# taz.de -- V-Mann-Affäre in Bremen: Wo Behörden und Opposition faktenfern agieren
> Das Bremer Gemeinwesen ist oft auf lustige Weise seltsam. Aktuell
> durchlebt es eine ernsthafte Krise. Mittendrin die CDU, die den
> Rechtsstaat angreift.
(IMG) Bild: Innensenatorin Eva Högl (SPD): hält an der wahrheitswidrigen Aussage fest, dass Bremens Verfassungsschutz sich an die Regeln halte
Eine Innensenatorin die wahrheitswidrige Pressemitteilungen verschickt,
eine CDU-Fraktion, die mit Misstrauensanträgen gegen Senatorinnen für
Trubel sorgen will, und nach dem [1][Rücktritt von Anatol Anuschewski] der
Rückzug einer weiteren Richterin am Staatsgerichtshof: Das oft auf lustige
Weise seltsame Bremer Gemeinwesen durchlebt aktuell eine ernsthafte Krise.
Anlass ist ein V-Mann-Skandal.
Die örtliche [2][Interventionistische Linke (IL) hatte einen Spitzel in
ihren Reihen enttarnt]. Die IL ist ein loses Bündnis, das gewalttätige
antifaschistische Aktionen nicht verurteilt – aber weder propagiert noch
durchführt. Nach Einschätzung des Bundesamts für Verfassungsschutz hat es
sich 2024 „in Bezug auf Gewalt gegen Sachen verbal radikalisiert“. Diese an
einem programmatischen „Zwischenstandspapier“ festgemachte „veränderte
strategische Ausrichtung“ habe sich jedoch nicht in Aktionen
niedergeschlagen.
Mehr hat auch der Bremer Verfassungsschutz (VS) nicht herausgefunden. Dabei
hatte er 2017 den psychisch therapiebedürftigen und daher auch in
Behandlung befindlichen Dîlan S. angeworben. Der heute 31-Jährige hat sich
dann, um das Amt mit Infos zu versorgen, der IL angeschlossen. Im Bündnis
suchte er sich Sexualpartner*innen und hat mit ihnen romantische
Beziehungen unterhalten. Von Opfern seiner Ausspähung im Beisein von
Rechtsanwalt Anuschewski mit dem Verdacht konfrontiert, hat er das
eingeräumt. Passiert ist Dîlan S. dabei nichts.
## Verfassungsschutz bespitzelte mehrfach rechtswidrig
Zwar verlangt das Bundesverfassungsgericht den sofortigen [3][Abbruch einer
Maßnahme], „wenn erkennbar wird, dass eine Überwachung in den Kernbereich
privater Lebensgestaltung eindringt“. Eva Högl, seit Januar Innensenatorin
in Bremen, ficht das nicht an. In einer Pressemitteilung, in der die
SPD-Senatorin die solidarische Ad-hoc-Initiative „Wir sind alle IL“
kurzerhand mit der IL selbst verwechselt, erklärt sie auch, dass sich „der
Verfassungsschutz stets an die geltenden Gesetze“ halte und „nach klaren
rechtlichen Vorgaben“ arbeite.
Stets – das ist eine Aussage, [4][die zumal in Bremen überrascht].
Schließlich [5][lebt hier der Anwalt Rolf Gössner], den der
Verfassungsschutz [6][einem höchstrichterlichen Urteil zufolge] 38 Jahre
lang rechtswidrig bespitzelt hatte – sogar noch in der Zeit, als er
stellvertretender Richter am Staatsgerichtshof war. Einer der ehemaligen
Chefs des Bremer Landesamtes hatte sich damit gebrüstet, als Jugendlicher
Hakenkreuze geschmiert zu haben. Ein anderer war darüber gestürzt, dass er
einen Angehörigen von Adolf Hitlers Leibstandarte beschäftigte.
