# taz.de -- Gisele Pelicot und die Nachwirkungen: Wie sich Scham verwandeln lässt
> Gisèle Pelicot hat einem Gefühl zu neuer Aufmerksamkeit verholfen – der
> Scham. Aber was ist Scham? Wann ist sie fehl am Platz? Worin liegt ihre
> Kraft?
(IMG) Bild: Gisèle Pelicot, hier vor dem Gericht in Avignon, bezeichnete die Scham als zweite Strafe
Als Jugendliche lag ich bei einer Hausparty betrunken im Bett des
Gastgebers. Plötzlich wurde ich wach, weil ich jemandes Hand in meiner Hose
spürte. Ich sagte nichts, aber versteifte mich derart, dass diese Person –
ein Klassenkamerad, den ich seit der Grundschule kannte – nicht
weitermachen konnte. Es war die erste wirklich übergriffige Handlung eines
Mannes, die mir widerfuhr. Ich schämte mich dafür, was passiert war, und
ich schämte mich, nichts gesagt zu haben. Neulich habe ich den Typen
wiedergesehen. Ich sagte immer noch nichts – und schämte mich erneut.
Als sich Gisèle Pelicot dazu entschied, ihren Prozess öffentlich zu machen,
sagte sie, [1][dass die Scham die Seiten wechseln müsse]. Nicht sie habe
sich zu schämen dafür, dass ihr Mann sie über neun Jahre betäubte,
vergewaltigte und von anderen Männern hatte vergewaltigen lassen, sondern
die Täter. Diese 51 Männer sollten also nicht hinter verschlossenen
Gerichtstüren sitzen, sondern im Licht der Öffentlichkeit. Indem Pelicot
die Scham umkehrte, machte sie sichtbar, wie ambivalent Scham ist und dass
sie unter Umständen nützlich sein kann.
Scham fühlt sich schlimm an, denn sie tritt auf, wenn wir denken, etwas
falsch gemacht zu haben. Sie beweist, dass wir soziale Wesen sind. Wer sich
schämt, erkennt, dass das eigene Handeln Auswirkungen auf andere hat. Die
Person, die sich zu Recht schämt, kann Verantwortung übernehmen, die eigene
Schuld anerkennen und um Verzeihung bitten. Danach kann sie die Scham
loslassen. Wenn wir eine Grenze überschreiten, ist Scham ein soziales
Korrektiv, das Beziehungen schützen kann. Der Unterschied zwischen Schuld
und Scham? Schuld ist derjenige, der etwas falsch gemacht hat, es ist eine
Zuweisung. Scham ist das Gefühl, das daraus entsteht.
Was gesellschaftlich als falsch betrachtet wird, ist jedoch nicht objektiv
festgelegt, sondern kulturell bedingt. Wer weiß also schon so genau, ob die
Scham auch wirklich immer berechtigt ist? Weil es massenhaft merkwürdige
Regeln gibt, die bestimmen, wofür man sich schämen sollte und wofür nicht,
ist sie häufig unnütz, in manchen Fällen sogar gefährlich. Auch in meinem
Fall, das beurteile ich heute so. Denn meine Scham basierte auf
patriarchalen Vorstellungen.
## Der verwerfliche Blick
Es beginnt schon weit vor solchen Übergriffen. Schämt sich eine Frau etwa
für ihre Freizügigkeit oder dafür, monatlich zu bluten, verliert Scham
ihren korrigierenden Charakter. Dann zeigt sie keine reale Verfehlung an,
für die die Frau Buße zu tun hat. Stattdessen sollte die Scham bei jenen
liegen, die sie dafür verurteilen, wenn sie mit vielen Personen schläft
oder knappe Röcke trägt. Ihr Blick auf diese Frau ist das Verwerfliche.
Destruktive Scham empfinden Opfer von sexualisierter Gewalt häufig. Sie
entsteht etwa dann, wenn ihnen eine Mitschuld gegeben wird: Sie seien – wie
ich bei der Hausparty – betrunken gewesen, hätten nicht „Nein“ gesagt, dem
Täter vielleicht falsche Hoffnungen gemacht. Auch andere patriarchale
Vorstellungen, die eine Frau von klein auf erlernt haben könnte, tragen zu
der Scham bei. Etwa, dass sie sich dafür schämen solle, dass der Täter sie
beschmutzt und sie dadurch ihre Würde verloren habe.
Neben der Gewalt selbst ist diese Scham eine zweite Strafe, die sich das
Opfer selbst auferlegt. Und weil es keine reale Schuld gibt, die anerkannt
und gesühnt werden könnte, kann die Scham nicht als Übergang wirken. Sie
wird zum Zustand, der isoliert und zum Verstummen bringt.
Außerdem stabilisiert diese Form der Scham bereits existierende
Machtverhältnisse. Wenn die Scham beim Opfer liegt, muss der Täter nicht an
sich zweifeln. Es ist das Resultat einer misogynen Gesellschaft: Die
meisten Opfer von sexualisierter Gewalt sind Frauen, aber selbst für Männer
ist sexualisierte Gewalt ‚entmännlichend‘. Egal, ob sie nun von anderen
Männern begangen wird, wie es meistens der Fall ist, oder von Frauen –
Opfer zu sein, ist feminin.
