrer Mutter und sind hauptverantwortlich für die Kinder
ihrer Schwestern.
Die [1][Idee eines Matriarchats], so oder anders geartet, hat mich und
viele Feminist:innen vor mir fasziniert. Eine Welt, in der es keine
Männerherrschaft gibt, sondern Frauen oder vielleicht besser
FLINTA*-Personen das Sagen haben, klingt fast zu schön, um wahr zu sein.
Und schon bei diesem Satz merke ich, wie mein hoffnungsvolles Träumen durch
skeptisches Grübeln abgelöst wird. Wer hätte im Matriarchat das Sagen,
Frauen oder alle FLINTA*s? Und klingt „das Sagen haben“ nicht auch etwas
autoritär?
Ob es in Gesellschaften wie der Mosuo wirklich [2][solidarischer unter
Frauen] zugeht, kann ich nicht beantworten, weil ich im Patriarchat
aufgewachsen bin. Aus dieser Perspektive erscheint mir alles ohne
Männerherrschaft wie ein Paradies. Außerdem lässt sich die Mosuo-Struktur
nicht einfach kopieren. Wir sind ökonomisch, politisch und sozial ganz
anders aufgebaut. Was für uns auf den ersten Blick nach einer real
umgesetzten Utopie klingt, mag für die Frauen der Mosuo etwas sein, womit
sie vielleicht selbst hadern.
## Wir leben in einem männlichen System
Statt von einem Matriarchat zu fantasieren, sollten wir lieber solidarische
Netzwerke zwischen FLINTA* Personen aufbauen und stärken.
Bei der Umsetzung hilfreich ist das [3][„Affidamento“-Konzept], das aus der
Libreria delle donne di Milano, einem Mailänder Frauenbuchladenkollektiv
hervorgegangen ist. Ins Deutsche übersetzt heißt Affidamento etwa „sich
anvertrauen“. Das Kollektiv wird dem italienischen Differenzfeminismus
zugerechnet. Ihr Ziel ist es, Geschlechterverhältnisse anders zu denken,
denn darum geht es dieser Art des Feminismus – nicht, wie im deutschen
Diskurs oft falsch verwendet, um eine Form des Essentialismus.
Der Differenzfeminismus möchte darauf aufmerksam machen, dass das System,
in dem wir leben, an sich männlich ist. Sprache, Kultur, Politik und
Wirtschaft wurden von (cis-)Männern geschaffen und funktionieren nach
(cis-)männlichen Denkmustern. Die originale Theorie spricht nur von Männern
und Frauen, was der Zeit ihrer Entstehung geschuldet ist. Ich interpretiere
sie aber Gender-inklusiv und spreche daher von Cis-Männern und FLINTA*s.
Statt also FLINTA*s darin zu integrieren und damit patriarchale Muster
fortzuschreiben, ist der zentrale Baustein des Differenzfeminismus, der
gemeinsamen Welt der (cis-)Männer in allen Bereichen eine gemeinsame Welt
der FLINTA*s entgegenzusetzen.
## Bro-Culture erhält das Patriarcht am Leben
Egal ob am Arbeitsplatz, im Sportverein oder privat, cis-Männer bilden
quasi automatisch homosoziale Bünde und vernetzen sich, sprechen sich
gegenseitig Wert zu und machen die Arbeit anderer Männer sichtbar. Diese
[4][sogenannte Bro-Culture] ist Wurzel und lebenserhaltende Maßnahme des
Patriarchats zugleich. Alleine können FLINTA*s dem kaum begegnen, sie
brauchen ein Gewebe von Beziehungen untereinander.
Dabei geht es nicht darum, einfach nur solidarisch unter FLINTA*s zu sein
und eine Gleichheit zu imaginieren. Im Gegenteil, die Andersartigkeit von
FLINTA*s soll bereichernd wirken und nicht bedrohlich sein.
In der Praxis des Affidamento geht es bewusst nicht nur, aber auch, um die
Mutter-Tochter Beziehung. Es wird vor allem auch von symbolischer
Mutterschaft gesprochen, die aus intergenerationellen Freundinnenschaften
von FLINTA*s bestehen soll und in der die jüngeren FLINTA*s sich den
älteren anvertrauen, damit neue FLINTA*-Netzwerke entstehen.
FLINTA*beziehungen sollen allerdings nicht nur im Privaten bleiben, sondern
überall dort entstehen, wo FLINTA*s zusammentreffen. Also zum Beispiel
zwischen Lehrerin und Schülerin, Professorin und Studentin, zwischen
Arbeitskolleginnen. FLINTA*s sollen entdecken, um es in den Worten der
Mailänderinnen zu sagen: „Dass es notwendig ist, die Beziehungen zu anderen
FLINTA*s besonders zu pflegen und sie als unersetzliche Quelle persönlicher
Stärke, geistiger Originalität und sozialen Eingebunden-Seins zu
betrachten.“
## Kampf gegen die Einmischung
In dieser „gemeinsamen Welt der FLINTA*s, die sie sich vorstellen, soll das
gesamte weibliche Geschlecht einen positiven Wert erhalten und die
Zugehörigkeit dazu soll zur Quelle von Identität und Reichtum werden.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch zu erwähnen, dass die
Mailänderinnen wissen, dass diese Art von Beziehungen oft spontan zwischen
FLINTA*s entstehen. Ihnen geht es aber darum, dass FLINTA*s sich dem
Potenzial einer solchen Beziehung bewusst werden und sich öffentlich zu
dieser Quelle von Stärke bekennen.
Die Theoretikerin Britta Kroker schreibt, die Idee des italienischen
Differenzfeminismus sei es, Feminismus nicht nur als Protest gegen Männer
als Unterdrücker zu verstehen, sondern vor allem als das Zusammensein mit
FLINTA*s beziehungsweise als Kampf gegen die Einmischung der cis-Männer in
stabile FLINTA*-Beziehungen und Netzwerke. Für mich ist das die Utopie, die
dem Matriarchat am nächsten kommt.
9 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Raweel Nasir
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