## Mini-Geheimdienst hält Herz der Demokratie für verdächtig
Die sind mittlerweile wahrscheinlich alle tot. Aber auch 2021 noch war der
Mini-Geheimdienst auffällig geworden. Er schöpfte einfach die Daten aller
Demo-Anmelder*innen ab, sprich: Er hält das Herz der Demokratie,
zivilgesellschaftliches Engagement, grundsätzlich für verdächtig.
Sowohl [7][Staatsrechtler*innen als auch die damalige
Landesdatenschutzbeauftragte stufen diese Praxis als verfassungswidrig
ein.] Auf taz-Nachfrage hält Högl allerdings an der wahrheitswidrigen
Aussage fest, dass Bremens Landesamt für Verfassungsschutz „stets im Rahmen
aller geltenden Gesetze und Vorgaben“ arbeite. Auch die offensichtlich
falsche Zuschreibung, nach der die Soli-Adresse für die IL von der IL
selbst stamme, bekräftigt die Innensenatorin.
Wenn die der Wahrheit verpflichteten Behörden verbal faktenfern agieren,
kann nicht überraschen, dass auch die Opposition alle Rücksichten auf die
Wirklichkeit fahren lässt. Die CDU-Fraktion macht mit zahlreichen
Verlautbarungen und Aussendungen zum Betreff Linksextremismus Stimmung. Mit
dem habe man nämlich in Bremen „ein enormes Problem“, so Fraktionschefin
Wiebke Winter.
Der IL unterstellte sie in einer Pressekonferenz, sie scheue „nicht davor
zurück, selbst Gewalt anzuwenden“: Woher sie das hat, ist unklar. Der
VS-Bericht, auf den sie verweist, besagt genau das Gegenteil. Ihren
Misstrauensantrag gegen die Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt und die
Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (beide Linke) stützte sie auf die
damit verwobene Personalia am Bremer Staatsgerichtshof.
Denn kurz bevor dieser seinen Rückzug vom Ehrenamt erklärte, bezeichnete
Winter namentlich die Anwesenheit von Anwalt Anuschewski beim
V-Mann-Enttarnungsgespräch als Beleg für „linksextremistische
Verstrickungen“ der Regierungspartei, was sie nun Bernhard und Vogt
persönlich zur Last legt.
Adolf Claussen war während zwei Wahlperioden selbst Stellvertretender
Richter am Bremer Staatsgerichtshof. Er ist entsetzt: „Es wird immer
trumpistischer hier“, sagte er der taz. „Wieso kann die Vertretung von
Mandanten, die einigen oder vielen nicht genehm sind, einen Rechtsanwalt
für ein Amt am Staatsgerichtshof disqualifizieren?“, so der ehemalige
Direktor des Bremer Arbeitsgerichts.
In der Analyse stimmt er mit dem Bremischen Anwaltsverein von 1879, dem
Republikanischen Anwältinnen- und Anwälteverein, der Vereinigung
Demokratischer Juristinnen und Juristen, der Humanistischen Union und dem
Verfassungsblog überein: Was sich hier abspielt, muss als [8][Angriff auf
die unabhängige Anwaltschaft] gelten, ohne die es einen Rechtsstaat nicht
geben kann.
Aber das ist auch den Koalitionären wumpe. So hatte im schneidensten
AfD-Ton der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Emanuel Herold, als einer der
Ersten im Land „den umgehenden Rücktritt“ Anuschewskis vom Richteramt
gefordert, eben weil dieser bei der Enttarnung dabei gewesen sein soll. Und
das gelte „auch, falls er diese als Anwalt begleitet haben sollte“.
Das ist das vielleicht Erschreckendste: „Es haben sich alle
Bürgerschaftsfraktionen der Medienhetze unterworfen“, so Claussens Befund.