## Fehlende Anerkennung von Schuld
Auch Gisèle Pelicot bezeichnete die Scham, die sie verspürte, nach dem, was
ihr Mann ihr angetan hatte, als zweite Strafe. Da sie den Mut hatte, das,
wofür sie sich schämte, öffentlich zu machen, wies sie die Scham zurück:
Sie sagte, dass sie die Seiten wechseln muss. Wenn sie bei den Tätern
tatsächlich ankommt, könnte die Funktion von Scham wieder greifen. Denn
dort, wo Täter ihre Schuld anerkennen, entsteht zumindest die Möglichkeit
der Veränderung.
In Gisèle Pelicots Fall ließ sich bei einem Großteil der Angeklagten bis
zuletzt aber keine Scham erkennen. Schamgefühle lassen sich schließlich
nicht verordnen. Wenige baten um Verzeihung oder erkannten die eigene
Schuld an. Ganz anders als die Frau eines Täters, die sich verantwortlich
machte: Als ihre Mutter krank wurde, habe sie ihrem Mann den Sex
verweigert. Dass er das Haus der Pelicots aufsuchte, sei also ihre Schuld.
Angenommen, die Scham wird nie vollständig die Seiten wechseln, liegt in
der Scham, die Opfer von sexualisierter Gewalt verspüren, doch ein gewisses
Potenzial: nämlich, wenn sie in Anerkennung durch andere umgewandelt wird.
Auch die berechtigte Scham wird ja dadurch am einfachsten geheilt, wenn
derjenige, der sich schämt, verlorene Anerkennung zurückgewinnt, indem er
um Entschuldigung bittet.
Wenn man sich aber ohne jegliche Schuld schämt, wie es bei Opfern von
sexualisierter Gewalt der Fall ist, braucht es einen anderen Weg. Hier sind
es der Austausch und die Identifikation mit anderen Betroffenen, die
Heilung bringen können. Personen, die verstehen, warum man zum
gewalttätigen Partner zurückgekehrt ist, oder die Tat nicht zur Anzeige
gebracht hat. Gemeinsam kann man die Scham überwinden.
## Geteilte Gefühle
Die Epstein-Überlebende Lisa Phillips sagte [2][in einem Interview mit der
taz], dass sie immer wieder zurückgekehrt sei und deshalb eine Mitschuld
darüber verspürt habe, was ihr angetan wurde: „Das hat sich geändert, als
ich in Kontakt mit anderen Epstein-Überlebenden gekommen war. Da wusste
ich: Sie verurteilen mich nicht, wir können auf einer tieferen Ebene
sprechen, weil wir die gleichen Erfahrungen teilen.“ Aus dem stummen Gefühl
wird ein geteiltes.
[3][Laut einer Schätzung von UN Women] soll fast jede dritte Frau ab 15
Jahren mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexualisierte
Gewalt erfahren haben. Sexuelle Belästigung ist da noch nicht mal
inbegriffen. So grausam es ist, dass so viele Frauen sexualisierte Gewalt
erleben und dieses Schamgefühl kennen könnten, bietet es doch ein Potenzial
dafür, sich zu identifizieren, zu vernetzen und eine öffentliche Debatte zu
führen, die sich in Protest verwandeln kann. In einer Utopie könnte diese
Scham vollständig abgelegt werden. Auch wenn es natürlich am besten wäre,
wenn es ihre Ursache gar nicht erst gäbe.
Patriarchal bedingte Scham verliert einen Teil ihrer Macht, sobald sie
ausgesprochen und von anderen anerkannt wird. Auch in Gisèle Pelicots Fall:
Frauen weltweit verstanden sie, verwandelten die Scham in Wut und gingen in
Solidarität auf die Straße. Das hatte ganz konkrete Folgen. Etwa ein Jahr
nach dem historischen Pelicot-Prozess [4][beschloss Frankreich das
Ja-heißt-Ja-Gesetz], das es in Deutschland bis heute nicht gibt. Es besagt,
dass alle sexuellen Handlungen die explizite Zustimmung des Gegenübers
erfordern.
Öffentlich zu machen, was Gisèle Pelicot passiert ist, kostet Mut, den man
nicht jeder Betroffenen von sexualisierter Gewalt abverlangen kann. Auch
ich habe über meine viel weniger schlimme Erfahrung geschwiegen und mich im
Stillen geschämt. Bis heute.
9 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Memoiren-von-Gisele-Pelicot/!6155045
(DIR) [2] /Epstein-Ueberlebende-ueber-neue-Akten/!6148164
(DIR) [3] https://www.unwomen.org/en/articles/facts-and-figures/facts-and-figures-ending-violence-against-women
(DIR) [4] /Frankreich-beschliesst-Ja-heisst-Ja/!6123396
## AUTOREN
(DIR) Valérie Catil
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