„Das geht leider noch wesentlich weiter als bei Frau
[9][Brosius-Gersdorf].“
Dass „der schleichenden Erosion der Verfassungsordnung durch populistische
Manöver aus der Mitte des Parlaments Vorschub geleistet wird“, hat auch Lea
Voigt beobachtet – und daraus die Konsequenzen gezogen. Auch die
profilierte Strafverteidigerin war von der Bürgerschaft 2023 zur
Stellvertretenden Richterin am Staatsgerichtshof gewählt worden. „Unter
diesen Vorzeichen“, heißt es in ihrer Erklärung, lasse sich „eine
Mitgliedschaft beim Staatsgerichtshof nicht länger mit der anwaltlichen
Unabhängigkeit und Verschwiegenheit vereinbaren“, begründete sie am
Donnerstag ihren Rücktritt.
Die CDU griff das sofort auf, um sich bestätigt zu fühlen. Allerdings
nicht, ohne die Begründung neu zu erfinden. Es habe sich, halluzinierte
Wiebke Winter, um einen „Rücktritt aus Solidaritätsgründen“ gehandelt. Und
den wiederum halte die CDU-Fraktion, heißt es in etwas verquerem Deutsch,
„nur für vorgeschoben“.
15 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Bremer-V-Mann-Skandal/!6153435
(DIR) [2] /V-Mann-in-Bremen-enttarnt/!6145525
(DIR) [3] https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2016/04/rs20160420_1bvr096609.html
(DIR) [4] https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/224/publikation/das-problem-verfassungsschutz/
(DIR) [5] /Kritiker-ueber-Verfassungsschutz/!5495874
(DIR) [6] /Verfassungsschutzkritiker-rehabilitiert/!5739734
(DIR) [7] /Kritik-an-Bremens-Umgang-mit-Demos/!5756589
(DIR) [8] /Ablenkungsmanoever-im-V-Mann-Skandal/!6152220
(DIR) [9] /Rueckzug-von-Brosius-Gersdorf/!6102139
## AUTOREN
(DIR) Benno Schirrmeister
## TAGS
(DIR) Bundesamt für Verfassungsschutz
(DIR) Verfassungsschutz
(DIR) Staatsanwaltschaft Bremen
(DIR) CDU Bremen
(DIR) Bremen
(DIR) Bremer V-Mann-Skandal
(DIR) V-Mann
(DIR) Spitzel
(DIR) Interventionistische Linke
(DIR) GNS
(DIR) Bremer V-Mann-Skandal
(DIR) Bremer V-Mann-Skandal
(DIR) Bremen
(DIR) wochentaz
(DIR) V-Leute
(DIR) Bremen
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Bremen nach dem V-Mann-Skandal: Die Linken-Jagd kann jetzt mal ruhen
Der Misstrauensantrag gegen Bremens linke Senatorinnen scheitert.
Kleingemacht hatten sie sich dafür vor den Koalitionspartner*innen
nicht.
(DIR) Bremer V-Mann-Skandal: Der Mitarbeiter, der Anwalt, der V-Mann
Die taz will dabei sein bei der Enthüllung brisanter Verflechtungen von
Politik und Linksextremismus in Bremen – und sortiert einfach mal die
Fakten.
(DIR) Bremer V-Mann-Skandal: Anwaltskammer verteidigt den Rechtsstaat
Ein Anwalt ist zum Rücktritt von seinem Amt als Verfassungsrichter gedrängt
worden. Das, so die Anwaltskammer, verletze rechtsstaatliche Grundsätze.
(DIR) Bremer V-Mann-Skandal: Wie Spiegel und CDU die Gewaltenteilung angreifen
Medien und Politik drängen in Bremen einen linken Rechtsanwalt zum
Rücktritt von seinem Amt als stellvertretender Richter. Der hatte nur seine
Arbeit gemacht.
(DIR) V-Mann-Affäre in Bremen: Linke opfert Verfassungsrichter
Ein Rechtsanwalt, der dem Bremer Staatsgerichtshof angehört, war wohl bei
der Enttarnung eines V-Manns zugegen – das ist alles andere als ein
Skandal.
(DIR) Verfassungsschutz überwachte Bremer IL: Ein psychisch instabiler V-Mann
Über sieben Jahre hat der Verfassungsschutz Bremens Interventionistische
Linke mit einem V-Mann bespitzelt. Die fordert die Abschaffung des
Dienstes.